Darkthrone

»Astral Fortress«

Peaceville

Frei übersetzen ließe sich der Titel des neuen DarkthroneAlbums »Astral Fortress« mit »Wolkenkuckucksheim«, und genau da sitzen Ted Skjellum und Gylve Nagell, besser bekannt als Nocturno Culto und Fenriz, seit vielen Jahren und … ja, was machen sie da eigentlich? In erster Linie, was sie wollen. DerBlutdurst ist längst gestillt, die Panzerfaust steht in der Ecke – beweisen müssen die beiden niemandem mehr irgendwas. Daher geht auch jede Kritik in demaskierender Absicht an der Sache vorbei bzw. trifft auf nicht intendierte Weise zu, denn der naheliegende Vorwurf der Nibelungentreue, »Das findest du ja nur gut, weil es Darkthrone sind!«, wird natürlich umgehend mit »Ja!« beantwortet. Warum? Weil es Darkthrone sind! Mit jeder neuen Veröffentlichung dokumentiert das Duo seine singuläre Stellung. Unbeirrt und dickköpfig geht die Band ihren Weg, über Stock und Stein, wie das primitive Video zu »Caravan of Broken Ghosts« zeigt bzw. »on steady course away fromall trends«, wie Fenriz es formuliert. (Natürlich setzen sie damit einen eigenen Trend.) Man kann der Band dabei folgen oder es bleiben lassen. Es wird sie wenig kümmern. Warum aber lohnt es sich, dranzubleiben? Weil die beiden verschrobenen Norweger zeigen, wie man in Würde altern kann, und das ist im vitalistischen Genre Black Metal gar nicht so einfach. Das meine ich jetzt nicht sarkastisch, mit Blick auf die blutige Historie des Genres, sondern dahingehend, dass Altern eine Bewältigungstatsache ist – vor allem, wenn man als junger Vampir Standards gesetzt hat. Ihren Ausweg haben Darkthrone schon vor langer Zeit gefunden, bleiben Bühnen fern und treffen sich stattdessen im Proberaum, wo sie in aller Regelmäßigkeit Alben zusammenzuzimmern, die sich stilistisch längst jenseits vom Black Metal bewegen.

Und jetzt ist es also wieder soweit. Eine neue DarkthronePlatte liegt vor. Wer dem »Fenriz Metal Pact«-Podcast hin und wieder ein Ohr leiht oder hinreichend orientiert ist über die Rückwendung von Darkthrone zu Proto-, Doom– und Underground-Power-Metal, der ahnt, wohin sich die Reise mit »Astral Fortress« fortsetzt: tiefer und tiefer hinein ins eigene Lo-Fi-Klanguniversum. Es rumpelt und scheppert ordentlich, ein rostiges Riff reiht sich ans nächste, das Songwriting hat durchaus etwas Erratisches. Aber ist das schlimm? Nein. Im Gegenteil: Der Eindruck, dass da auch nach wiederholtem Hören »nicht viel hängenbleibt« ist eher ein Qualitätsmerkmal, und wenn nach 40 Minuten Schluss ist, dann kann’s gleich wieder von vorne losgehen, denn – und darin besteht, würde ich sagen, die Kunst von Darkthrone – langweilig sind die kauzig-sperrigen Spätwerke der Band nicht. Im Gegenteil, »Astral Fortress« hält ein paar hübsche »What the fuck!?«-Momente bereit, aber eben nicht in dem Sinn, dass sich die Songs in extremer Stilistik selbst überböten und Hörer*innen an die Grenzen des Ertragbaren führten. Oder vielleicht doch, aber eben in eher subversiver Weise, Genrekonventionen über Bord werfend. Das fängt ja schonbeim Cover-Artwork an (Schlittschuhlaufen mit Darkthrone, dünnes Eis, ja, ja …) und setzt sich eben in der Musik fort, im teilweise abstrus anmutenden Songwriting, das mich momentweise immer wieder auflachen lässt. Ja, mit Darkthrone kommt man 2022 gut gelaunt durch den Tag, und muss zum Lachen nicht mehr in den Keller gehen. Wer’s nicht glaubt, dem liest Fenriz ggf. noch mal die Leviten – Vorsicht, der kann »Feng-Shui«!