Bob Dylan

»Tempest«

Sony

Es ist praktisch unmöglich, über eine neue Dylan-CD zu schreiben, ohne zunächst zu einem Rundumschlag auszuholen. Bei keinem anderen Künstler in der Pophistorie fällt die Rezeption so besserwisserisch und selbstgefällig, zugleich so voreingenommen und betriebsblind aus wie bei Dylan. Beides bedingt vielleicht sogar einander. Dylan selbst hat das in seinen »Chronicles« ganz gut beschrieben – bis hin zu den Leuten, die in sein Haus bei Woodstock einbrachen, weil sie irgendwie der ?berzeugung waren, Dylan wäre ihnen für irgendetwas Rechenschaft schuldig. Das geht tatsächlich seit über 40 Jahren schon so. ?ber keinen Musiker wurden schlechtere Biographien verfasst, die sich etwa raunzend darüber auslassen, dass Dylan bei irgendeinem Konzert kein Wort zum Publikum gesprochen hat. ?ber keinen Musiker wurden beleidigendere Rezensionen verfasst, als hätte der Mann kein Recht dazu, auch Belangloses und Schlechtes zu produzieren. Okay, das stimmt nicht ganz. Vor Jahren habe ich in »The Gap« eine Review über Toni Polster gelesen, die sich nicht einmal ein Adolf Eichmann verdient hätte. Aber lassen wir diesen Schnee von Gestern, er dient maximal als Erklärung, warum Dylan all das Gejohle und Geraunze um seine Person seit Jahrzehnten schon Schnuppe ist. Wer das immer noch nicht wahrhaben will, muss sich nur das Cover von »Tempest« anschauen, eine 1980er-Jahre Hässlichkeit zwischen Kuschelpop und Gothic-Kitsch, die man eigentlich nur mit hochrotem Kopf auf den Kassatisch legen kann. Das meine ich jetzt nicht abfällig, sondern tatsächlich anerkennend. Dylan ist längst jenseits der Notwendigkeit, irgendjemandem noch gefallen zu müssen, irgendjemand etwas beweisen zu müssen. Zu Recht! Selbst der ärgste Verriss des berühmtesten Kritikers der Welt hätte nicht mehr Impact als das Anpinkeln eines Denkmals. Dylan ist die Legende, der Mythos, das ewig gut bestückte Regalfach im CD-Geschäft. Es ist im Grunde schei&szligegal, was irgendwer über ihn schreibt. Immer noch in Altershochform? Seit Jahren diese Rückkehr in die Musik seiner Jugend, den rumpelnden Mississippi-Mudrock, den Rockabilly, den allmählich halbwegs groovig werdenden Bluesrock? Die Lyrics im Grunde nur noch interessant für Dylanologen und vermeintlich altersweise Rocksenioren? Alles uninteressant. Es gibt im Grunde nur noch eine »Wahrheit« in Bezug auf Dylan, zu banal, um das eine »Wahrheit« zu nennen. Irgendwann Ende der 1990er Jahre hat Dylan aufgehört, der Welt zu grollen und stinkesaure Anklagen zu verfassen. Er hat erkannt, dass er nichts anderes tun kann als eben das, was ihm entspricht – und zwar genau so, wie es ihm entspricht. Und das tut er auf »Tempest« in aller Glorie und Redundanz. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als das anzuerkennen … wofür wir immerhin mit ein paar ganz netten Songs belohnt werden.