Sleaford Mods © Nick Waplington
Sleaford Mods © Nick Waplington

The rise of Sleaford Mods

Nottinghams Wut speiende Speerspitze gegen die Übel des Spätkapitalismus ist zugänglicher geworden, mit dem Effekt, dass immer mehr Menschen auf die Ursachen der akuten sozial-politischen Schieflage aufmerksam werden. Ein Spannungsbogen vom Debüt »Austerity Dogs« bis »The Demise of Planet X«.

Seit meinem Erstkontakt mit den Sleaford Mods sind nun auch schon 13 Jahre ins Land gegangen. Auf dem belgischen Kraak Festival, so kann man das rückblickend einordnen, ging 2013 der Stern des englischen Duos auf. Erste erfolgreiche Touren durch kleinere mitteleuropäische Clubs und Jugendzentren folgten, bevor Andrew Fearn und Jason Williamson über die folgenden Jahre zu den Popstars wurden, die sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihres neuen Albums sind. Über die frühen Jahre des Duos kann man sich auch die filmische Dokumentation »Bunch of Kunst« anschauen und für mich persönlich wird ihr Debüt als Duo »Austerity Dogs« immer das richtige Album sein, wenn mir der Sinn nach einer Prise Gift und Galle im morgendlichen Kaffee steht. Das muss ich erst einmal so hinschreiben, um meine Position im Verhältnis zu »The Demise of Planet X« zu markieren, denn was habe ich mit zeitgenössischer elektronischer Popmusik und deren Drumherum zu tun? Nicht viel. 

Auf dem Weg zum Erfolg wurde die Musik des Duos immer ausgewogener, abwechslungsreicher und melodiöser, das anfängliche mechanische Scheppern und Rumpeln wich detailverliebten Beats und Soundflächen, über die Jason Williamson – auch nicht mehr immer, aber immer noch oft genug – wortreich schimpft. Ich werde aber in der Rolle des alten Fans in diesem Zusammenhang nicht den Fehler machen, der Band beleidigt vorzuwerfen, was mit Worten wie Reife, Zugänglichkeit, Offenheit und auch Charts-Orientierung beschrieben werden kann und ihnen seit über eine Dekade wachsenden Erfolg einbringt. Dass zwei Mittvierziger zu spätberufenen Popstars wurden und es seither auf die Reihe kriegen, ihr Publikum zu begeistern, ohne ihr soziales Gewissen im VIP-Bereich ganz zu vergessen – immerhin. Die ehemaligen »Jobseeker« machen für Gigs in England weiterhin Kontingente mit verbilligten Tickets verfügbar und für »The Demise of Planet X« gab es eine Cardboard-CD-Version für kleines Geld. Die half natürlich auch, der Veröffentlichung einen Top-Ten-Einstieg in den UK-Charts zu verschaffen, so what? Von nix, kommt nix. Um von Musik leben zu können, muss man sich eben was einfallen lassen und sich breit aufstellen. Gibt es jetzt eben auch Sleaford-Mods-Lager (mit und ohne Alkohol).

Mods go Pop

Aber was ist eigentlich mit der Musik auf »The Demise of Planet X«? Fünf Features hält das Album vor und diese Gastbeiträge haben sicher über die Jahre hinweg dazu beigetragen, ein breiteres Publikum zu erreichen. Auch daran ist im Prinzip nichts verkehrt. Musikalisch ging das immer klar und auch im aktuellen Fall wirken die Zusammenarbeiten mit anderen Künstler*innen organisch, nicht aufgesetzt. Als alter Sack habe ich verwundert zur Kenntnis genommen, dass Sue Tompkins von Life Without Buildings einen Auftritt hat. Die Band hat 2001 ein Album veröffentlicht, »Any Other City«, und es lohnt sich bei dieser Gelegenheit, diese Post-Punk-Platte wiederzuentdecken. Interessant auch, dass »Double Diamond« recycelt wurde, das auf »S.P.E.C.T.R.E.« 2011, als Jason noch solo die Sleaford Mods betrieb, erstveröffentlicht wurde. Und im Vergleich beider Versionen lässt sich nüchtern beschreiben, was sich seither verändert hat.

