Olivia Louvel

Oh, wie nett!

Ein Rundgang durch aktuelle Neuerscheinungen im Sektor Pop. Mit CDs von Fink, Grant Nicholas, James Yorkston, Fredda, Stefanie Boltz, Xenia Kriisin, Olivia Louvel, Devonté Hynes

Spielen wir mit unverdeckten Karten: Die CD »Hardbeliever« von Fink ist der eigentliche Grund für diesen üppigen Hörrundgang durch aktuelle Pop-Releases. Auch wenn ein skug-Kollege unlängst wieder einmal eine gepflegte Verrisskultur einforderte, schließlich kam man nicht alles über den grünen Klee loben wie etwa in Fanzines, Maturazeitschriften oder einschlägigen Goodfeelmagazinen, die sich als einzige noch in Print verkaufen. Andererseits: In der Veröffentlichungsflut unserer Tage muss man sich schon auch Tonträger suchen, die einem gefallen, andernfalls könnte man den lieben langen Tag nichts anderes tun als Reviews zu schreiben. Und schlechte CDs sind mit Nichtbeachtung ohnehin genug gestrafft.

fink_hardbeliever_1.jpg»Hardbeliever« von Fink also, ein guter Grund, um eine Review zu schreiben. Ein bisschen hat mich die CD zunächst auf dem falschen Fuß erwischt. Ich habe eine etwas verklärte Erinnerung an die Zeit, als trip hop aus dem Fahrwasser der elektronischen Tanzmusik ausscherte und berechtigte Hoffnungen auf eine Wiedergeburt innovativer Popmusik machte. Das war vor gut zwanzig Jahren und zu den absoluten Mörderlabels damals gehörte Ninja Tunes. Coldcut veröffentlichte dort seine CDs und es gab einige großartige Compilations, z. B. »flexistenzialism«. Auf der Compilation »Funkungfusion« (1998) war auch Fink mit einer verspielten Miniatur zu hören. 16 Jahre später atmet »Hardbeliever« zwar noch einen Rest alter Groovetugenden ein, aber im Grunde handelt es sich um ein poppiges Bluesalbum. Eine Stilrichtung, der sich Fink aka Finian Paul Greenall schon seit längerem verschrieben hat. Das hört man auch, die bluesige Grundhaltung, der dezente Einsatz der Elektronik, der eher in den sanften Folkpop driftende Gesang, das alles fügt sich stimmig zusammen und ist eigentlich erstaunlich nahe am abgebremsten trip hop, der auch damals schon eine Art zeitgenössischer white man’s blues war. Zu bemängeln ist hier allenfalls, dass sich manche Songs eben doch ein wenig zu lieblich im Ohr räkeln, aber das ist ein Problem, auf das wir gleich noch viel massiver treffen werden.

Mit der Gitarre im Fahrstuhl
grant_nicholas.jpgWohltuende Harmlosigkeit zwischen Nick Drake, Mumford & Sons und James Taylor verbreitet auch das Soloalbum »Yorktown Heights« des Feeder-Frontmanns Grant Nicholas. Was Nicholas an Substanz gegenüber einem Nick Drake fehlt, das macht er mit einer charmanten Lockerheit wett. Natürlich ist das purer Mainstream-Folkpop, der schon drei Millionen Alben verkauft hat (was in heutigen Zeiten im Grunde Superstarstatus entspricht). Aber selbst wenn diese CD keinen Hit abwirft, sie wird sich immer gut machen als Fahrstuhlbeschallung in Großkaufhäusern.
yorkston.jpgGanz ähnlich liegen die Dinge auch bei »The Cellardyke Recording and Wassailing Society« von James Yorkston. Yorkston ist eine Art britischer Bonnie Prince Billie, nur etwas handzahmer und mit Wurzeln eher im irischen Folk als im amerikanischen Country. »Cellardyke« ist in gewisser Weise Yorkstons »The Letting go«, nur dass er sich als zweite Gesangstimme K T Turnstall geholt hat, von der man nur noch selten etwas hört, was auch schade ist. Es gibt entzückende Songs hier, etwa »Guy Fawkes‘ Signature« oder »Red Fox«, aber auch viel heimelige Routine, die auf Dauer etwas langweilig wird. Aber in kleinen Portionen gehört definitiv ein großartiges Wohlfühlalbum.

