rhiz © Pia Reschberger

Wege aus der Corona-Krise #2

Infolge der Serie Subkultur in der Corona-Krise fragen wir erneut nach, wie es heimischen Kulturinstitutionen im zweiten Jahr der Pandemie geht und welche Zukunftspläne gewälzt werden. Milena Košir Rantaša vom rhiz analysiert die schwierige Lage und plädiert für Gemeinschaft statt Konkurrenz.

Mit der Serie Subkultur in der Corona-Krise begleiteten wir im April und Mai 2020 österreichische Kulturbetriebe – Venues, Labels und Veranstalter*innen – durch den ersten Lockdown und zeichneten in Form von Interviews ein Bild der Zu- und Missstände der hiesigen Kulturlandschaft im Schatten des Virus. Über ein Jahr später bitten wir um eine erneute Stellungnahme. Milena Košir Rantaša vom nach wie vor bestens programmierten rhiz an der Gürtelmeile hat sich trotz enormer Beschwerlichkeiten ihren Optimismus bewahrt. Ein Interview wider die Benachteiligung ideell motivierter Venues.

Wie ist eure Venue durch die Lockdowns gekommen? War speziell der sehr lange Lockdown seit Herbst 2020 härter oder konnte mensch sich irgendwie an den Ausnahmezustand gewöhnen?

Die beste Nachricht in diesen schwierigen Zeiten ist für mich: Wir sind noch am Leben! Die Zeiten sind hart und sie werden noch härter, aber das muss als neuer Ausgangspunkt genommen werden. Veränderung war noch nie einfach. Ich und die Umwelt sind gefordert, so zu arbeiten wie bisher – aber es funktioniert nicht. Alles hat sich verändert! Die Menschen haben sich verändert, ihre Bedürfnisse haben sich verändert, die Umgebung hat sich verändert – es ist noch nicht in das kollektive Bewusstsein gesunken, dass eine Zeit gekommen ist, die eine tiefgreifende Veränderung braucht. Wir brauchen neue Formen des Umgangs, andere Beziehungen. Keine »Geschäftsmodelle« mehr, sondern Gemeinschaft.

Inwieweit konnte der finanzielle Verlust durch Staatshilfe kompensiert werden und welche war das? Bzw. gab es andere Möglichkeiten wie z. B. Crowdfunding?

Crowdfunding hat mich durch den ersten Schock gebracht, als die Hilfe der Stadt noch nicht einsetzte und alles sehr unsicher war. Ich habe nur zuschauen können, wie ich selber immer mehr nach unten ging. Jeder Anruf von einer Band, die in eine größere Venue gezogen ist, weil »es sich nicht auszahlt«, für die 20 Plätze zu spielen, die im rhiz mit den Abstandsregeln möglich waren, hat mich natürlich getroffen. Die Unterstützung der Gäste im Crowdfunding, für die ich sehr dankbar bin, war entscheidend zu Beginn der Krise, die immer noch anhält. Nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Später kam die Hilfe des Staates. Für das rhiz klappte es gut, weil wir unsere Umsätze und Kosten in der Vergangenheit immer korrekt dargestellt haben. Kurzarbeit, Härtefallfonds, Fixkostenzuschuss, Ausfallbonus, Umsatzersatz, Clubförderung von der Wirtschaftsagentur, Förderung von MA7 und Bund – viele Formalitäten, aber ich will mich wirklich bei der Stadt Wien für die Unterstützung bedanken!

Wie viel Aufwand erfordert die Durchführung der Corona-Schutzmaßnahmen in eurer Venue zusätzlich? Lässt sich mit weniger Besucher*innen der Kulturbetrieb überhaupt verlustfrei führen? Und besteht Optimismus bezüglich Planbarkeit des Herbstprogramms?

Die Corona-Schutzmaßnahmen erfordern für das rhiz viel Aufwand. Ich dachte, es wird einfacher sein, weil das rhiz klein ist, aber andererseits ist es dafür so spezifisch. Wir tun unser Bestes, aber ein Mangel an Umsätzen durch die Einschränkungen führt zu einem Mangel an leistbaren Mitarbeiter*innen. Eigentlich würde ich mehr Leute als vorher brauchen für die Kontrollen und Verwaltung. Was bei weniger Umsatz nicht möglich ist. Viele Dinge versuche ich selbst zu machen (wie alle anderen Betreiber*innen, die ich kenne) – manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zerplatze. Das rhiz soll nämlich nur ein Teil von meinem Leben sein, ich habe noch viele andere Rollen. Ich bin ja Mama (drei Kids), Frau, Tochter, Schwester, Freundin, Tante, Schwiegertochter …, die das Leben aktiv lebt und sich für viele Sachen interessiert.

