Louder

»Love«

Nur Schrec! Records/Frosch Records

Martin Reiter meldet sich nach IEP und Loud in den 1990er-Jahren mit einer oberösterreichischen Neuausgabe seines Rock-Entwurfs zurück. Reiter war maßgeblicher Initiator und Mitbetreiber des legendär musikalisch guten und widerspenstigen, von der Politik geschlossenen Kanal Schwertberg und ist Mitbegründer des Labels Nur Sch. Records (Attwenger, Uncle Wiggly, früher Hans Platzgumer und viel Originäres mehr), das nie ganz weg war. Nun, was hat der in Berlin (Tacheles-Aktivist, gegenwärtig wissenschaftlicher Assistent im Hasso-Plattner-Institut) lebende Musik- und Kunstarbeiter im Talon? Mit Louder pflegt er seine Ob-der-Enns-Connection mit Roland Punzenberger (dr), Thomas Gerstorfer (g) und Hannes Urban (b). Musikalische Verortung: im Nirgendwo zwischen Crazy Horse und Hardcore. Dabei scheint es den Louder-Gesellen weniger als z. B. Neil Young darum zu gehen, die Welt zu retten (Earth-T-Shirts aus nachhaltiger Baumwolle), sondern den irdischen Zustand sarkastisch zu kommentieren: »We rape the world / We shaved the world / We google it all«. »Homeless«, mit Black Sabbath-ish laaangsamem Grummeln, ist wohl Reiters Irgendwie-immer-noch-Nomadentum geschuldet und eventuell doch Neil-Young-esk angehaucht, denke da nur an einen Song mit dem Mantra »Lotta Love« … Gleich darauf entlädt sich Wut in US-Hardcore-Manier. In »Hungary«, wird halb Ungarisch, halb Englisch geshoutet: »The West is not free, nobody knows that better than we / We are the border, we are the fence now / The East was not free, the East is not free, nobody knows that better than …«. Keine guten Vorzeichen, wenn ein Populist wie Orbán, der sich mit seinen Freunderln ein ganzes Land unter den Nagel riss, auch von der EU nicht gebremst werden kann. Überhaupt: Friedensnobelpreisträger Europäische Union ist mit ihrem Konkurrenz-befördernden Irrweg (EU-Steueroasen etc.) leider auch drauf und dran, sich selbst zu zerstören. Deshalb verwundert die Wahl einer Rockballade für »House Without Windows«, wenngleich mit scharfen Zähnen dargebracht. Erzreaktionäre rechte Populisten, aber auch von Lobbyisten unter Druck gesetzte Demokraten machen darin eine Politik, die eher skrupellosen Konzernen mit Profitprimat zuarbeitet als den Staatsbürgern, die sie regiert. Martin Reiter beschwört eine Dystopie herauf, wenn die Zivilgesellschaft es nicht schafft, den leider auch vielen zu wenig bewussten, implantierten Neoliberalismus zu brechen. Denkwürdiger Textauszug: »They build up houses / Houses without windows everywhere / Our politicians, you know, fake news, free market / A house without windows / Shareholders gambling / There is no light in life.« Final tanzen die Ratten den Apocalypso! Fazit: Zwar gibt’s musikalisch nix Neues unter der Sonne, aber Freude macht’s, das solide, 26:26 Minuten lange Album. Wiederhörensfreude, mit Lust gegen den Verdruss. Packte Nur Schrec! doch glatt einen Corona-Test bei: »Täglich morgens vor dem Zähneputzen Covid-19 (Louders) Spucktext nutzen.« Achtung, aufpassen, für welchen Nationalstaat der Test nutzbar ist! Louder geht es darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen und man arbeitet zurzeit an einem neuen Album »mit Stücken aus dem 22. Jahrhundert«, das aktuelle Mini-Album fungiert als Wiederaufnahme in Pandemie-Zeiten. Die alte Liveband ist wieder zusammen, na dann, es wird wieder aufgebaut …