Fotos: David Višnji? (rudimental)

It Don't Mean a Thing ...

Jazz zwischen inzestuösen Hörzirkeln, erstarrter Traditionspflege und hermetischer Innovation – ein Rundgang. Bleibt nichts übrig als das Mitschnippen oder Kopfzerbrechen?

Die »Süddeutsche Zeitung« unternahm unlängst einen Rettungsversuch. Eine Kolumne lang wurde der komatöse Patient »Modern Jazz« zwischen fehlenden Clubs, fehlender Akzeptanz und fehlenden Umsätzen mit guten Ratschlägen überhäuft. Zwar wühlten zwei Drittel der Kolumne in der Vergangenheit zwischen John Coltrane und Ornette Coleman, schlie&szliglich aber wurde doch die Band BadBadNot- Good beweihräuchert, weil sie mit Feuer im Arsch über aktuelles Liedgut improvisiere. Da ungefähr liege die Zukunft, denn, so der deutsche Jazzhaudegen Gunther Hampel: »Mündige Jazzhörer kriegt man wie im Fu&szligball nur durch echte Begeisterung. Wir müssen da ein neues Bewusstsein schaffen. Und wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern. Nicht nur bei den Musikern.«

Ein wahres Wort, oder? Der Segen hängt knöcheltief im Hause Jazz – und das hat viele Gründe. Etwa folgenden: »Jazz hat aufgehört, sich weiterzuentwickeln, hat den Anschluss an die Gesellschaft verloren«, so der US-amerikanische Pianist Robert Glasper. Aber es kommt noch dicker. Der Blogeintrag des Trompeters Nicholas Payton, Jazz sei ein rassistischer Begriff, man solle ihn in Hinkunft BAM (Black American Music) nennen, schlug unlängst gewaltige Wogen. Unwahrscheinlich zwar, dass diese Etikettendiskussion nach Europa überschwappt, au&szligerdem: Wenn schon Political Correctness, dann bitte gleich klarstellen, dass Jazz überwiegend Black American Male Music war ?? Aber Payton liegt die Umbenennung weniger am Herz als der Zustand des Jazz insgesamt: »Früher dachten viele an Drogenabhängige, Alkoholiker und Frauenhelden, wenn von Jazz die Rede war. Heute wird die Musik als langweilig, überintellektualisiert und schwer zugänglich abgelehnt. Am Wochenende wollen die Leute Spa&szlig haben und nicht für selbstverliebte Sesselhockermusik hohen Eintritt zahlen.«

Sade Adu anyone?
jazz2.jpgWas aber wäre die Alternative? Steht uns ein Update des Jazzpops der 1980er Jahre ins Haus? Sade Adu anyone? Ist der Mainstream nicht schon verwässert genug? Das diesjährige Jazzfest Wien präsentiert uns unter anderem Eric Burdon und Rufus Wainwright als Stars. Wo hier der Jazzbezug zu finden ist, ist weniger das traurige Thema als die Gewissheit, dass ein Hauch von Prominenz und die Vermeidung jeglicher Höranstrengung offenbar Programm sind. Immerhin, auch Keith Jarrett kommt, aber nicht unter 65 Euro pro Eintrittskarte. Bis 2013 wird Wien noch von Sonny Rollins, Brad Mehldau oder Branford Marsalis beehrt. Und wo spielen diese Herren? Im Wiener Konzerthaus. Da staubt es dann ordentlich raus aus dem hochkulturellen Rezeptionsteppich, der immer weniger Unterschiede zwischen Wiener Klassik und Westcoastclassics macht. Und wie finden heimische Jazzer, wenn sie nicht gerade altgediente Jazzlegenden sind, noch ihr Zielpublikum? Fragen wir eine kompetente Dame. Die gebürtige Chilenin Maria Paz Caraccioli Gutierrez ist eine der wenigen JazzmanagerInnen in Üsterreich. Zu ihren ??Schützlingen?? gehören Matilda Leko, Johannes Thoma oder das von Rob Bargad gegründete Label Barnette Records. Während sich Leko mehr der weltmusikalischen Ecke des Jazz verschrieben hat, setzt Thoma auf ausgefeilte, sphärische Kompositionen. Barnette Records betreiben groovige Traditionspflege, die beim Hören vor allem Spa&szlig machen soll. Denn: »Die Leute wollen weg von diesem kopflastigen, intellektuellen Jazz, sie wollen wieder eine Musik, die berührt und Spa&szlig macht.« Man will also wieder attraktiver werden, denn das Jazzpublikum ist seit Jahrzehnten auf der Flucht. Auch mit Hilfe von social networks wie Facebook – eigentlich prädestiniert für die Pflege eines Nischenpublikums – kann das abwandernde Zielpublikum kaum gehalten werden. Es fehlt die inhaltliche Attraktivität – und die jungen HörerInnen. Dieses Dilemma zeigte sich auch an einem von Barnette Records veranstalteten Abend im Zeichen des Jazzpianos. Sieben Pianisten wurden geladen, um mit eigenen Arrangements zu glänzen, darunter in der Szene durchaus geläufige Namen wie Gerald Schuller, Erwin Schmidt, Oliver Kent ?? Geboten wurde Traditionspflege auf höchstem Niveau, wunderbar zum Anhören und mitschnippen, aber weit weg von einer Auseinandersetzung mit aktuellem Liedgut. Und das Publikum? Ein gro&szliger Freundeskreis, der auch zum Tratschen kam.

