Billy Bragg. Foto:Barbara Mürdter

»Ich mache die Arbeit von Woody Guthrie«

1997 schrieb der britische Singer-Songwriter Billy Bragg neue Musik zu Songs von Woody Guthrie, die dieser nie aufgenommen hatte und wo so die Musik verlorenging. Bragg spielte sie mit der US-amerikanischen Alternative-Country- Band Wilco in Chicago, Dublin und Boston ein. 1998 erschien erstmals ein Album unter dem Titel »Mermaid Avenue«, der Wohnadresse von Guthrie in Coney Island in den späten 1940ern, als die meisten entstanden. skug hat Billy Bragg diesbezüglich befragt.

skug: Nora Guthrie, die Tochter von Woody Guthrie und Verwalterin seines Archivs, hat dich auf einer Veranstaltung zu seinem 80. Geburtstag angesprochen und gefragt, ob du einige seiner vielen unvertonten Songtexte mit Musik versehen und aufnehmen willst. Wie hast du reagiert?
Billy Bragg:
Meine erste Reaktion war: Das ist nicht mein Job, das ist Dylans, Arlos oder Pete Seegers Job. Aber Nora Guthrie machte mir deutlich, dass sie jemanden mit einer anderen Sicht auf Woody Guthrie haben wollte, und sie dachte, dass ich derjenige bin. Und es brauchte wirklich von 1992 bis 1996, bis sie mich überreden konnte. Sie hat mich letztendlich damit überzeugt, dass es so viele Songs im Archiv gibt, über dreitausend, und es überhaupt nichts ausmachen würde, wenn ich ein Album mit Songs ??verhaue??, niemand würde etwas verlieren. Unter diesem Aspekt war es für mich eine interessante Gelegenheit, mit jemandem zu arbeiten, der der Vater des politischen Liederschreibens ist. Ich bin dann nach New York gefahren, wo Nora gerade dabei war, ein Archiv mit den Arbeiten ihres Vaters einzurichten. Ich schaute in die Boxen, in die Manuskripte und sah einige dieser gro&szligartigen Lieder. Ich machte ein paar Fotokopien, nahm sie mit nach England und versuchte ein paar Songs daraus zu machen. Die habe ich Nora geschickt, und sie sagte, dass sie gro&szligartig klingen!

Wie habt ihr, du und die Musiker von Wilco, es geschafft, die Musik wiederzuerschaffen?
Wir haben die Musik nicht wiedererschaffen, das konnten wir nicht. Wir haben die Musik neu erschaffen. Wir hatten alle das Gefühl, dass das, was wir machen, ähnlich dem ist, was Bob Dylan und The Band bei der Aufnahme der »Basement Tapes« gemacht haben. Die Lieder sind ja nicht alle von Dylan, viele der Songs darauf sind alte Folksongs. Dafür benutzten sie aber die Musikstile des 20. Jahrhunderts, Blues, Rock’n’Roll, Soul. Wir kamen zu der Ansicht, dass wir das selbe mit diesen Woody-Songs machen sollten – den vollen Umfang der vorhandenen aufgenommenen Musik nutzen. Ein Grund, warum Nora mich wollte, war, dass sie das Gefühl hatte, ihr Vater sei ein wenig zu einer zweidimensionalen Karikatur dessen geworden, was er wirklich war. Alle kannten ihn durch die Lieder, die er in der »Dust Bowl« gemacht hat, weil es wunderbare Musik war, und jeder verband mit ihm »This Land is Your Land«, aber fast alle Songs im Archiv waren nach der »Dust Bowl«-Phase geschrieben worden, nachdem er 1940 nach New York gegangen war. Das war eine ganz andere Art Lieder. Woody hörte in New York Musik, die er in der »Dust Bowl« nie gehört hatte, und dazu zählte elektrischer Blues.

Wie habt ihr euch konkret auf das Ganze eingelassen?
Eine der naheliegenden Sachen, an die man bei so einem Projekt denkt, ist: Wie hätte Woody Guthrie das gemacht? Aber das sollte man nicht machen, weil man das einfach nicht wei&szlig. Man hat kaum zehn Prozent dessen gehört, was er geschrieben hat – neunzig Prozent der Songs hingegen wurden nie aufgenommen. So habe ich mich mit Wilco darauf geeinigt, dass wir die Musik spielen sollten, die wir passend fanden. Wir waren ein wenig besorgt, dass Woody-Guthrie-Puristen das nicht gefallen wird. Aber wir haben in einem seiner Notizbücher einen Song gefunden. Er konnte keine Noten schreiben, notierte aber manchmal das Tempo. Bei diesem Song, »My Flying Saucer«, schrieb er: »Supersonic Boogie«. Das war 1947. Also hörte er wahrscheinlich Boogie Woogie und Jump Music, die erste Rock’n’Roll-artige Gitarrenmusik. Ich habe daraufhin zu Jeff Tweedy gesagt: Diese beiden kleinen Wörter sind unser Weg aus dem Gefängnis. Wenn jemand fragen würde: ??Wie hätte Woody das gemacht???, könnten wir immer auf seine eigene handschriftliche Aufzeichnung verweisen und sagen: ??Schaut mal, Woody Guthrie hat nicht nur akustische Gitarre und Folksongs gespielt. Er hatte auch ganz viele andere musikalische Einflüsse.??

