zeitkra.jpg

Nachdem in der [old school]-Serie des Berliner Ensembles Einspielungen von John Cage, James Tenney und Alvin Lucier stattgefunden hatten, war Stockhausen mehr als naheliegend. In der CD-Besprechung über Cage hatte ich geschrieben: »Zeitkratzer als Geschichtsbeschleuniger«. Das trifft auch auf diese VÛ zu. Sicher spannend wäre gewesen, wie sich Zeitkratzer dem »Ûbervater« der Elektronik genähert hätten, wären sie Elektronikmusiker. Für diese CD haben sich Zeitkratzer Stockhausens Textkomposition »Aus den sieben Tagen« von 1968 vorgenommen, die als einer der Höhepunkte seiner intuitiven Musik gilt. Stockhausen-Experten wie Robert Worby gilt diese Komposition auch als seriell gedachte Musik. Stockhausens Anweisungen darüber, wie »Aus den sieben Tagen« zu spielen ist, lesen sich teilweise etwas esoterisch (»spiele eine Schwingung im Rhythmus des Universums und des Traums …«) und dann wieder sehr konkret, wenn es um die Organisation dieser Schwingungen im Ensembleverbund geht. Für das Stück »Unbegrenzt« war die Vorgabe: »Spiele einen Ton mit der Gewissheit, dass du beliebig viel Zeit und Raum hast«. Es ist eine Musik, die nicht wie oft interpretiert einem meditativen Gestus geschuldet ist – man denke etwa an Passionen oder Oratorien – sondern es ist eine, in der es vor allem um verschiedene Plateaus von Intensität geht. Oder, noch einmal Stockhausen: »eine kreative Ekstase«. Zeitkratzer spielen in gewohnt souveräner Manier, komplexe Droneflächen werden aufgezogen, nach einiger Zeit ist eine Art Schwebezustand erreicht, dem ein durchaus sakraler Charakter zueigen ist. Fragt sich, wen sich Zeitkratzer als nächstes unter den Nagel reißen; Pierre Henry, Charles Ives oder doch Pop? Von Stockhausen wäre es ja ein nur kurzer Weg zu Faust oder gar Kraftwerk. Ich wäre ja am ehesten für Sun Ra. Bleiben Sie dran.

favicon
Scroll to Top