Paul McCartney

»McCartney III«

Capitol

Als der inzwischen 78-jährige Paul McCartney vor wenigen Monaten ankündigte, ein Album mit Namen »McCartney III« veröffentlichen zu wollen, war die Aufregung in der Fangemeinde wie auch bei Kritiker*innen groß. Einerseits, weil sein letztes Album »Egypt Station« 2018 erschien und somit, für McCartney-Verhältnisse im 21. Jahrhundert, das neue Album doch recht schnell folgte. Andererseits, weil der Albumname »McCartney III« in einer großen Tradition steht. »McCartney« (1970) und »McCartney II« (1980) sind beides Alben, die der Multiinstrumentalist in toto selbst einspielte sowie produzierte und die heute aufgrund ihrer experimentellen und ungewöhnlichen Stücke als Klassiker und Geniestreiche gelten. »McCartney III« hat also in große Fußstapfen zu treten und es stellt sich sogleich die Frage, ob das Album diese auch ausfüllen kann? Auf den ersten Blick ist die Antwort ernüchternd: Nein. Doch halt! Man muss bedenken, dass die beiden vorangegangenen Alben zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung mit unzähligen negativen Kritiken konfrontiert waren und erst retrospektive, mit einigen Jahren Abstand also, zu den genialischen Werken erhoben wurden, als die sie heute gelten. Ein zweiter, vielleicht auch dritter Blick auf das neue Album könnte sich folglich lohnen.

Tatsächlich gewinnt »McCartney III« mit jedem Durchgang. Vom Sound her liegt das Album irgendwo zwischen »Egypt Station« (2018), »New« (2013) und »Electric Arguments« (2008 mit »Youth« unter »The Fireman« erschienen). In seiner Produktion ist das Album State of the Art, also fernab der Zeitlosigkeit seiner Vorgänger, doch waren auch diese damals dem eben völlig anderen musikalischen Zeitgeist stark verpflichtet. Nichts Neues, eher die Fortführung einer Tradition, die Paul McCartney seit jeher auszeichnet. Im Songwriting beweist er wieder einmal sein melodisches Geschick und paart dieses mit der ihm eigenen experimentellen Ader, die an einigen Stellen etwas verwundert aufhorchen lässt, sich indes stets gut in die Musik integriert. Heavy-Listening-Album ist »McCarntey III« gewiss keines. Viel eher lässt sich das neue Werk als ein Panoptikum verschiedener Genres begreifen. Die Spannweite reicht dabei von klassischen Rockern (»Lavatory Lil«), über zuckersüßen Pop (»The Kiss of Venus«) bis hin zu hypnotischen Stücken, die irgendwo zwischen Gospel und R&B stehen (»Deep Down«), sich aber eigentlich gar nicht mehr so leicht einordnen lassen wollen. Mit »When Winter Comes« ist dem wohl erfolgreichsten Musiker aller Zeiten übrigens ein Song gelungen, den man ad hoc eher seinem Zeitgenossen Donovan zuordnen würde. Freilich gibt es, wie immer wieder mal beim Ex-Beatle, auch Tracks, bei denen man sich fragt, weshalb nicht zehn, fünfzehn weitere Minuten in das Ausformulieren der Lyrics investiert wurden. Auf »McCartney III« allerdings eine Seltenheit, die man Paul nachsehen kann, insbesonders auch wenn man bedenkt, dass selbst Bob Dylan oder Roger Waters beizeiten tief danebengreifen.

Homemade-Alben stehen und fallen mit den musikalischen Fertigkeiten von Künstler*innen. Im Studio kann man, gerade durch zusätzlich engagierte Musiker*innen, so manche Unzulänglichkeit ausbügeln, bei vollständig allein aufgenommen Alben ist das selbstredend nicht möglich. Schon zu Beatles-Zeiten war Paul McCartney dafür bekannt, so ziemlich jedes in Rock und Pop übliche Instrument nahezu perfekt zu beherrschen, und einige Stücke spielte er dazumal bereits solo ein. Mit »McCartney III« wird diese Tradition fortgeführt und das Album wartet mit einigen nicht uninteressanten Parts auf. Zu nennen wären etwa die Gitarren in »Long Tailed Winter Bird« oder der Gesang in »Women And Wives«, welchen man so gar nicht von der immer gebrechlicher werdenden Stimme des 78-Jährigen erwartet. Anzumerken ist überdies, dass Paul McCartney es auf seiner neuen Platte schafft, in seinen stärker instrumentierten Songs niemals das Gefühl einer Überfrachtung zu erzeugen und auch minimalistisch anmutende Lieder wie »Deep Deep Feeling« fügen sich in das Gesamtbild und wirken keinesfalls lakonisch oder deplatziert. Gewiss: Der Albumname weckt Reminiszenzen an eine große Tradition und man ist als Kritiker*in dazu verleitet, gleich den alles bekrittelnden Rotstift zu zücken. »McCartney III« jedoch ist eines jener Alben, welches mit der Wiederholung nicht nur etwas, sondern ganz enorm gewinnt. Paul McCartney hat den Lockdown also durchaus zum allgemeinen Wohlgefallen genutzt und ihn, wie er selbst es nannte, zum »Rockdown« gemacht. Hat man etwaige Anfangsprobleme erst einmal überwunden, eröffnet sich mit »McCartney III« die mannigfaltige, polychrome Welt eines musikalischen Ausnahmetalents, die sich, einmal mehr, zu entdecken lohnt.