Foto: Manon-Liu Winter

No Chmafu at all

Das Grazer Label chmafu nocords veröffentlichte dieses Jahr drei CDs von Elisabeth Schimana, Manon-Liu Winter und Max Brand. Ein kurzer Review-Ausflug zu den Sternen und retour.

Elisabeth_Schimana2.jpgDie österreichische Komponistin, Performerin und »Radio-Künstlerin« Elisabeth Schimana hat ein Faible nicht nur für die Elektroakustik, sondern für mit mathematischer Präzision generierte Klangprozesse. Ihr aus Sinusschwingungen gewonnenes Klangmaterial pulsiert und clustert und verdichtet sich zu einer sphärischen Wolke, die sie durchaus treffend »Sternenstaub« bzw. »Ein Mehrkanal live-Elektronik Solostück« nennt. Unsere Ohren hier reisen also durch einen mathematisch entworfenen Soundkosmos, den »Sonnenwinden« entgegen. Dass das komplex erzeugte Hörerlebnis dann doch etwas unterkomplexe Anforderungen ans Gehör stellt, macht es – je nach Zuhörer – durchaus reizvoll bzw. gar sehr reizarm. Auf jeden Fall herrscht hier knochentrockene Kompromisslosigkeit.

stones.jpgDie in Wien lebende Komponistin Manon-Liu Winter hat sich auf »Stones No. 2« dem präparierten Klavier gewidmet. Durch verschiedene Arten elektronischer Verstärkung erzeugt sie aus dem Korpus, aus dem Vibrieren der Klavierseiten oder dem Scheppern des Gehäuses ein flirrendes Spektrum, das sich wie ein kratzbürstiges Soundknäuel um den eigentlichen Klaviersound legt. Dabei bleibt der kompositorische Umgang verhalten und spartanisch, was eine stellenweise atemberaubend schöne Dynamik erzeugt. Ruppiger wird es im zweiten Stück der CD, auf »Insite 4/3a« mutieren die präparierten Sounds zu einer Symphonie aus Glassplittern und herumkullernden Porzellantassen, was erneut auf eine furiose Verdichtung hinausläuft. Wir hören großes Soundkino im Zentrum der zeitgenössischen Moderne.

maxbrand_1.jpgDie dritte CD widmet sich dem 1980 gestorbenen Elektronikpionier Max Brand, einem der großen gescheiterten in der Modernen Musik. Schon 1926 wurden seine Kompositionen als zu wenig im Klassenkampf positioniert und zu kitschig abgetan. Es folgten eine Reihe von Enttäuschung, die Flucht vor den Nazis und dann ein relativ einsames Schaffen als Elektronikpionier, pendelnd zwischen Long Island und Langenzersdorf. Vor allem dieses späte Schaffen präsentiert die CD »focus IMA«, darunter Brands vermutlich bekannteste Komposition »Astronauts«, die Originalfunksprüche zwischen der NASA-Bodenstation und John Glenn, dem ersten Amerikaner im Weltall, verwendet. »Astronauts« klingt ein wenig wie ein Betriebsunfall zwischen einem Buck Rogers Soundtrack und einem Livemitschnitt von der Mondlandung. Was im Jahr seines Entstehens noch fröhlicher Technikpositivismus war, erhält nachträglich eine unfreiwillig komische Note – und wird dadurch auch ein wenig kultig. Fast alle Stücke (inkl. drei kurze Werbespots) klingen wie ein Science-Fiction-Soundtrack aus den 1960ern. Aber es gibt dennoch, vor allem bei, »Ilias«, dem letzten und längsten Stück, das aus den Langenzersdorfer Archiv von Max Brand geborgen werden konnte, absolut hörenswerte und spannende Passagen.Kein Zweifel, hätte Brand seinen Schaffenshöhepunkt ein paar Jahre später gehabt, hätte er sich irgendwo zwischen Henri Pousseur, Karlheinz Stockhausen, Kraftwerk und Brian Eno in den Pantheon der elektronischen Musik einreihen dürfen. So aber bleibt seiner Musik ein tragikomischer Aspekt, sie ist Dokument eines zu früh gekommen. Die CD »focus IMA« ist nichtsdestotrotz eine schöne Hommage. Mehr Info zu Max Brand gibt’s übrigens hier.


Elisabeth Schimana: »Sternenstaub«
Manon-Liu Winter: »Stones No. 2«
Max Brand: »IMA focus«

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