New Northern Fusion
Fällt den Jazzern nicht auf, dass ihr schwindendes Publikum immer öfters aus anderen Jazzmusikern besteht? Und dass das Vertrauen in die eigene Virtuosität nicht bereits die halbe Miete ist? Und warum kann man nicht über »Bad Romance« anstatt über »My Favorite Things« improvisieren? Es gibt jedoch andere Zugänge. In Schweden und Norwegen beginnt gerade ein kleines Jazzrock-Revival, losgetreten von Bands wie Cakewalk, Bushmans Revenge oder der jungen Gitarristin Hedvig Mollestad. Auch dieser Trend kommt aus einer Musikszene, wo jeder jeden kennt und sich zuallererst Bands gegenseitig inspirierten. Aber immerhin, hier poltert und rockt es gewaltig. Das jugendliche Zielpublikum ist praktisch schon in der Tasche. Dennoch hockt der Jazzexperte gelangweilt in der Ecke und murmelt etwas von Fusion Music, die es im Jazz seit über vierzig Jahren gibt. Derzeit klingt diese »Northern Fusion« jedenfalls noch sehr unverbraucht.
Aufgebraucht hat sich hingegen der Jazz in seinem Kerngeschäft. Er ist zwar nicht tot, aber zum hochkulturellen Gerippe erstarrt. Spannend und infiziös ist er überall dort, wo er ausfranst, sich untreu wird. Da ist das Jazzimportland Europa im Vorteil, die Traditionspflege war hierzulande stets nur eine Möglichkeit. Das zeigt sich am deutlichsten bei den Innovatoren, die es im Jazz ja immer noch gibt – allerdings eher unter dem ?berbegriff »Improvisierte Musik«. Nicht mehr zwischen Komponisten und Improvisierenden (bzw. Musikern) zu unterscheiden, war etwa eine der Pointen beim diesjährigen Komponistenforum in Mittersill. Hier gilt allerdings, dass fast alle innovativen Sektoren der zeitgenössischen Musik von den Freunden des Laptops vereinnahmt sind. Atemberaubend moderner Jazz klingt oft ebenso nach scheppernden Seas of Sounds oder defragmentierten Klangstrukturen wie atemberaubend moderne Klassik. (So betrachtet hat natürlich die »Neue Musik« generell dieses Problem). Aber es gibt Ausnahmen, etwa der »High Tech Jazz« von Galaxy 2 Galaxy und von D3 (also die »Jazz/ Techno-Fusion«-Abteilung von Underground Resistance, die Jazz wieder als Black Secret Technologies versteht) oder nicht zuletzt die aktuelle Einspielung der Üsterreicher Dafeldecker, Fennesz und Brandlmayr (»Till the old world’s blown up and a new one is created«, erschienen bei M=Minimal). Ein gro&szligartiges Stück Experimentalmusik, das sich in kein Genre pressen lassen muss. Doch bei aller Genialität ist auch »Till the old world’s blown up ??« eine sperrige Herausforderung für die HörerInnen. Für den Traditionsfreund im Jazz viel zu weit weg, für das Hochkulturpublikum zu kopflastig und dissonant, für die PophörerInnen sowieso nur Lärm. Bleibt also nur der avantgardistische Hörzirkel, ein Häufchen Gleichgesinnter, von Beruf meist Musiker oder Rezensenten ?? Darum darf man die einleitenden Sätze von Gunther Hampel wohl wirklich allen Musikern um die Ohren knallen, die irgendwie mit Jazz in Berührung stehen. Es wird Zeit, wieder etwas für die Begeisterung auf den Rängen zu tun. It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.

Auf der Website der Band BadBadNotGood werden Mp3s gratis angeboten: badbadnotgood.com

Hier die Underground Resistance-Acts, die wohl selbst dem fusionsgeilsten Jazzfan kein Ührchen wert sind: www.undergroundresistance.com

Bislang noch wenig bekannte Traditionspflege aus Wien bietet das Label von Rob Bargad: www.barnetterecords.com

Zwei der profiliertesten Labels, auf denen »Northern Fusion« und Ähnliches zu finden sind: www.hubromusic.com www.runegrammofon.com

Curt Cuisine’s »Nischen/Leckerbissenrundschau Austria«