Foto: The Spaceapce © Cargo

Offshore Freq #4

JME und OH91 zeigen wie sich Grime Schubladen und Marktlogiken entzieht (oder auch nicht). Omar S produziert neuerdings HipHop, Roger Robinson und The Spaceape verorten Dub-Poetry in der Gegenwart und aus Mitteleuropa kommt etwas, das wie Jungle klingt, aber keiner ist.

An frisches Vinyl zu kommen gestaltet sich zunehmend schwierig. Vor allem seitdem Majors Vinyl wieder als Cash-Cow entdeckt haben und die wenigen verbliebenen Presswerke mit Aufträgen für profitable Nachpressungen überschwemmen (Stichwort: »Record Store Day«). Die Produktionszyklen haben sich von ursprünglich wenigen Wochen auf mehrere Monate verlängert. Die Produktion läuft dadurch am Kapazitätslimit, was mit einem spürbaren Qualitätsverlust einher geht und Erscheinungsdaten zunehmend unberechenbar werden lässt. Zugleich veranlassen die stark geschrumpften Auflagen immer mehr Labels, Veröffentlichungen als »limited edition« auf den Markt zu bringen. Beide Entwicklungen führen dazu, dass Releases immer öfter wochenlang als »pre-order item« von den großen Online-Plattenläden angepriesen werden, um kurz nach Erscheinen wieder vergriffen zu sein. Da diese Platten meist kurze Zeit später auf Online-Marktplätzen wie Discogs zu einem Vielfachen des ursprünglichen Preises angeboten werden, muss man leider davon ausgehen, dass sich ein Teil der Käufer weniger für die Musik, als für die Rendite interessiert.

ch1.jpgSo erzielt das im Mai letzten Jahres in limitierter Auflage erschienene Album »Integrity« von JME mittlerweile Preise von über hundert Euro. Einige der Käufer werden sich die Platte nicht einmal angehört haben – schade eigentlich, denn Jamie Adenuga versteht es wie kaum ein Anderer, an die Hochzeiten von Grime anzuknüpfen, ohne antiquiert zu klingen. Er biedert sich weder an den populären Clicks & Cuts-Grime an, noch an jenem Kidster-Sound, der sich vorwiegend einer Mischung aus Dubstep-Elementen und einiger Keysounds vom ultimativen Grime-Samplepack bedient. Ein paar Tracks am Album stechen heraus, etwa »Taking Over«, wo Adenuga auf einem Trap-Beat von PREDITAH Wichtigtuerei humorvoll aufs Korn nimmt (etwa: »if you buy into any of these menʼs lifestyles, keep your receipt«). Oder auch »Men Donʼt Care« featuring GIGGS, in dem die beiden auf einem Beat von SWIFTA BEATA einen auf Gangster machen, dabei aber durchaus charmant herumblödeln.

Im Vergleich wirkt OH91 auf seiner »Skanks EP« zwar bemüht, seine Produktionen kommen aber nicht an »Integrity« heran. Möglicherweise liegt das auch daran, dass sich der starke Titel-Track schnell als Abklatsch von WILEYs »The Morgue« aus dem Jahr 2003 entpuppt. Im Gegensatz zu den bisher genannten rollt OMAR S den HipHop auf »Sidetrakx Volume #4« von der House-Seite her auf und bleibt dabei gewohnt sperrig und gelassen.

ch1.jpg»I tell him: Itʼs OK to relax« meint auch ROGER ROBINSON auf dem von DISRUPT produzierten Album »Dis Side Ah Town«. Bezogen ist das auf einen jungen Mann, der während der »London Riots« durch die Straßen Brixtons fegt. Im Sommer 2011 wurde der unbewaffnete Marc Duggan von Polizisten erschossen, die Proteste haben sich in der Folge auf ganz Großbritannien ausgeweitet und sind mancherorts in eine gewalttätige Jugendrevolte umgeschlagen. Robinson, der auch Teil der Formation KING MIDAS SOUND ist, findet sich in Mitten der brennenden Straßen wieder und beschreibt in der Tradition britischer Dub-Poetry die Geschehnisse. Das Album ist dem im letzten Jahr verstorbenen Dub-Poetry-Artist THE SPACEAPCE gewidmet, dessen langjähriger musikalischer Partner KODE 9 mit »Killing Season« Ende 2015 eine letzte gemeinsame Platte veröffentlicht hat, ein sehr berührendes wie düsteres Vermächtnis.

ch1.jpgÛbertriebene Düsterheit kann man SUN PEOPLE nicht vorwerfen, »Swinging Flavors #1« knüpft an eine Jungle-Ära an, in der Soul und Funk noch eine größere Rolle gespielt haben, als später dann bei DrumʼnʼBass. Der Remix von MORESOUNDS macht den Track noch einen Tick schärfer und akzentuierter, gibt sich aber auch mehr Mühe, die Schubladenregeln des Genres zu befolgen. Auch S-MAX knüpft mit seiner aktuellen EP »Dropping Acid On Your Astro Turf« subtil an Jungle an, bedient sich ähnlicher Atmosphären und Basslines. Selbst wenn der Beat dabei gerade läuft, bleibt diese Platte unheimlich funky und very British.


kode9-spaceape_killing-season800x600_1.jpgJME: »Integrity« Boy Better Know. LP
Preditah feat. JME: »Taking Over« »youtube
Swifta Beata feat. Giggs & JME: »Men Donʼt Care« »details

OH91: »Skanks EP« White Peach, 12″ »soundcloud

Wiley: »The Morgue« Wiley Kat, 12″ »youtube

Omar S: »Sidetrakx Volume #4« FXHE, 12″ »clone.nl

Roger Robinson: »Dis Side Ah Town« Jahtari, LP »jahtari.org

Kode 9 & The Spaceape: »Killing Season« Hyperdub, 12″ »hyperdub.net

Sun People »Swinging Flavors #1« Machine, 7″ »music.beatmachinerecords.com

S-Max: »Dropping Acid On Your Astro Turf« lowmoneymusiclove, 12″ »soundcloud

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