Chanson vs Bar 1 : 0
fredda.jpgSchauen wir erneut auch in der Chansonecke vorbei, die wird im skug ja eher stiefmütterlich behandelt. Aber ein Schuft natürlich, wer z. B. eine Zaz nicht schätzt, auch wenn es sich mit dem Genre Chanson ähnlich verhält wie mit dem Blues, wo es auch es infame WiederholungstäterInnen gibt, die eine 1000-fach erprobte Formel ein 1001-tes Mal anwenden. So ein Fall ist die CD »Le Chant des Murmures« der Sängerin Fredda, die seit sieben Jahren ihre Vergangenheit als Backgroundsängerin hinter sich gelassen hat. Das durchaus zu Recht. Fredda kann mit den bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs locker mithalten, die Songs haben genau jene »erfrischende Leichtigkeit« die man von Chanson einfach erwartet, die Arrangements sind überdies kompetent umgesetzt, der »cineastische« Effekt, von dem in der Presseaussendung die Rede ist, stellt sich artig ein, nur dass es ein ausschließlich französischer Film a lá Amelie ist, den man bei diesen Songs sieht. Und zwar immer und immer wieder. Bei dieser Gelegenheit ist auch Stefanie Boltz und ihre CD »Love, Lakes & Snakes« zu erwähnen, eine Münchnerin, die auf genüsslich zelebrierten Barjazz macht – mit einer durchaus bemerkenswerten Stimme, die aber nach allzuvielen Referenzen klingt, sozusagen eine Schnittstelle zwischen Barbara Streisand, Tracy Chapman und Dinah Washington. Klingt das übel? Das hängt vom Hörer ab.

Aus den Klauen des Folkpop befreit
xenia.jpgNorthern Folkpop hören wir schließlich wir auf »Hymn« von Xenia Kriisin, einer jungen Schwedin, die in ihrer Heimat schon reichlich gehypt wird. Das Besondere an »Hymn« ist, dass das Album einerseits einen sehr geschlossenen Eindruck vermittelt, wir hören einen anspruchsvollen Nymphenfolkpop, den man irgendwo zwischen Bat for Lashes, Florence and the machine, Dear Reader und einen Hauch Joanna Newsom ansiedeln könnte. Erst beim genaueren Hinhören fällt auf, dass hier formal einiges ausgetüftelt wurde, auch wenn eine sphärische Reduktion tonangebend bleibt. Ebenso scheut sich die warme Stimme von Frau Kriisin nicht, kraftvollere Tonlagen anzusteuern, ihr laszives Timbre ist an diesen Stellen dann allerdings beim Teufel. Trotzdem, so richtig befreit sich Xenia Kriisin am Ende nicht von den 0815-Klauen, in denen der Folkpop seit Jahrzehnten schon steckt. Ein eher bloß nettes Album also.

olivia.jpg Ganz anders die CD »Beauty Sleep« von Olivia Louvel, die sich als kopflastiges Kunststück präsentiert (ganz keck im DVD-Hüllenformat), aber herrlich verschrobenen, überdrehten, flirrenden Pop bietet. Frau Louvel ist sonst eigentlich nicht so, sie hat etwa schon einen Qwartz Electronic Music Award abgestaubt und war für den Prix Ars Electronica nominiert, aber dieses fünfte Studioalbum ist über weite Teile genauso angeschrägt, kreativ und cool, wie es viele bloß gehypte, aber nicht begabte Popdiven gerne wären. Wer etwas mit FKA Twigs, Björk oder Tonia Reeh anfängt, ist hier gut aufgehoben.

paloalto.jpgSchon sind wir wieder in der Grünen-Klee-Zone … Lob, überall nur Lob. Auch egal. Wir chillen zum Abschluss mit dem Soundtrack »Palo Alto« von Devonté Hynes aka Blood Orange. Es ist das perfekte Arbeitsprogramm für jeden Popmusiker, jede Popmusikerin, der/die sich zu sehr im eigenen Gefühlskleister verirrt hat und nur noch Songs schreibt, die niemanden mehr weh tun wollen (oder können): einen Soundtrack komponieren! Eigene Qualitäten splitten, zerstäuben, dekonstruieren, in neuen Versatzstückchen zusammensetzen. So ähnlich hat das Frau Hynes umgesetzt und das Resultat ist ein hübsch verspielter Soundtrack geworden, der sich stellenweise zwischen Combustible Edisons (z. B. »Four Rooms«) und Mark Mothersbaugh (die Filme von Wes Anderson) einreihen darf. So lässt sich diese ganze große Popniedlichkeit gleich viel besser ertragen. »Palo Alto« ist übrigens ein Film von Gia Coppola nach Kurzgeschichten von James Franco, demnächst in ihrem Arthousekino.


Fink: »Hardbeliever« / Ninja Tunes
www.finkworld.co.uk

Grant Nicholas: »Yorktown Heights« / Popping Candy
grantnicholas.net

James Yorkston: »The Cellardyke Recording and Wassailing Society« / Domino Records
www.jamesyorkston.co.uk

Fredda: »Le Chant des Murmures« / groove attack
www.grooveattack.com

Stefanie Boltz: »Love, Lakes & Snakes« / GLM
www.glm.de

Xenia Kriisin: »Hymn« / Luxury / Popup Records
www.popup-records.de

Olivia Louvel: »Beauty Sleep« / Catwerk imprint
www.olivialouvel.com

Devonté Hynes: »Palo Alto« / City Slang

bloodorangeforever.tumblr.com