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Zeitkratzer total: Das 1997 gegründete Ensemble bringt in einem formschönen Schuber die Kollaborationen mit dem japanischen Gitarristen Keiji Haino, dem amerikanischen House-Musiker Terre Thaemlitz und dem deutschen Elektroniker Carsten Nicolai heraus. Dabei wird die ganze musikalische Bandbreite dieser Berliner Formation recht anschaulich umrissen. War es auch schon bei anderen Zusammenarbeiten wie z. B. mit John Duncan oder Lou Reed darum gegangen, möglichst dicht am Ausgangsmaterial zu sein und aber trotzdem eine eigenständige Interpretation der Werke abzuliefern, so werden auch hier die jeweiligen Klangcharakteristiken entsprechend rübergebracht. Im Fall von Thaemlitz »Superbonus« und weitere trance-lastige House-Nummern, die digitale Ästhetik Nicolais in die Anforderungen von Zeitkratzer konvertiert, und bei Haino sein typischer, fast schon traumverlorener Gesang mit so vielversprechenden Titeln wie »Aria« oder »Sinfonia«.

Genauso wie Teile der Haino-Performance, wurde auch »Volksmusik« beim Donaufestival in Krems aufgenommen. Eine Auseinandersetzung mit im weitesten Sinne eben Volksmusik war bei dieser wandlungsfähigen und neugierigen Band nur eine Frage der Zeit. Aufrechten Volksliedrecken werden die Nackenhaare zu Berge stehen, wenn Zeitkratzer ansetzen, ihre spezielle Version von einem »Jodler«, dem »Holzerruf« oder einem »Walz« zum Besten zu geben. »Hora« basiert auf einem seltsamen, osteuropäischen Metrum, während es bei »Sirba« vom schottischen Dudelsack zur veritablen Noise-Orgie geht. Vier wieder mal sehr gelungene Aufnahmen dieses schwer umtriebigen Ensembles. Zeitkratzer ist einfach eine der wichtigsten und interessantesten Formationen, die es zur Zeit gibt.

Original erschienen in skug #80, 3/2009

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