Various Artists

»Texas Bohemia Revisited«

Trikont

Es gibt ja immer wieder Musik, die einem, egal was nun gerade an- oder abgesagt ist, welche Zick-Zack-Kurse die eigenen Vorlieben gemacht haben, einfach nicht loslassen will. Sie ist quasi immer da, auch wenn sie nicht gehört wird. So verhält es sich auch mit dem Themenkomplex »Texas Bohemia«, der nun in Form einer CD und einer DVD, die den von Peter Schubert mit Thomas Meinecke gedrehten Doku-Film »Krasna Amerika – Beautiful America« beinhaltet, wieder den Player in Beschlag nimmt. Eine Reise zwischen San Antonio, Austin und Houston, auf den Spuren Texas-Böhmischer Bands und dem ebenso sonderbaren wie wunderbaren, mittlerweile jedoch auch wortwörtlich im Aussterben befindlichen »Texas-Deutsch«, wo »gemovet« und davon erzählt wird, dass einem die Eltern dereinst das Saturday Night Fever in der Polka-Dancehall erlaubt haben, sofern das Versprechen abgegeben wurde »sich gut zu behaven«. Dennoch geht es um mehr, als um skurrile PensionistInnen mit eigentümlicher Sprache, die zu einer ebensolchen Musik das Tanzbein schwingen. So schreibt Meinecke in den Linernotes zu den »Texas-Deutschen«: »Viele davon Intellektuelle, Revolutionäre aus dem Vormärz, die mitten in der Prärie, unter der sensiblen Federführung des Barons Ottfried Hans von Meusebach, ein politisch-korrektes, vertraglich abgesichertes und durchaus haltbares Nebeneinander mit der dort lebenden Komantschen-Nation pflegten.« Dass dieser Friedensvertrag bis heute von beiden Seiten ungebrochen immer noch gilt (und jährlich von den jeweiligen Nachkommen auch zusammen gefeiert wird), gehört hier ebenso dazu wie die Geschichten über die damals entstandenen sozial-utopischen (und dabei durchaus auch sehr libertin gewickelten) Kommunen (von denen ja schon in Meineckes Roman »The Church of J.F.K« zu lesen war) und die aktive Teilnahme an der »Underground Railroad« zur Zeit der Amerikanischen Bürgerkriegs, mittels der entflohene Sklaven aus den Süden in den Norden gebracht wurden (viele »Texas-Deutsche« desertierten ja auch aus der Südstaaten-Armee, um sich dem Norden anzuschlie&szligen, was für viele jedoch auch tödlich endete). Zwar pendelt »Krasna Amerika« hin und wieder auch leicht unentschlossen zwischen Wurzelsuche, Sprachbewahrung, Traditionspflege und Luftwurzelfangen, Sprachtransformationen (das Spanische übernimmt immer mehr die Funktion des Deutschen, was sich auch an den neuen Stra&szligennamen ablesen lässt) sowie Hybriditäts-Diskursen, dennoch kommt in all diesem Gewusel auch eine Vielstimmigkeit der jeweiligen Perspektiven angesichts von »Texas Bohemia« zum Tragen, die sich so ja auch in der Musik wieder finden lässt. Nehmen wir nur das Joe Patek Orchestra mit seiner mehr als eigenwilligen Interpretation von Bert Kaempferts »Wonderland By Night« oder die unvergleichliche Version von »Frankie And Johnny« der ebenso umwerfenden Shiner Hobo Band (unbedingt in diesem Fall auch die BonusTracks der DVD anschauen). Zudem dürfte nun auch das Polka-Song-Book von F.S.K. einigerma&szligen komplett in seinen texanischböhmischen Erscheinungsformen vorliegen. Musik, die, wenn das Radio im ganz nördlichen Waldviertel auf die richtige Frequenz gedreht wird ja hin und wieder auch bei tschechischen Frühschoppen-Sendungen aus den Äther klingt. Was mitunter einen schönen V-Effekt generiert: Bohemia kann eben überall sein.