Was auch schwierig ist, ist, dass alle müde sind und die meisten Nachtmenschen in meinem Umfeld durch die Situation sehr herausgefordert sind. Psychische Gesundheit ist wirklich ein Thema.

Wirtschaftlich ist es sehr schwer zu balancieren – es kommen an einem Abend entweder zu wenig Leute oder zu viele, die dann auch feiern wollen, als ob die Welt zu Ende ginge. Was mich dann dazu zwingt, Spielverderberin zu sein, um die Regeln einzuhalten. Ich fühle mich auch oft bedroht – die Nachbarn, die jetzt Lockdown-Ruhe gewohnt sind, machen auf einmal Druck. Die Polizei macht Druck. Magistratskontrollen sind unterwegs. Menschen, die Frustrationen und Wut ausdrücken, machen Stress etc. Da ist es nicht leicht, halbwegs die Ruhe zu bewahren.

Besonders frustrierend ist für mich die Beziehung zu meinem Vermieter Wiener Linien; auch von dort gibt einen unglaublichen Druck. Selbst in diesen Zeiten sind sie nur an Ertrag orientiert und haben kein Verständnis für unsere Situation als kultureller Nachtbetrieb. Auch wenn wir schon 23 Jahre brave Mieter sind, die nie was schuldig blieben und insgesamt weit über 600.000 Euro in dieser Zeit gezahlt haben, sind sie für mich nicht ansprechbar. Keine Kooperation. Dafür aus meiner Sicht falsche Aussagen. Ich stehe allein gegen eine große Rechtsabteilung, die mir immer in unverständlicher Rechtsanwaltssprache schreibt. Amtsdeutsch stellt mich als Migrantin oft vor Rätsel. Ich muss einen Rechtsanwalt bezahlen, um damit umzugehen. Was ich auch endlich laut sagen will: Die Wiener Linien schreiben mir unter anderem, dass sie alle Mieter gleich behandeln. Aber inzwischen weiß ich, dass eine Venue am Gürtel nur 63 % von meiner Miete zahlt, eine andere nur 43 %. Warum ich die höchste Miete am Gürtel habe, auch wenn ich eine von den Ersten am Gürtel bin und von der Stadt Wien aktiv eingeladen wurde, mit unserer Kultur den Gürtel zu beleben, weiß ich nicht. Sie wollen das nicht besprechen.

Über großen Optimismus ist schwer zu reden, wir befinden uns im Überlebensmodus und das ist kein blühendes Umfeld. Es ist ein großer Kampf um Gäste und Aufmerksamkeit geworden und jeder nutzt seine eigenen Strategien, um zu überleben, egal was passiert. Ich erlebe das aggressiv, kompetitiv, ohne Rücksicht auf andere, hinter einer netten Fassade. Das mag ich nicht.

Der Sommer war interessant – auf der einen Seite hat uns die Stadt mit Förderungen unterstützt, aber gleichzeitig ein riesiges Programmangebot (z. B. Kultursommer) bei freiem Eintritt geboten, was uns auch für die Zukunft eine schwere Zeit macht. Alle lokalen Bands waren mehrfach gratis zu hören, internationale nicht auf Tour.

Programmmäßig bin ich aber für die Zukunft begeistert – seit Juni macht Benedikt Guschelbauer mit mir das rhiz-Programm. Es macht viel Spaß, mit ihm zu arbeiten. Auf den Herbst freuen wir uns musikalisch riesig! Corona ist aber nicht vorbei und ich denke, vieles, was wir jetzt planen, wird vielleicht wieder nicht realisierbar. Auch die 3G-Regeln sind eine Einschränkung, 1G sowieso. Verständlich zwar und von uns unterstützt, aber mit Auswirkung für das rhiz.

Der Nachrang von Kulturinstitutionen und -vereinen gegenüber profitorientierten Unternehmen, die offen halten durften, ist nicht nachvollziehbar. Wie kann man Entscheidungsträger*innen die Wichtigkeit von Kultur näherbringen?

Uff, sehr schwierige Frage. Ich bin traurig, wenn ich Zeitungskommentare lese und in den Foren sehe, was Leute über Clubs und den Underground denken. Die durchschnittliche Meinung ist, dass niemand Clubs braucht. Das kann in manchen Momenten sehr entmutigend sein. Wir können uns bei der Stadträtin Kaup-Hasler bedanken, die Verständnis für Subkultur zeigt, und auch bei Staatssekretärin Mayer.

