Anrufung des großen Rezensenten

Als Opfergänge noch geholfen haben, die Verkaufszahlen hochzuschrauben. Eine durchgeknallte Sammelreview mit CDs von EMA, Wye Oak, Sebastien Teller, Yann Tiersen, The Little Band from Gingerland, Owen Pallett und Sylvan Esso.

Eine Reisegruppe schlägt sich durch den subamazonischen Urwald, schweißüberströmt, völlig entkräftet, genervt von den Strapazen und der Hitze. Unterwegs sind ein fülliger Produzent, eine junge PR-Assistentin und Esteban, ein Bursche aus dem Dorf am Rande des Urwalds, der als Träger angeheuert wurde. Er verkraftet die Hitze natürlich am leichtesten, während Doris, die frischgebackene Journalismusfachhochschulabsolventin, vor Hitze fast umkommt. Ziel ihrer Expedition ist die sagenumwobene Steinskulptur des ewigen Rezensenten, ein postkolumbianischer Fetisch, ein Mythos, eine Legende. Mehr als fünfzig Meter soll sie über den immergrünen Urwald hinausragen und die Sage berichtet, dass CDs, LPs oder gar digitale Downloads – zu ihren Füßen als Opfer dargebracht -, hernach von den Göttern begünstigt würden. Endlose Reputation, steigende Zugriffszahlen und womöglich sogar die ach so begehrten Selbstläufereffekte seien zu erhoffen.

Endlich erreicht die Gruppe die eingezeichnete Lichtung und tatsächlich: ehrfurchtsgebietend ragt die Statue über ihnen hoch, eine in rohen Fels gehaute Skulptur, ein kritischer Denker in Pose. Das Rezensentenmonument sieht ein bisschen wie Rodins Denker aus, nur dass der Koloss eine Schallplatte in Händen hält. Und natürlich Moos und Efeu überall, Verwitterung und Niedergang. Die Stimme des Rezensenten ist versunkene Kultur, ein Aberglaube aus patinaschwangeren Zeiten. Aber eben drum … wer weiß, was die alten Meister wussten. Die PR-Assistentin setzt sich erstmal auf einen Felsen unter schattigen Ästen und fächelt sich Luft zu. Ihre weiße Bluse ist klatschnass, völlig durchschwitzt. Esteban konnte seine Augen schon seit einer guten Stunde nicht mehr von ihrer beachtlichen Oberweite abwenden …

Dieser alte Elektrofolk

EMA.jpgDer Produzent hingegen verliert keine Sekunde. Er reißt den Rucksack auf und zieht die erste CD aus dem Stapel: »The Future’s Void« von EMA, einer angesagten Sängerin aus South Dakota. Der Produzent wirft sich auf die Knie, die Hände ausgestreckt, Handflächen nach oben, darin das fast druckfrische Werk. Und tatsächlich, ein Ruck geht durch die Rezensentenstatue, Vögel flattern aufgescheucht aus schattigen Nischen hervor und von hoch oben, fast schon aus den Wolken, dringt eine Stimme, ein dumpfer Bariton: »Noch so eine Elektrofolkpopgöre, die bloß eine Spur zu unterkühlt klingt, um in den Popschlagerhimmel zu kommen. Dafür aber wird sie von naseweisen Feuilletonisten geliebt, die Kitsch von Kühnheit nicht unterscheiden können. Aber wen wundert’s bei Typen, die heimlich Lykke Li und Lorde hören. Die Dame hat nicht annähernd die Zukunft, die ihr prophezeit wird, weil ihr die eigene Coolness dauernd in die Quere kommt, aber ich habe schon Uninspirierteres gehört«. Dann Schweigen. Der Produzent kann es erst gar nicht glauben. Er wischt sich den wyeoak.jpgSchweiß von der Stirn und denkt: »Das ist alles? Na, das fängt ja gut an!«
Fieberhaft sucht er in seinem Rucksack nach einer weiteren CD und wird bei »Shriek« von Wye Oak fündig. Wieder wirft er sich in den Staub: »Besser«, tönt es dumpf von hoch oben, »aber im Grunde machen diese Indiefolker aus Baltimore denselben Electronica-Scheiß, nur mit einem glücklicheren Händchen für eingängige Melodien. Indes, was für einen Unterschied, wenn die sperrige Anbiederung ans Gefällige dann eben doch funktioniert. Eine schöne Platte, fraglos, sympathisch verspielt und wohltuend unspektakulär. Mehrmals durchhören, dann entfalten sich die eigentlichen Qualitäten«.

