Jukebox 2012

Eine (vorwiegend musikalische) Retrospektive der skug-Autoren Curt Cuisine, Heinrich Deisl, Didi Neidhart und Simon Olipitz darüber, was 2012 für jeweilige Begeisterungsstürme gesorgt hat.

Jukebox 2012 – Curt Cuisine:

Musik

Andromeda Mega Express Orchestra: »Bum Bum« (Alien Transistor)
Around the world in music and sound. Und das möglichst gleichzeitig und überbordend.

Dexys: »One day I’m going to soar« (Buback) klement-jalousie-785x785_1.jpg
Auch im Alter noch ein kindischer Querkopf: Kevin Rowland.

Dirty Projectors: »Swing Lo Magellan« (Domino)
Schrägness rules. Und erst recht dieses Hymnengemetzel. 

The Futureheads: »Rant« (Nul Recordings) 
Absolute working class heros. In purem Accapella. Nicht zukunftsweisend? Pff. 

David Helbock: »Purple« (Traumton Records)
Prince-Kompositionen in manische Klavierstücke umgesetzt. Ganz schön kling.

Katharina Klement: »Jalousie« (chmafu nocords)
Gro&szligartige österreichische Komponistin. Reinhören, entdecken, schätzen.

Lean Left: »Life at Café Oto« (Kollaps)
Improgewitter mit The Ex, Nilssen-Love und Vandermark. Kawumm!

Hans Joachim Roedelius, Christopher Chaplin: »King of Hearts« (Sub Rosa)
Om Mani Padme Gugging. Eine elektroakustische Meditation mit Altmeistercharme.

Studio Dan: »Dekadenz« (Jazzwerkstatt Records)
Die JazzWerkstatt Wien und die fröhliche Kunst der Verdichtung. Achterbahn und Leckerbissen.

Tenacious D: »Rize of the fenix« (Smi Col/Sony)
Derb und infantil? Ja, Papa! Aber was soll ich tun mit meinem Tenacious-D-Tattoo am Arsch?

DVD/Blu-Ray

»The Grey« / R: Joe Carnahan  moonrisekingdom.jpg
Just a B-Movie. Aber auch eine Perle. Die Sterbebegleitungsszene im ersten Drittel muss man gesehen haben.

»Ich folgte einem Zombie« / R: Jacques Tourneur
Noir-Expressivität hat einen Namen. Und ein Schauermärchen dazu. Endlich auf DVD.

»Melancholia«/ R: Lars von Trier
Trier hasst die Spie&szligigkeit und liebt sein eigenes Psychopathentum. Als Beweis dafür lässt er die Welt untergehen. Apokalypse please!  

»Moonrise Kingdom« / R: Wes Anderson
Richtig, hat man einen gesehen, hat man alle gesehen. Eben drum: Alle sehen!

»The Raid«/ R: Gareth Evans
»Die Hard« for Martial Arts. Der finale Fight ist zwar ermüdend, der Weg dorthin aber führt durch den Adrenalinhimmel für Action-Junkies.

Comics

»Ralph Azham« / Lewis Trondheim comicFashionBeastcover.jpg
Trondheims Solo-Donjon: Absurde Begabungen, ein pubertierender Pazifist als Held, schauerliche Grausamkeiten.

Chagall in Russland« / Joann Sfar
Der Mann, der schneller Geschichten erfindet als sein Schatten. Der Schatten nämlich zeichnet in der Zwischenzeit.

»Fashion Beast« / Alan Moore, Malcolm McLaren
Posthumes Lebenszeichen in Form eines Steampunk-Fashion-Cross-Gender-Comics.

»Die Kolonie« / Charles Burns
Surrealer als Black Hole. Nein, Mr. Burns, sie sind hier am falschen Planeten.

»Powers« / Brian Michael Bendis, Michael Avon Oeming
Wer erkunden will, wie weit die Amerikaner ihren Superheldenfimmel Richtung Glorifizierung & Selbstironisierung getrieben haben, ist hier richtig. Seit 2012 auch auf Deutsch (aber das kann nicht gutgehen).

 

 

Jukebox 2012 – Heinrich Deisl:

 

Bauchklang: »Akusmatik« (Bauchklang Rec).
Von Patrick Pulsinger co-produzierte LP. Bauchklang als experimentelle »Elektronik« mit Club-Hits.

