Mats Eilertsen Trio
Foto: CF Wesenberg

Retrojazzia redux

Ein Blick auf aktuelle Neuerscheinungen im Jazz und der Improvisationsmusik – mit besonderer Berücksichtigung österreichischer Neuerscheinungen.

Was tut sich so im Jazz? Dieselbe Stilverwirrung und Retromania wie im Pop? Im Grunde ja, wobei der Begriff »Jazz« an sich auf ein versunkenes Paradies verweist, das längst von einer ausschließlich dem Hier und Jetzt einer konkreten Aufführung bzw. eines bestimmten künstlerischen Zusammentreffens verpflichteten Improvisationsmusik abgelöst wurde. Also bemüht man sich ständig, von »zeitgenössischem Jazz« zu sprechen, obwohl doch alles im Jazz auf ein Gestern, auf eine Reminiszenz verweist. Und dabei will man oft eigentlich nur »schöne Musik« machen.

Thomas Siffling Trio: »Personal Relations«
So schön etwa wie auf »Personal Relations« vom Thomas Siffling Trio, erschienen auf Jazznarts Records. Dort schreibt man bei der Genrebezeichnung »acoustic & electronic groove music«, was wir lieber überlesen hätten. Ebenso, dass Trompeter und Flügelhornspieler Thomas Siffling, als einer der ersten deutschen Trompeter, elektronische Effekte zur Sounderweiterung auf der Trompete benutzte. Hm. Sicher ist, dass das bisschen Elektronik diese ansonsten sehr entspannte CD nicht moderner macht. »Personal Relations« klingt nach hübsch unterkühlten Westcoast Jazz, zu dem sich hin und wieder eine elektroverfremdete Trompete gesellt, die aber wiederum nach Miles Davis in den späten 1970ern, frühen 1980ern klingt. Ein Fest der Reminiszenzen.

Philipp Harnisch Quartet: »Songs about Birds and Horses«
Etwas frischer klingt das Philipp Harnisch Quartet auf »Songs about Birds and Horses«, erschienen auf Listen Closely. Aber das täuscht vielleicht. Der Bezugspunkt ist in dem Fall Paul Motian und damit der zwischen Kammerkonzert, Free und Fusion oszillierende Jazz der 1970er, der oft auch als »Creative Jazz« bezeichnet wird. Diese Reminiszenz wird von Philipp Harnisch am Altsaxophon und seinen drei Mitstreitern mit großer Geste umgesetzt, manchmal sperrig, manchmal relaxed, immer aber punktgenau. Statt einer Reminiszenz darf man hier fast von einer Reanimation sprechen.

Memplex: »Souvenir«
Auf demselben Label ist auch »Souvenir« von der österreichischen Allstar-Band Memplex (Niki Dolp, Mario Rom, David Six, Walter Singer und Werner Zangerle; Zangerle ist zugleich auch der Labelgründer) erschienen. Wir treffen hier nicht zufällig Phillip Harnisch bei einem Gastauftritt wieder. Das Niveau ist ähnlich hoch wie auf den »Songs about Birds and Horses«, aber der Zugang ist bunter und reichhaltiger. Fast entzückend, die zwei Songs mit Sängerin Mira Lu Kovacs, insgesamt stellt sich jedoch eine leichte Reminiszenz-Ermüdung ein.

Hypnotic Zone: »La justice, les filles et l’éternité«
Apropos Reminiszenzen. Wir bleiben beim Label Listen Closely, wandern aber in Richtung Jazztrio. Hypnotic Zone – das sind Pianist Villy Paraskevopoulus, Bassist Stefan Thaler und Schlagwerker Niki Dolp – verknüpfen die klassische Jazztrio-Improvisation, vom Schlage eines Bill Evans, mit frischeren, radikaleren Impro-Varianten, wo die schroffesten Klangmöglichkeiten und die Wunderwelt der Interaktion im Vordergrund stehen. Mal krachend, mal scheppernd, expressiv, überwiegend aber episch, verträumt und gedämpft. Das Besondere, das Hörenswerte an »La justice, les filles et l’éternité« ist, dass sich dies auf stimmige Weise ausgeht, auch wenn »am Ende des Tages«, also insgesamt, eher die Beschaulichkeit siegt. Dass das letzte Stück »Satie’s Little Blues Waltz« heißt, ist bezeichnend, ebenso dass dieser (Eric) Satie wie ein eingesprungener Bill Evans klingt. Zum Glück kommt dann doch noch eine krachige Schlusspointe. Nicht nur deswegen ein gutes Stück.

