Norwegian Moods

Woanders gibt es immer die geilere Musik. Zum Beispiel in Norwegen. Zum Beispiel beim Label hubro. Nur witzig, dass sich das die Norweger genauso denken. Ein Labelportrait mit Bly de Blyant, Håkon Stene, Building Instrument, Space Monkey, 1982, Stein Urheim, Moskus.

Wir Österreicher glauben ja immer, dass das nur uns passiert. Dass man uns nur im Ausland feiert, wenn wir wirklich gut sind. Tjaha. Unlängst war ich in Oslo, auf den Spuren zwei der geilsten norwegischen Labels, rune grammofon und hubro. Beide haben die »vital Norwegian jazz and improvised music scene« im Fokus und immer öfter werden die Tonträger beider Labels in internationalen Musikzeitschriften hochgejubelt. Das Besondere in beiden Fällen ist, dass dort Jazz nur teilweise nach Jazz, Impro kaum nach Impro und alles andere auch irgendwie anders klingt. Wenn die Norweger krachige Musik machen, dann steckt der Lärm immer noch in Moonbots und Daunenjacke, nicht wegen der Kälte, sondern auch um das Baby nicht zu wecken, denn unfassbare 70 Prozent aller Männer nutzen dort die Möglichkeit der Väterkarenz. Und wenn die Norweger einen Akkord am Piano spielen, dann mit dem Raumklang einer Halle, die immer noch von nordischen Gottheiten durchschritten wird. Und wenn die Norweger Anleihen beim Pop nehmen, dann mit einer folkig-frostigen Sprödheit, die wenig Raum für infantilen Kitsch lässt. Das alles sind Qualitäten, die erst beim zweiten, dritten, vierten Hinhören ihren moderaten Reiz entwickeln. Offenbar sind es auch Qualitäten, die den Norwegern selbst herzlich egal sind.

Mitten in Oslo etwa gibt ein hervorragend sortiertes Jazzgeschäft mit angeschlossenem Café und angefüllt mit jungen Menschen, die Cannonball Adderley offenbar sexier als Lady Gaga finden. Aber findet man dort hubro-Tonträger? Keine Chance! Dafür quollen die Regale über mit ECM und ACT, den beiden deutschen Nobel-Jazzlabels, die mit wenigen Ausnahmen nur noch Wellnessjazz für Gebildete veröffentlichen. Es ist ein Jammer! Und auch auf der hubro-facebook-Seite ernten Releaseankündigungen oft nicht mehr als ein Dutzend »Likes«. Das hat sich diese Musik nicht verdient.

Plüschtiere im nordischen Wald
hub1.jpgNehmen wir zum Beispiel »Hindsight Bias« von Bly de Blyant. Das Cover zeigt drei lebensgroße Plüschtiere dämlich im Wald stehend. Soviel Witz steckt vordergründig gar nicht in der Musik, die zwischen sperrig entrücktem Impro-Rock und fragilen Kompositionen schwankt, die Prog und Experimental ebenso nahe ist wie einem melancholischen Schwanengesang auf den jüngst wieder ausgegrabenen Postrock. Es funkelt vor lauter Referenzen, zum Glück aber keine Sekunde lang fad oder ausgetrampelt, sondern frisch wie eine Schnupftabakdose im Duty Free Shop. Hier klemmen sich Joni Mitchell und James Brown hinter das Banjo und die Percussions, um das Blaue vom Himmel herunterzuimprovisieren. Hinter Bly de Blyant stecken übrigens Drummer Øyvind Skarbø, der isländische Gitarrist Hilmar Jensson und der Instrumententausendsassa Shahzad Ismaily, ein Amerikaner, der auch schon mit John Zorn oder Will Oldham gejammt hat.

hub1.jpgOder nehmen wir »Lush Laments for Lazy Mammal« von Håkon Stene. Eine Doppel-CD des Mannes habe ich unlängst verschmäht, das war vielleicht ein Fehler, aber man kann nicht Zeit für alles haben. Andererseits ist der Mann Ensemblemitglied im grandios zwischen Noise, Impro und Prog changierenden Jono El Grande Orchestra, was fast schon einem Ritterschlag gleichkommt. Håkon Stene ist Multiinstrumentalist mit Hang zu noise und contemporary music, aber auf »Lazy Mammal« hat er sich ganz der Kontemplation verschrieben und das Vibraphon zu seinem Zweitlieblingsinstrument auserkoren. Wir hören lasche Lamentos (natürlich nicht lasche, sondern schlaftrunkene, aber die Alliteration klingt einfach besser) von betörender Schönheit. Da Stene nicht aus dem Pop kommt, wird es hier zu keinem Zeitpunkt banal oder anbiedernd, aber es herrscht auch nicht spröde Verweigerung, denn »Lazy Mammal« ist vom Gestus her eine Skizze, ist lässig, lasziv und spartanisch zugleich. Tolle Sache.