Es wäre interessant zu wissen, wie sich Guthrie musikalisch entwickelt hätte, wäre er nicht krank geworden – selbst wenn er generell nah an seinen Wurzeln geblieben ist.
Ich denke gar nicht, dass er so an seinen Wurzeln geblieben ist. In den Archiven sind viele jüdische Lieder, über Hanukkah, Songs, die er für seine Kinder geschrieben hat. Seine Frau war jüdischer Abstammung, seine Schwiegermutter war eine sehr bekannte Poetin. Er schrieb Kinderlieder, so dass sie sagen konnte, er erzieht ihre Enkel richtig. Und er war total beeinflusst von allem, was er hörte, wo immer er war. Sein Sohn Joadie erzählte mir einmal, dass eine von den Sachen, die er haben wollte, eine elektrische Gitarre war. Ich glaube, er hätte vor Bob Dylan elektrisch gespielt, noch vor dem Folkboom.

Wie hat diese intensive Beschäftigung mit Woody Guthrie dein Bild von ihm verändert?
Ganz einfach gesagt, habe ich aufgehört, ihn in der »Dust Bowl« zu sehen. Die meisten sehen, wenn sie an Woody Guthrie denken, den John Ford-Film »Früchte des Zorns« vor sich. Aber Woody hat seit den 1940ern in New York gelebt. Es gibt einen anderen Film, »On The Town«, mit Frank Sinatra und Gene Kelly, ein Musical über drei Matrosen auf Landurlaub in New York 1948. Der ist in Technicolor, und es ist die moderne Welt, wie wir sie kennen, nicht die »Dust Bowl«, die aussieht wie im 19. Jahrhundert. Das Ende des Films spielt in Coney Island, wo Woody zu der Zeit gewohnt hat. Wenn man sich den Woody Guthrie von »Mermaid Avenue« vorstellen will, muss man sich nur diesen Film anschauen. Wenn man einmal diesen psychologischen Sprung gemacht hat, ist es viel einfacher, ihn mit dem Klang von jemandem wie Tom Waits zu verbinden, dessen Musik sehr stark von den 1940ern und den frühen 1950ern beeinflusst ist, oder mit der Musik des Punk bzw. seiner Grundstruktur, diesem sehr heruntergebrochenen Klang, der in seinen wesentlichen Zügen ebenfalls aus den 1940ern kommt.

Und welchen Einfluss hatte diese Auseinandersetzung mit Guthrie auf dich persönlich, als Musiker und vielleicht auch als Mensch?
Mich persönlich, mein Songwriting, hat Woody Guthrie dahingehend verändert, dass in meinem Verständnis unser aller Feind, der wahre Feind derjenigen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, nicht der Kapitalismus oder der Konservatismus ist, sondern Zynismus. Und in der Rockmusik ist zu viel Zynismus. Woody Guthrie hat nie einen zynischen Song geschrieben, und seit ich in seinen Archiven gearbeitet habe, habe ich versucht, meinen Zynismus zu dämpfen. Ich glaube, Lieder zu schreiben, die Leute hinunterziehen, die von der Nutzlosigkeit der Existenz erzählen, helfen nicht dem generellen Prozess, diese Welt besser zu machen. Wir brauchen mehr Songs, die die Leute ermutigen, sich einzumischen.

