PHACE © Markus Bruckner
PHACE © Markus Bruckner

Am Puls der Zeit

Pränatale Hörerfahrung als Impuls für das biennale Salzburger aspekte Festival. Von 11. bis 15. März 2026 interpretieren Ensembles von NAMES über PHACE bis Kuss Quartett Werke zum Thema »Puls«. Komponist*innen sind u. a. Fabián Panisello, Sara Glojnarić und Alexandra Karastoyanova-Hermentin.

Mit der Wahrnehmung von Ungeborenen während der Schwangerschaft beschäftigte sich das aspekte Festival bereits 2024 unter dem Motto »Stimmen«. Aus den Geleitworten: »Der erste Herzschlag, den ein ungeborenes Kind hört und fühlt, prägt sein Bewusstsein für Zeit und Emotion. Diese elementare Erfahrung begleitet uns ein Leben lang und bestimmt unser Verständnis von Musik und Resonanz.« Auch für 2026 inspirierten pränatale Forschungsergebnisse, wodurch sich die Benennung des diesjährigen Leitmotivs ergab. Für »Puls« hat Intendant Ludwig Nussbichler wiederum ein hochkarätiges Programm zusammengestellt, welches die Stadt Salzburg kurzfristig zur österreichischen Hauptstadt experimentellen zeitgenössischen Komponierens und Musizierens macht. 

Neue Generation, alte Meisterinnen

Wie sehr Herz- und Atemrhythmus mit der Wahrnehmung der Zeit und emotionalem Erleben verbunden sind, wird besonders beim Auftritt der Motus Percussion unter der Leitung von Christoph Sietzen schlagend. Gleich sechs Percussionist*innen interpretieren am Samstag um 18:45 Uhr Werke von Georges Aperghis, Iannis Xenakis, Graciela Paraskevaídis und Johannes Maria Staud. Anschließend kümmert sich das Wiener Ensemble PHACE ab 21:00 Uhr um die Uraufführung von Werken junger Studierender an heimischen Musikunis, die aspekte im Vorjahr mit Radio Ö1 in einer gemeinsamen Jury auswählte. Verspricht, spannend zu werden, was Egemen Kurt, Dominik Wilnauer-Leitner, Parham Behzad und Noz Seug Ju als »Next Generation« kompositorisch draufhaben. 

NAMES © Bernhard Mueller

Tags zuvor, am Freitag um 18:45 Uhr, gastiert PHACE im Universität Mozarteum Solitär. »from shore to shore« heißt dieses Abendprogramm, das damit auf die Horizontlinie, welche Beat Furrer in »linea dell’orizzonte« klar benennt, verweist. Den Titel von »Küste zu Küste« kredenzt Sarah Nemtzow, die, inspiriert von Virginia Woolfs Roman »The Waves«, mit mikrotonalen Schwebungen und sich umkreisenden Harmonien Grautöne in Musik übersetzt. Intimere Pulsschläge sind unter dem Signet »Sound in Time« ab 21:00 Uhr angesagt. Pianist Nicolas Hodges und Cellist Anssi Karttunen interpretieren eine »Sonata« von Elliott Carter und Morton Feldmans grandiose Studie »Durations II«. Fein, dass der Tonsetzerinnen-Anteil überwiegt: Die Klänge der New Yorkerin Augusta Read Thoma und Betsy Jolas, die kommenden Sommer 100 Jahre alt wird, sind ebenso zu entdecken wie »Lintyrys für Klavier solo« von Alexandra Karastoyanova-Hermentin. 

»Songs for the End of the World« 

Letztere österreichische Pianistin und Komponistin schrieb mit »Breah« das Auftragswerk für die aspekte 2026, das für den Auftakt sorgen wird. Und zwar beim Eröffnungskonzert des Münchner Kammerorchesters am Mittwoch um 19:00 Uhr in der Stiftung Mozarteum. Einen unkonventionellen Direktblick in ihre Denkwelt liefert danach Sara Glojnarić in »Everything, Always« frei Haus. Das Stück der kroatischen Tonsetzerin hat eine »hybride Form«, angesiedelt »zwischen Musiktheater, Scripted Reality und konzertantem Stück«. »Zipangu« von Claude Vivier hingegen zeigt sich inspiriert von Nippon zu Marco Polos Zeiten, während Johannes Maria Stauds »Stachel« »bruitistische und verhauchende Musiklandschaften« birgt. Weiter geht’s in die Stadtgalerie Lehen, wo ab 21:00 Uhr gemäß einem Konzept des büro lunaire ein Live-Hörspiel namens »Schiffbruch mit Zuschauer« stattfindet. Stand in der Antike die kosmologische Stellung des Menschen im Vordergrund, wird eine solche Katastrophe ab der Neuzeit zur Metapher für die Unsicherheit menschlicher Existenz, was live umgesetzte Notate von Timea Urban, Germán Toro Pérez, Reinhold Schinwald und Florian Kindlinger veranschaulichen.

Münchner Kammerorchester © Daniel Delang

Peter Ablingers »Regenstück 1–6« und »Loops for Edgar Froese«, eine Hommage von Bernhard Lang an den Leader von Tangerine Dream, stehen am Donnerstag um 18:45 Uhr in der Szene Salzburg im Zentrum. Die Ausführenden kommen vom New Art and Music Ensemble Salzburg aka NAMES, wovon zwei Mitwirkende, nämlich Matthias Leboucher und Anton Lindström, aspekte-Auftragswerke beisteuern. Um 21:00 Uhr folgt das Kuss Quartett, das Sara Glojnarićs »Songs for the End of the World« zur österreichischen Erstaufführung bringt. Der Untergang der Titanic steht Pate im experimentellen Podcast (gewürzt von der Stimme der Sopranistin Sarah Maria Sun) mit Live-Musik als Kopfhörer-Konzert, sicher eines der Highlights der diesjährigen aspekte. 

Klang- und Spielräume

Das Grande Finale steigt am Sonntag um 18:45 Uhr, wo im Universität Mozarteum Solitär das oenm (österreichisches ensemble für neue musik) unter Johannes Kalitzke nach Werken von Jakob Gruchmann, Herbert Grassl und Fabián Panisello Harrison Birtwhistles »Secret Theatre« als »instrumentales Rollenspiel« im Fokus steht. In »Seven Japanese Sketches« für Oboe und Streichquartett transzendiert Panisello den Sound japanischer auf westliche Instrumente. Damit ist der argentinisch-spanische Komponist und Dirigent, langjähriger Direktor der Hochschule Reina Sofía in Madrid, auf der Höhe und am Puls der Zeit. Weshalb seinem Schaffen auch eine Open Lecture gewidmet wird: »Fabián Panisello – Introduction into his Musical Cosmos«, am Donnerstag von 15:00 bis 17:00 Uhr, Raum 4006, Universität Mozarteum Salzburg. 

Kuss Quartett © Ruediger Schestag

Schlussendlich sei noch auf ein Leitprojekt der aspekte verwiesen: »Spielräume« offeriert jungen Musiker*innen eine Bühne für Improvisation, Komposition und Interpretation. Am Donnerstag um 11:00 Uhr gestalten die Preisträger*innen des Wettbewerbs prima la musica Salzburg im Universität Mozarteum Solitär samt Gästen ein Konzert. Es spielen junge Musiker*innen mit hohem technischen und musikalischen Können, die für ihre herausragende Interpretation von Originalwerken Neuer Musik mit dem aspekte Sonderpreis ausgezeichnet wurden. 

Link: www.aspekte-salzburg.com

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