Mats Eilertsen Trio: »Sails Set«
Nehmen wir jetzt den improvisierten, krachigen Anteil wieder weg, drehen aber die Bill-Evans-Regler ganz nach rechts, addieren eine verspielte Improvisationsfreude auf höchstem Niveau dazu, dann sind wir in der vor lauter makelloser Jazzschönheit beinahe erstarrten Welt von »Sails Set« (Hubro). Wir notieren dazu drei Namen: Mats Eilertsen (Bass), Thomas Strønen (Drums) und Harmen Fraanje (Piano). Fraanje lässt auch ein bisschen seine Stimme hören, singt aber nicht wirklich … eher so, als würde Keith Jarrett sein Begleitraunen harmonisch ein wenig ausschmücken. Diese drei klingenden Namen liefern auf »Sails Set« gediegene, vollendete Jazzkunst. Ganz ähnlich jubelte auch die internationale Fachpresse, die schönste Umschreibung dabei lautete: a »parade of interludes«.

Ride The Slide: »Get up«
Wir wechseln Label, Land und Genreschublade. »Get up« von Ride The Slide, erschienen auf Somaton, präsentiert den Klagenfurter Posaunisten und Elektroniker Mario Vavti samt Bassist Stefan Thaler und Drummer Harry Tanschek. Hier geht es angenehm funkig zu, die »geschmackvoll eingesetzte Elektronik« ist zwar nicht gleich die halbe Modernitätsmiete, aber an »Get up« überzeugt ohnehin mehr die hörbare Spielfreude und die Leichtigkeit des Vortrags. Außerdem gibt es für beherzte Posaunisten immer Extrasympathiepunkte, besonders wenn man seinem Instrument gar so smooth-groovige Phrasen entlockt.

Samuel Blaser Quartet: »As the Sea«
Auch ein Posaunist, aber in einer völlig anderen Jazzecke beheimatet, ist der recht junge Schweizer Samuel Blaser. Hier sind wir zurück in der nach oben offenen Improvisation-Skala (offen zur Atonalität, Expressivität, Introspektion hin). »As the Sea« ist eine vierteilige Suite, in einem Stück bzw. Konzert live eingespielt. Der besondere Reiz ist nicht nur der etwas verhaltene, aber doch kraftvolle Druck, der ständig herrscht, auch das Zusammenspiel mit Gitarrist Marc Ducret funktioniert ganz hervorragend. Zwar wird das Impro-Rad auch auf dieser CD nicht neu erfunden, Blaser wird seinem rasch wachsenden Ruf als hervorragender Instrumentalist mit hellem Köpfchen aber gerecht. Erschienen ist die CD auf dem renommierten Hat Hut Label, das ja ohnehin für höchste Hörqualität und Ansprüche steht.

Gratkowski/Brown/Winant + Winkler: »Vermillion Traces / Donaueschingen 2009«
Und da wir schon knietief in der modernen Improvisationsmusik stehen, können wir auch gleich noch bei Frank Gratkowski vorbeischauen, der ja als einer der »innovativsten Improvisationsmusiker Deutschlands« gilt. Von ihm ist in letzter Zeit ziemlich viel erschienen, etwa einige mikrotonale Stücke, die er für sein Saxophon-Ensemble Fo(u)r Alto geschrieben hat. Bei Gratkowski geht es also auch in Richtung komponierte Musik, dass er darüber hinaus eine Vorliebe für atonalen Kammerjazz hat, sollte gleich als Warnung für Freunde eher hörgefälliger Jazzwelten dienen. »Vermillion Traces / Donaueschingen 2009« ist eine Doppel-CD und vereint zwei Trio-Einspielungen gemeinsam mit Chris Brown (Piano und Elektronik) und William Winant (Percussion). Die »Vermillion Traces« wurden im Studio eingespielt, die zweite CD ist ein Auftritt bei den traditionsreichen Donaueschinger Musiktagen. Hier wird das Trio beim ersten Track »Bikini. Atoll« noch vom Salzburger Komponisten und Liveelektroniker Gerhard E. Winkler verstärkt. Diese doppelte »Verelektronisierung« erschafft die reichhaltigste Klangwelt auf der gesamten Einspielung. Die Live-Stücke sind aber generell entspannter als die oft ein wenig quengeligen Studiostücke, und damit in diesem Fall sogar spannender. Die auf Leo Records erschienene CD wurde vom SWR2 mitproduziert.

Fazit
Mit diesem vermutlich wirklich »innovativsten« Eintrag steigen wir aus dieser Rundschau wieder aus. Was nehmen wir mit? Dass die österreichischen Jazzer und Improviser zwischen international renommierten und aufstrebenden Namen gar keine schlechte Figur machen. Dennoch sind diese Momente, bei denen einem die Spucke wegbleibt, nach wie vor rar gesät . Schade, eigentlich.