Sphärische Wehklagen
hub1.jpgWir werden etwas lebhafter, bleiben aber im Modus der sphärischen Wehklage. Das selbstbetitelte Debut Building InstrumentBuilding Instrument«) ist ein Album long in the making. Erst 10 Jahre nachdem sich dieses Trio rund um die bezaubernde Sängerin Mari Kvien Brunvoll gegründet hat, wagte man sich ins Studio, wo man dann recht lange brauchte, um dieses irrlichternde Schmuckstück zwischen skandinavischem Folk, sphärischem Jazz und Artpop zu kreieren. Coco Rosie meets Karin Krog, Agnes Obel trifft auf Röyksopp … das ist jetzt ein bisschen viel Artpop in der Referenz, tatsächlich schiebt sich das Album nach einem etwas offeneren Beginn mehr in die Popecke, bleibt aber eigenwillig, was vor allem der Instrumentierung geschuldet ist. Neben der mehrfach preisgekrönten Sängerin schlagen sich Drummer Øvind Hegg-Lunde und Tastenfreund Ã…smund Weltzien äußerst wacker. Durchaus ein »Geheimtipp«.

hub1.jpgNoch ein Debut. »The Karman Line« von Spacemonkey (bzw. »sPacemoNkey«) ist ein Duoprojekt des Pianisten Morten Qvenild und des Drummers Gard Nilssen, beide recht umtriebig in der einschlägigen skandinavischen Musikszene. »The Karman Line« kracht gleich ordentlich weg, nimmt sich dann aber wieder zurück und wird etwas gravitätischer. So richtig krachig mögen es die Norweger offenbar kaum, speziell dann nicht, wenn ein Piano mit im Spiel ist. Das muss einfach immer nobel und gelassen klingen. Dementsprechend sind die Stücke hier ziemlich klar jeweils dem Drummer (krach/peng/tusch) oder dem Pianisten (plammmmm) zuzuordnen. So ähnlich hat auch das Trio 1982 begonnen, als krachiges Jazzpianotrio. Auf dem mittlerweile vierten Tonträger »A/B« haben sich Violonist Nils Økland, Pianist Sigbjørn Apeland und Drummer Øyvind Skarbø ganz schön gemausert. Plattenseite »A« ist eine 18-minütige Suite für Bläsersextett, die erstaunlich klassisch anhebt, aber zunehmend schräger und fordernder wird. Auf Seite »B« tobt sich das Trio in bewährt-unterkühlter Weise aus, wobei Øklands Hardangerfiedel in den meisten Fällen tonangebend ist, was einen gewissen Highlander-Touch erzeugt (zum Glück aber nicht annähernd so kitschig wie beim Lord of the Ring-Soundtrack).

Austeigerdramen im Tonformat
hub1.jpgGanz anders stehen die Dinge beim Gitarristen Stein Urheim, der sein Debut noch »Kosmolodi« taufte, den Nachfolger aber ganz unbescheiden »Stein Urheim«. Urheim ist in musikalischer Hinsicht betrachtet Globalisierungsbefürworter, seine Stücke speisen sich aus exotischen Versatzstücken aus aller Welt, wobei er explizite Zitate nur selten einstreut. Er bleibt nie einem Stil treu, außer dass er das Slidespiel und das Ziehen von Saiten offenbar über alle Maßen liebt. Ûber diesen Nenner (und die Improvisation natürlich) schieben sich tribal music, northern folk, country und fernöstliche Sphärik zusammen und werden zu einem Austeigerdrama im Tonträgerformat. Das kann man vom Zugang her zwar durchaus hassen, aber an der Umsetzung gibt es nichts zu meckern. Großartig bunter Egotrip (als Mitstreiter erwähnen muss man in diesem Fall jedoch Produzent und Effektadjudant Jørgen Træen und den Soundtechniker Audun Strype).

Den Abschluss machte eine weitere Nummer 2. Das Debut des Pianotrios Moskus hieß »Salmesykkel«, klang ein wenig nach Joe Zawinul im Schlafrock und heimste (deswegen oder nichts desto trotz) zwei norwegische Grammy-Nominierungen ein. Auf dem neuen Album »Mestertyven« versuchen Pianist Anja Lauvdal, Bassist Fredrik Luhr Dietrichson und Drummer Hans Hulbækmo offenbar den bereits verdienten Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Der schnarchsäckige Gestus des Debuts ist weg, man gibt sich krachiger, eckiger und trotzdem transparent, um nicht zu sagen poppig. Das ist recht abwechslungsreich, manchmal etwas sperrig, hin und wieder erfrischend unorthodox. Man wundert sich nicht, dass Moskus seit dem Debut viele Stunden Musik aufgenommen und wieder verworfen haben. Man hat viel ausprobiert und nur die innovativsten Stücke übrig gelassen, sehr löblich.

Diese sieben durchwegs hörenswerten Tonträger sind heuer in Serie bei hubro erschienen. Die Spucke bleibt einem da fast weg vor Neid. Man möchte glatt Norweger werden (und den lieben langen Tag die Fjorde entlang fahren), wüsste man nicht, dass die Norweger die eigene Musik ebenso wenig schätzen wie die Österreicher. 


Bly de Blyant: »Hindsight Bias«
Håkon Stene: »Lush Laments for Lazy Mammal«
Building Instrument: »Building Instrument«
Space Monkey: »The Karman Line«
1982: »A/B«
Stein Urheim: »Stein Urheim«
Moskus: »Mestertyven«