Clubs sind nochmal anders als gewöhnliche Kulturbetriebe, weil sie meistens über die Gastronomie einen höheren Eigenfinanzierungsanteil schaffen und anders organisiert sind als reine Kulturvereine. Es ist sicher nicht leicht, kommerzielle, geldgetriebene und kulturelle, ideell motivierte Venues auseinanderzuhalten. Hier scheint mir die kulturwirtschaftliche Sensibilität noch nicht genug.

Der Aufwand für Clubs, einen Raum zu halten, wird, finde ich, im Gegensatz zu anderen Veranstaltungsorten nicht gut gewürdigt. Spielstätten bekommen die ganze Infrastruktur und ihr Personal gefördert. Veranstalter*innen ohne Fixkosten werden mit den gleichen Summen gefördert wie Clubvenues. Es hatte sich vor Corona eingebürgert, dass sie trotzdem keine Miete an den Venue zahlen und schon wegen ein paar Euro oft zur »billigsten« Venue gehen. Wenn ein Abend dann nicht gut läuft, bleibt die Venue auf den Kosten für Miete und Personal sitzen, die Veranstalter*innen ziehen weiter. Das ist vielleicht mit einer der Gründe, warum Clubs teilweise so austauschbar geworden sind. Es führt zu einer Spirale nach unten. Ich hoffe sehr, dass wir nach Corona auch in dieser Hinsicht Beziehungen aufbauen können, die nicht nur auf Geld beruhen. Wir wollen das »alte Normal« in Frieden ruhen lassen und einen neuen Spirit im Underground. Auch bei der Politik.

Was muss deiner Meinung nach passieren, um sich in Zukunft besser vor einer Pandemie schützen zu können bzw. eine Pandemie überhaupt zu vermeiden?

Wir sollen bereit sein, uns selber zu ändern – mehr fühlen und besser aufeinander aufpassen. Ist ja auch bei der Türe so: Statt Achtsamkeit füreinander brauchen wir eine*n Türsteher*in. Wenn wir nicht nur an uns selbst, sondern auch an die Gesundheit der anderen denken, worum es auch beim Impfthema geht, empathisch zueinander sind und uns gegenseitig Wohlergehen wünschen, wird alles besser.

Siehst du auch Chancen in der Krise, wenn ja, welche?

Absolut! Vergessen wir die alten Muster, die für uns nicht mehr passen, und gehen frisch weiter. Das ist zwar langsam und braucht Geduld. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass Alternativen möglich und machbar sind, wenn sie stark genug gewollt werden. Das werden wir für den Klimawandel und die wirtschaftlichen Krisen auch brauchen.

Für den Gürtel braucht es ebenfalls einen Neustart. Längst zu viel »Ballermann«. Ich habe genug davon, als »Absturz-« oder »Gürtelhütte« gesehen zu werden. Wir versuchen seit 2015, die Wiener Politik auf allen Ebenen dafür zu gewinnen. Bei unserem 20-Jahre-Fest 2018 hatten wir sogar eine super prominente Podiumsdiskussion mit klaren Aussagen der Politik dazu. Aber dann ist die zuständige Planungsstadträtin Vassilakou abgelöst worden und seither ist wieder alles stehengeblieben.

Nun endlich zum Programm: Welche Höhepunkte hat das Reopening eurer Venue zu bieten?

Ein Höhepunkt war sicher gerade unser Gürtel-Nightwalk-Programm mit Temple of Meru und Modecenter. Sonst planen wir eine Reduktion der Zahl der Konzerte. Wir fokussieren dafür mehr auf frische und selbstveranstaltete Acts mit einem klareren ästhetischen Profil. Schluss mit Nostalgia. Noch wichtiger als früher ist uns auch der schon bisher wichtige Gedanke des Safe Space – es kommen viele neue und junge Clubs. Im Schatten des Immergleichen sind schon vor und während Corona tolle Acts und Kollektive entstanden, für die wir eine Bühne sein wollen. Es ist Zeit, dass sich die Wiener Szene neu erfindet. Auch das rhiz als »Wohnzimmer« wollen wir wieder forcieren. Die Bar zurückbringen, Stammgästen eine Heimat sein. Es gibt ja nicht so viele Plätze wie das rhiz.

Link: https://www.rhiz.wien