Refree

»La otra mitad«

Glitterbeat/tak:til/Hoanzl

What the?! Schwer zu fassen, was einem da entgegendröhnt. Refree/Raül Refree/Raül Fernández, Fotograf, Produzent, Multiinstrumentalist und Sänger, ist dafür verantwortlich. Dem neuen Flamenco bescherte er bereits durch die Kollab mit Silvia Pérez Cruz (Refree: alle vorstellbaren Saiteninstrumente und mehr) sowie die Produktion von Rosalías 2017er-Album »Los ángeles« wichtige Veröffentlichungen des (wieder) neu aufblühenden Genres. Ach ja, und Ex-Sonic Youth Lee Ranaldo ist ihm auch kein fremder Name: Wenn er nicht live mit ihm auftrat, produzierte Refree dessen neuestes Album »Electric Trim«. Zu »La otra mitad«: Drone-Scapes, die von Refrees fantastischem, klagendem Engelsgesang durchzogen werden, in »Dar a Luz mix1«, gefolgt vom wesentlich helleren, optimistischen, kurzen Akustikgitarrenstück »Ramirez11012017«, das dann wieder mit »La otra mitad« von einem E-Gitarrenstück abgelöst wird. Und da ist er wieder, der Klagegesang. Singt Refree nicht selbst, dann schiebt er Schnipsel von Rocío Márquez, einem Jungen namens El Bolita, Pilar Villa oder Niño de Elches toller diesjähriger »Antologia del Cante Flamenco Heterodoxo« unter, einer wilden, langen Sammlung an Sounds und Eindrücken rund um den Flamenco, die Refree höchstselbst produziert und co-komponiert hat, zuletzt das äußerst hallige »Mariscar«. Tut dem Album gut, ist dieses Stück doch trotz Melancholie im Vergleich noch eher uplifting. Und die relative Kürze einiger fast bruchstückhaft Songs lässt richtig vermuten: Ein Teil dieser Nummern entstand während/für den Film »Entre dos aguas« von Isaki Lacuesta, einem Drama, das mit Hilfe von Laiendarstellern in die Welt des Flamenco eindringen will. Einer dieser Darsteller: der genannte El Bolita. Der, so sagt man, stand irgendwann ganz unverhofft vor Refree und begann zu singen. Letzterer, immer mit dem Aufnahmegerät on board, war während seiner Arbeit daran interessiert, Audiofiles zu verwenden, die genau solche Tondokumente beinhalten, welche nicht bewusst entstanden, sondern einfach nebenbei ohne Intentionen passierten. Irgendwie inspiriert war Refree von Tape-Spezialist Gavin Bryars und dessen Arbeit mit Tom Waits. Ähnlich wie Bryars nutzte er seine Soundaufnahmen, z. B. Schnipsel mit Stimmen aus der Sprache mit dem »z«, das wie ein »th« klingt (Spanisch), oder nichtmenschliche Sounds, und gestaltete sie zu einem ultra-emotionalen Ganzen, irgendwo zwischen elektronischem Noise und sanftem, »klassischem« Flamenco. Doch diesen Graben überspringt er, als gebe es ihn nicht. Unfassbar, heftig, niederschmetternd, erschütternd. Dieses Album ist so viel. Mal leicht wie ein Hauch, mal höllisch schwer, wenn einem 100 Jahre Schmerz entgegendonnern. Diese neue Flamenco-Bewegung ist Gold wert.