 

Urlaub in Frankreich

Der Produzent wischt sich wieder den Schweiß von der Stirn. »Gottseidank«, denkt er. »Ist ja gar nicht so schlimm wie befürchtet«. Er sieht sich kurz um, von seiner Assistentin und Esteban keine Spur, irgendwo raschelt es verdächtig im Urwaldgebüsch. Aber schon hat der Produzent die nächste CD in der Hand. »L’Aventura« von Sebastien Teller, dem französischen Neo-Chansonier. Und schon kniet er und die steinerne Statue spricht: »Ja, leck mich doch, die französische Vorwegnahme von Conchita Wurst, ein Bart und lange Haare, eine Songcontest-Teilnahme und auch ein Zumpferl ist da! Aber in Wahrheit ist Teller ein uneheliches Kind von Michel Polnareff, dem symphonischsten und verspieltesten aller Chansoniers. »L’Aventura« klingt dementsprechend, als hätte man ein Streichorchester, einen Nintendo 3DS und einen schmierigen Pariser Vororte-Casanova zusammengeschnürt und auf Rille gepresst. In den Arrangements herrlich angeschrägter Frenchpop, bei dem auch ein 14-minütiger Spacerockexzess nicht fehlen darf, aber in den Melodien ein Haufen Kitsch, der selbst das Lebkuchenhäuschen noch wie eine McDonaldsfiliale aussehen lässt.« Ende des Machtworts.
yann_262x262.jpgDer Produzent spürt, dass sein linkes Auge unwillkürlich zu zucken beginnt. Erneut wischt er sich den Schweiß aus der Stirn, wieder greift er in den Rucksack: Weil schon alles wurscht ist, schiebt der die neue CD von Yann Tiersen, »Infinity«, nach. »Mute Records«, rumort die Statue, »das ist fast der größte Witz daran. Eines der betagtesten Indie-Labels, das schon Nick Cave, Depeche Mode, The Swans oder Goldfrapp unter Vertrag hatte. Und jetzt Tiersen, der sich seit dem süßlich-minimalistischen Soundtrack zur »Fabelhaften Welt der Amélie« von eben dieser Sackgasse und diesem Fluch zu befreien versucht. Dabei schlägt er sich seit einigen Alben gar nicht unwacker. »Infinity« pendelt zwischen eher niedlichem Ambient und eher schleppenden Popsongs und bietet dabei Sängerinnen aus der Bretagne, Island oder den Färöer Inseln auf. Am Ende schaut sogar Aidan Moffat für einen Sprung vorbei und wir hören eine Arab-Strap-Nummer auf einer Yann-Tiersen-CD. Nicht übel. Ein Album für Connaisseure«.

Ein Vogel namens Ö3

gingerland.jpgDer Produzent grübelt. War das nun ein Verriss oder eine Hymne? Womöglich beides? Also macht er die Probe aufs Exempel. Er greift zu österreichischer Popmusik, die, wir wissen es seit Elke Lichtenegger, nichts wert ist. »Also schmeiße ich ihm einfach »Sir Prise« von The Little Band from Gingerland hin«, denkt der Produzent. »Dann wird es sich weisen. Wenn er diesen »Ausnahmepop« von Ángela Tröndle und Sophie Abraham, der ja nun wirklich durch alle Feuilletons des Lands hoch- und höher gelobt wurde, verabscheut, dann … Aber nein, das kann er nicht, oder? Nicht dieses »grandiose, erfrischend originelle Süppchen aus Welt-Folk, Avantgarde-Pop und Poesie«, dieses entzückende Balancieren zwischen Folk und Jazz und Kammerkonzert, hingezaubert mit einem leichtfüßigen, impressionistischen Pinsel, so als wäre das Biedermeier eine einzige Raveparty, das Rokoko ein Wellnessseminar für modebewusste Herzen und die Roaring Twenties nichts weiter als ein Kinderfaschingsball gewesen!«
Uups! Der Produzent hat sich hinreißen lassen. Er hat die Rezension in Gedanken selbst geschrieben … in der ihm gemäßen Sprache der Affirmation. Er überlegt kurz, blickt die Rezensentenstatue hoch und denkt: »Nein, die kriegst du nicht, zernörgelst sie ja doch nur! Ich lass mir meinen zuckersüß produzierten Avantpop nicht madig machen!«
Er wirft die CD zurück in den Rucksack, während sich ein Quetzal vom Kopf der Statue löst, eine majestätische Runde fliegt und dabei einmal präzise in den Produzentenrucksack kackt.
owenpallett.jpgDas böse Blut steigt dem Produzenten pochend in den Kopf! So eine Frechheit! Zornerfüllt holt er noch eine CD hervor. Die brandneue Platte »In Conflict« von Owen Pallett, der Welt vor allem als Teilzeitviolonist bei der Hipsterband Arcade Fire bekannt, Insidern hingegen als umtriebig-verträumter Solokünstler, der sich mit Final Fantasy einen der wohl unvorteilhaftesten Künstlernamen aller Zeiten verpasste, weil man unter diesem Begriff etwa eine Million Einträge zum gleichnamigen Rollenspiel von Square Enix ergoogelt, bevor man zum ersten Mal etwas von ihm liest. Darum gibt es Owen Pallett jetzt nur noch als Owen Pallett. Sogar die alten CDs sollen umbenannt werden.
Der Produzent geht auf die Knie: »Hm, ich habe ein Faible für Owen Pallett«, schwärmt das steinerne Denkmal musikkritischen Denkens, »die erste Platte war unglaublich entzückend. Aber auf der zweiten wirkte sein progressiver Kitsch schon etwas müde, auf der dritten noch mehr. Das neue Album, an dem er übrigens lange gefeilt hat, beginnt so hoffnungsvoll verspielt wie einst, aber gegen Mitte werden die windschief arrangierten, aber stets schmachtenden Songs doch eine Spur belangloser. Dennoch, so viel Spaß hat es schon lange nicht mehr gemacht, Owen Pallett zuzuhören. Wenn er sich jetzt auch noch unglücklich verliebt, würde er den betörendsten Synthiepop aller Zeiten machen. Schwere Empfehlung. Ûbrigens singt auch Brian Eno mit«.