Der Sound wurde über die Jahre hinweg raffinierter und abwechslungsreicher und der Vortrag von Williamson hat ebenfalls an Facetten hinzugewonnen. Wo früher in erster Linie Wut und Perspektivlosigkeit zum Ausdruck kamen, da hat eine gewisse reflektierte und mithin eher beschreibende Gelassenheit Einzug gehalten. Das heißt nicht unbedingt, dass die Texte nicht immer noch scharf und treffend sein können (zum Beispiel »Elitist G.O.A.T.« feat. Aldous Harding), aber Williamson verarbeitet und artikuliert im insgesamt variableren Vortragsstil (und den durch die Texte vermittelten Perspektiven) auch seinen vergrößerten Abstand zur Straße, den über die Jahre erarbeiteten relativen Wohlstand. Hinzu kommt: Die Sleaford Mods wissen, dass es schnell vorbei sein kann mit dem Erfolg, diese Gewissheit wird sie ebenfalls antreiben und dazu motivieren, sich auch in Zukunft was einfallen zu lassen. Man könnte also sagen, das kontinuierlich heller werdende Rampenlicht schadet ihnen nicht. Sie managen ihren Erfolg kompetent, navigieren ihr musikalisches Projekt durch die digitale Popkultur und meistern den damit einhergehenden Eiertanz mal mehr, mal weniger souverän. (Wer mag, der füttere die Suchmaschine mit Schlagworten herrschender politischer Diskurse und entsprechender kultureller und kriegerischer Auseinandersetzungen in Kombination mit dem Bandnamen.) 

Mehr als Musik

Im musikalischen Mainstream, in dem die Sleaford Mods mittlerweile segeln und an dessen Produkten ich überwiegend kein Interesse habe, ist mir das Duo eine eher angenehme Erscheinung. Ich wünsche ihnen neidlos und ohne jeden zynischen Unterton weiterhin eine gute Reise, auch wenn ich nicht mehr unbedingt mitkomme. Das ist aber eher eine Frage des musikalischen Geschmacks. Wie erwähnt, habe ich mit moderner Popmusik nicht viel am Hut, aber der stilistische Wandel des Duos erscheint mir nicht besonders kritikwürdig. Sie haben es verstanden, zu wachsen, ihren Sound diversifiziert und weiterhin was zu sagen. Sie finden Gehör und sind immer noch verhältnismäßig unbequem. Sie geben eine interessante popkulturelle Fallstudie ab, so wie jede Band, die mit Dreck unter den Fingernägeln und dezidiert artikuliertem sozialem Gewissen gestartet ist, in der Folge mit Street Credibility und Hoffnungen ausgestattet wurde und mit fortschreitendem Erfolg daraus erwachsende Widersprüche moderieren muss. 

Je länger ich auf diesem Kultur-Kaugummi herumkaue, um so schaler wird er mir allerdings im Geschmack. Aber wie es für sämtliche Popmusik als Soundtrack zum Leben gilt: Es ging und geht bei den Sleaford Mods eben nicht nur um Musik. Das ganze Spiel mit Identitäten, Positionen, Haltungen und sozialer Lage hing und hängt mit dran – und Musik gibt es auch noch dazu. Die ist, wie erwähnt, ansprechend, abwechslungsreich und ausgefuchst genug – Geschmackssache. Nicht (mehr) mein Geschmack, aber solche Vorlieben führen an dieser Stelle nicht weiter. Darüber hinaus würde ich sagen: Hören Sie sich »The Demise of Planet X« ruhig einmal an, machen Sie sich, gerne vor dem Hintergrund der hier geäußerten, ihre eigenen Gedanken und bilden Sie sich ein Urteil. 

Home / Musik / Artikel

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
05.02.2026

Schlagwörter

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