The Cramps: »File Under Sacred Music. Early Singles 1978-1981« (Munster Rec.)
Stylish aufgemachte Box mit den ersten zehn Singles der Cramps. Für einen Cramps-Spätberufenen wie mich collector’s heaven.

Drexciya: »Journey Of The Deep Sea Dweller I« (Clone)
Teil 1 der Compilation von frühen Drexciya-Nummern inklusive »Bubble Metropolis«, »Hydro Theory« und »Lardossen Funk«. Flutungen des Hyperraums.  

Failing Lights: »Dawn Undefeated« (Dekorder)hotel_morphila.jpg
Soloprojekt von Mike Connelly (Wolf Eyes) mit avantgardistischem Noise, playable at any speed. Krass, heftig, befreiend.

Hotel Morphila Orchester: »Schwarze Energie« (Reissue) (Cien Fuegos/Trost)
Neuauflage der 1983er-Platte. »Liebe ist ein Hospital« und v. a. »Sex in der Stadt«. Eine der Referenzscheiben zu Wiener (Post-)Punk. Ob gut oder schlecht: essentiell. 

Alois Huber/Oh Gee feat. Bauchklang: »Signs« (10??) (Dubonwax/House of Riddim)
Techno-Bässe und Roots Riddims auf Minimal, eine österreichische Leistungsschau.

Guido Möbius: »Spirituals« (Karaoke Kalk)
Dangerous crossroads popmusikalischer Rootsforschung: Gospel meets Electronica in der Möbiusschleife. Ganz schön durchtrieben.

Andrey Kiritchenko: »Crysalis« (Nexsound)
Eine Geschichtsstunde des Jazz, irgendwo zwischen Jazz Rock, Swing- und Big-Band-Ansätzen und seinen jeweiligen Zerbröselungen.

Philippe Petit: »Extraordinary Tales Of A Lemon Girl – Chapter 3: Hitch-Hiking Thru Bronze Mirrors« (Aagoo)
Abschlie&szligender Teil der »Tales«-Trilogie. Petit hyperaktiv wie eh und je. Grenzauslotungen zwischen Neuer Klassik und Pulp.

Shackleton: »Music for the Quiet Hour/The Drawbar Organ EPs« (Woe to the Septic Heart)
Shackleton goes Ambient mit Bässen und Gamelan. Vertrackt, verzahnt, schier unknackbar.

Slug Guts: »Playin‘ in Time with the Deadbeat« (Sacred Bones)
Devastierender Psycho-/Post-Rock im 7-Mann-Ensemble. Sagen Sie nicht The Birthday Party dazu, Slug Guts haben dafür zu viel desperaten Jazz.

Soap & Skin: »Narrow« (Solfo)
Das »schwierige« Nachfolgealbum nach dem gro&szligen Erfolg. Die Tracks »Deathmental« und »Voyage« werden wahrscheinlich dereinst als österreichische Klassikaner firmieren.

Swans: »The Seer« (Young God Rec.)Various_Crystalized.jpg
Die Doppel-CD als endlose Spielwiese mit Stücken um die 20 Minuten. Nicht unbedingt ihre beste, dafür eine ungeahnte Experimentierlust. Was kommt als nächstes: Elektronik-Folk?

V/A: »Crystalized« (Comfortzone)
Drei Jahre Wiener Label Comfortzone: Ein feiner Sampler für alle Aspekte des Lebens: Von feministischem Riot-Diskurs bis Schweinerock. 

Franck Vigroux & Ben Miller: »Transistor« (D’Autres Cordes)
Alienated Death Disco, vier Stücke über moderne Stadtdystopien. Distortion, Industrial-Beats, Entäu&szligerung und dunkle Romantik.

Scott Walker: »Bish Bosch« (4AD)
Schwer, hart, schön: apokalyptische Balladen.

Welle Wien: »s/t« (Geco)
Schnörkellos unterhaltsam mit einer »Best of Vienna Underground Artists«-Band, Wien-Klischees genüsslich seziert.