Deep in the jungle

sylvan_esso_600500.jpg»Na geht doch«, brummelt der Produzent und stöbert ein letztes Mal in seinen fast leeren Rucksack. Dabei fällt ihm die Debütscheibe von Sylvan Esso (namens »Sylvan Esso«) zu Boden. Dem Produzenten ist das ein bisschen peinlich, schon wieder City Slang! Er räumt die CDs schnell wieder zurück. Außerdem hat er die Nase ohnehin längst voll. Aber die Statue hat schon zu sprechen begonnen: »Ja, was haben wir denn hier? Regina Spektor, der man das Piano weggenommen, aber dafür einen Elektrofachmann als Mitmusiker gegeben hat. Mit einem entzückenden Video, das zur Hälfte von Moloko abgeschaut wurde und einer noch viel entzückenderen Platte, aber …« – »Ja, ja, ja, blablabla!« brüllt der Produzent und läuft Hals über Kopf davon. »Ich kann das nicht mehr hören«, sagt er sich. »Ich krieg‘ Migräne von diesem Gesülze. Wenn ich das Wort entzückend noch einmal höre! Und überhaupt, wo ist dieses Luder hin?«
Er tankt sich durch das Dickicht, während hinter ihm die Rezensentenstatue immer noch weiterbrabbelt, von der feinen Vermengung von Folkrock und Elektronik und den putzigen Einfällen, um die manche der Songs so herrlich aufgebaut sind. Oder vom etwas einfältigen Hype rund um Sylvan Esso, was dieser Band gar nicht gut tue, wo sich doch die offenkundigen Talente von Amelia Randall Meath und Nicholas Sanborn ganz sicher noch weiter entfalten müssten …
»Diesen Scheiß lobt er«, denkt der Produzent voller Ingrimm und schiebt mit dem Arm eine weitere Wand aus Blättern beiseite – bis ihm plötzlich der Mund vor lauter Staunen offen bleibt. Vor ihm ein riesiger Platz, links und rechts Cocktailbars und Verkaufsstände, weiter vorne ein großer Bahnhof. Nur wenige Meter entfernt von ihm steht die PR-Assistentin an einem Rundtisch und nuckelt an einem durchsichtigen Cocktail. Sie winkt ihm zu. »Komm her, entspann dich! Man hat uns verarscht. Keine Rede von abgelegen, alles leicht zu erreichen. Und überhaupt, so macht man das heute nicht mehr. Nicht hier. Rezensionen sind so was von out.« Sie führt den Produzenten zu einem unscheinbaren Gebäude, wo lauter ungewaschene Typen vor Bildschirmen hocken. »Die haben hier alle mehrere Dutzend Fake-IDs, mit denen loggen sie sich andauernd in irgendwelche Foren und Videokanäle ein, wo sie Sachen liken und verlinken, den ganzen lieben Tag.« – »Und das hilft?«, fragt der Produzent etwas blöde. Die Assistentin zuckt mit den Schultern und deutet auf die Statue, die sich über ihnen erhebt: »Und das vielleicht?«