Ist es dann ermutigend für dich, die aktuelle Widerstandswelle zu sehen, von Leuten, die sich einmischen, bei Occupy und anderswo?
Ja, es ermutigt mich. Aber ich glaube, heute ist es anders, als wir vor Jahrzehnten Politik betrieben haben. Ich denke nicht, dass es meine Aufgabe ist, die Verantwortung an vorderster Front mit meiner Gitarre zu tragen und allen zu erzählen, wie man die Dinge anzugehen hat. Aber ich glaube, die neue Generation von Aktivisten hat die Möglichkeit, die leidenschaftliche Idee auszudrücken, die die Basis des Sozialismus ist, die Vorstellung von einer fairen Gesellschaft, in der das Individuum unterstützt wird, mit der Bereitstellung einer kostenlosen Krankenversorgung, kostenloser Bildung, anständigen, bezahlbaren Wohnungen, korrekten Renten – was halt so alles aus Steuern von allen bezahlt wird. Ich glaube, die neue Generation hat angefangen, einen Weg zu finden, diese Ideen zu äu&szligern. Das finde ich sehr aufregend. Ich bin auch ermutigt dadurch, dass Musiker wieder Gitarre spielen. Das ist alles sehr anders als zu der Zeit, als ich begann. Ich war ein Junge aus der Arbeiterklasse, der mit sechzehn von der Schule ging – wenn ich damals etwas sagen wollte, war die einzige wirkliche Möglichkeit, meine Gitarre zu nehmen und Lieder zu schreiben, damit meine Stimme gehört wurde. Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten, seine Stimme zu Gehör zu bringen, mit dem Internet, mit Facebook und Twitter, indem man einen Blog schreibt oder einen Film macht und ihn auf YouTube stellt.

Wie bist du damals zur Politik gekommen?
Ich wurde durch eine Person politisiert, deren Namen ich nie vergessen werde. Das war Margret Thatcher. Ich hatte bis dato eine Einstellung, die man vielleicht grob ??humanistisch?? nennen könnte. Die einzige politische Aktivität, an der ich in den 1970ern teilgenommen habe, war Rock gegen Rassismus. In den 1980ern, als Margret Thatcher anfing, auf die Idee zu kommen, dass die Menschen keine kostenlose medizinische Versorgung haben sollten, keine kostenlose Bildung, dass wir die bezahlbaren Wohnungen verkaufen sollten, die dem Volk gehörten, merkte ich, dass Dinge, die wir als selbstverständlich empfanden, bedroht waren und ich etwas dagegen tun muss. Während des Bergarbeiterstreiks 1984 hatte ich die Möglichkeit, Lieder zu schreiben und zu sehen, ob diese Lieder wirklich etwas in dem Kampf bewirken würden. Also verband ich mich sehr mit dem Streik und wurde dadurch bis zu dem Punkt politisiert, dass ich ideologische Lieder schreiben konnte, die über das Persönliche hinausgehen.

Was meinst du mit ??ideologisch???
Das Wort hat für mich eine negative Bedeutung, aber ich glaube, du hast da ein anderes Konzept. Ich versuche schon Songs zu schreiben, die persönlich sind, aber meine Analyse – und das ist alles, was ich damit sagen will -, ist ideologisch. Und alle Ideologie ist, in einem persönlichen Sinn, eine politische Philosophie. Hat man eine politische Philosophie, mit welcher man alle Dinge betrachtet, oder nimmt man alle Sachen einzeln für sich? Tony Blair nimmt alle Sachen einzeln für sich, manchmal ist er auf meiner Seite, manchmal auf der anderen. Ich glaube nicht, dass das der beste Weg ist, Politik zu betreiben. Ich habe eine politische Philosophie, deren Grundlage die Vorstellung einer Gesellschaft ist, in der alle einander beistehen. Ich glaube nicht, dass das unbedingt bedeuten muss, den Kapitalismus zu beseitigen, um das zu erreichen. Aber man braucht eine politische Philosophie, die man auf die verschiedenen Phänomene anwenden kann. Dazu muss natürlich auch Pragmatismus gehören, damit man die Realitäten sieht, aber auch Prinzipien gehören dazu. Ich glaube nicht, dass Tony Blair viele Prinzipien hatte, sein einziges Prinzip war, Sachen zu machen. Ich glaube nicht, dass das reicht. So meine ich ??Ideologie??, nicht als Dogma.
Ich bin da auch noch sehr im 20. Jahrhundert. Ich glaube nicht, dass das junge Leute so sehr beschäftigt, die nicht in einer Welt aufgewachsen sind, die durch die Berliner Mauer getrennt war, und sie so auch keine Seite einnehmen mussten. Jetzt ist die Debatte viel breiter. Als Ergebnis hat es die Linke nicht geschafft, den Crash von 2008 richtig zu verarbeiten, weil wir in einer postideologischen Welt leben. Was ist die Ideologie von Angela Merkel? Oder François Hollande? Der scheint ein Sozialist zu sein, aber wenn man ihn sich genauer ansieht, ist er gerade noch ein Sozialdemokrat.

Naja, wir würden hier sagen, das ist der Neoliberalismus, der alle gro&szligen politischen Strömungen erfasst hat.
Das sagen wir auch. Aber da drau&szligen passiert etwas in dem Sinn, dass bald, ohne Ideologie und jenseits der Politik die unwiderstehliche Kraft der Märkte zuschlagen wird, das unbewegliche Objekt des Volks treffen wird. Die Neoliberalen und die Technokraten werden den Leuten sagen: ??Du wirst diese Einschnitte, diese Sparpolitik, wegen der Bankenkrise akzeptieren müssen.?? Und die Leute werden sich hinstellen, wie sie das in Griechenland gemacht haben: ??Wisst ihr was? Wir werden das nicht akzeptieren!?? ??Wer hat mehr Macht? Die Märkte oder das Volk??? Ich nehme an, das werden wir in den nächsten Jahren herausfinden. Und das ist der Punkt, an dem die ideologische Analyse, die einige von uns noch pflegen, nützlich sein könnte. Vielleicht auch nicht – den Leuten ist es vielleicht auch egal, und nicht wir werden den Schlag ausführen, sondern die Banken. Wir werden bald herausfinden, wer die Macht hat – und mein Gefühl ist, wie es auch die Geschichte lehrt, dass es das Volk sein wird.

Du bist in letzter Zeit in den britischen Medien ständig präsent, wenn es um soziale Ungerechtigkeit geht. Siehst du dich heute mehr als politischer Kommentator oder als Musiker?
Ich versuche, Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken. Ich war immer jemand, der kommuniziert. Ich glaube, Woody Guthrie war ein Kommunikator, egal ob er jetzt Lieder, Bücher und Artikel geschrieben oder Radio gemacht hat. Er wollte seine Gedanken mitteilen. Und ich bin durch den gleichen Antrieb motiviert, ob jetzt auf Facebook oder wenn ich einen Artikel für den »Guardian« schreibe, einen Song verfasse, einen Gig spiele oder bei der BBC diskutiere. Es geht darum, eine andere Perspektive der Welt anzubieten. Das ist das Beste, was Kunst und Kultur erreichen können. Sie können nicht die Welt verändern, das ist viel schwieriger. So versuche ich, meine Perspektive anzubieten, wann immer ich die Gelegenheit dazu habe.

Auf deiner Webseite sagst du ganz dezidiert, dass du das Internet intensiv nutzen willst, um deine Fans zu erreichen und deine Musik und deine Gedanken zu verbreiten – unabhängig von einer Plattenfirma. Was macht das neue Medium für dich als politisch engagierten Musiker anders?
Während des Bergarbeiterstreiks habe ich einen Song namens »Between the Wars« aufgenommen. Als der in den Läden war, war der verdammte Streik schon vorbei, weil es so lange gebraucht hat, ihn aufzunehmen, zu produzieren, die Hülle zu gestalten, es in die Vertriebspläne einzugliedern … Im vergangenen Jahr habe ich einen Song über Rupert Murdoch und den Abhörskandal geschrieben, an einem Freitag. Am Samstag habe ich ihn zum ersten Mal gespielt. Am Sonntag habe ich davon ein Video auf YouTube gestellt. Am Montag habe ich ihn mit einer Band aufgenommen, am Dienstag gemixt und am Mittwoch zum kostenlosen Download bereitgestellt. Da bietet das Internet eine gro&szligartige Möglichkeit, das schnell mitzuteilen, was man sagen möchte.

Du bist ja derzeit weltweit unterwegs, um die Gesamtausgabe der »Mermaid Avenue«-Sessions anzupreisen. Hast du denn auch schon ein neues eigenes Album in Planung?
bragg.jpgNächstes Jahr wird es ein neues Billy-Bragg-Album geben. Es war schon für dieses Jahr geplant. Aber als dann beschlossen wurde, dass die kompletten »Mermaid Avenue«-Sessions veröffentlicht werden, dachte ich, das ist ein Projekt für ein Jahr. Es ist einerseits sehr wichtig, dass die Leute jetzt in der Zeit von Occupy und der Krise der Eurozone an die gro&szligartigen Songs erinnert werden, die Woody Guthrie in den 1930ern und 1940ern geschrieben hat. Aber Nora war auch sehr lieb zu mir, sie hat mich als Teil der Woody-Guthrie-Familie aufgenommen, und ich habe das Gefühl, ich mache Woodys Arbeit. Das habe ich die ganze Zeit so gefühlt, also ist dieses Jahr besonders wichtig für mich.

Billy Bragg & Wilco:
»Mermaid Avenue – The Complete Sessions«

(CD+DVD, Nonesuch Records/Warner)