 

Jukebox 2012 – Didi Neidhart:

 

BMMB: »Dirty Seconds« (Harmönia)
Randy Barracuda, Mesak & Michael Black Electro bouncen Skweee in die schlüpfrige Funk-Disco Can_The_Lost_Tapes_500.jpg

Jesse Boykins III & MeLo-X: »Zulu Guru« (Ninja Tunes)
Afronautische Aliens exzerpieren Future-Soul aus der P-Funk-Ägyptologie  

Can: »The Lost Tapes« (Spoon)
Kein Ärger mit dem Rückspiegel 

Hollie Cook: »Prince Fatty Presents Hollie Cook In Dub« (Mr. Bongo)
Schönster Dub-Reggae mit der Tochter von Ex-Sex Pistol Paul Cook

Flying Lotus: »Until The Quiet Comes« (Warp)
Jazz als extraterrestrischer Maschinen-Code

F.S.K.: »Akt, eine Treppe hinabsteigend« (Buback)
Der „Rock als Gebrauchsgegenstand“ (Marx) im diskursiven Widerschein

LV: »Sebenza« (Hyperdub)
House-Dekonstruktionen als outernational Technologietransfer zwischen Süd-London und Süd-Afrika

Frank Ocean: »Chanell Orange« (Universal)
Hauntologischer Soul zwischen Entfremdung und Erlösung

Peaking Lights: »Lucifer In Dub« (Weird World) sinkane_digitalpackshot1.jpg
Hypnotisch knisternde Elektrizität unter Mitwirkung von Sonic Boom (Ex-Spacemen 3) 

Pomazzl: »Surplus Ships« (Laton)
Sonische Nautik-Expeditionen zwischen Drexciya und Cthuluh 

Sinkane: »Mars« (DFA)
Pop aus dem Geist von Afro-Beats, die Krautrock inspiriert haben

TheeSatisfaction: »Awe Naturale« (Sub Pop)
Afrodelischer HipHop als Future-Gospel

VA: »Hercules & Love Affair DJ Kicks« (!K7 Records)
Basiskurs in Underground House-Extravaganza

VA: »Huge Bass: Post It 2« (Huge Bass)
Abstrakte Skweee-Tänzchen around the world

VA: »In Dub We Trust« (Deepindub Netabel)
Techno aus gigantischen Echo-Kammern und Hallräumen generiert

VA: »Only 4 U – The Sound Of Cajmere & Cajual Records 1992-2012« (Strut)
Wo Techno & Gospel sowie House & posthumaner Maschinen-Futurismus polymorphen Liebschaften frönen

VA: »Personal Space. Electronic Soul 1974 – 1984« (Chocolate Industries) scottwalker.jpeg
Mit P-Funk in den Ohren brechen die Kinder von Sun Ra zu Electro und Techno auf 

VA: »Shangaan Shake« (Honest Jon’s)
Transtopische Meetings im weltweiten Black Atlantic 

VA: »Twisted Tales From The Vinyl Wastelands Vol 9« (Trailer Park)
Obskure White Trash-Psychogramme als Tea Party-Country & Western avant la lettre 

Scott Walker: »Bish Bosch« (4AD)
Konsequente Weiterspinnung der schon bei den Walker Brothers und den frühen Solo-Werken angelegten Pop-Exzentrik

 

Jukebox’12 – Simon Olipitz:

BEAK>: »>>« (Invada)
Krautrock-Lecture von und mit Portishead’s Geoff Barrow

Breton: »Other People’s Problems« (FatCat Records) bruch.png
Unkonventioneller Elektropop im Genre-Fleischwolf 

Bruch: »I’m Back« (Totally Wired Records)
Rock’n’Roll-Zitate von Roy Orbison bis Lux Interior. Das Duett beim Song »Wildcat« führt gar zu folgender Frage: wer verdammt nochmal sind eigentlich Mark Lanegan & Isobel Campbell?

Crystal Soda Cream: »st« (EP, Wilhelm Show Me The Major Label)
Der Postpunk-Herrgott ist ein Wiener!

Dirty Projectors: »Swing Lo Magellan« (Domino)
Weirder Segeltörn unter der Flagge des Pop

Giant Giant Sand: »Tucson – A Country Rock Opera« (Fire Records)
Wie viele Alben hat der Typ schon veröffentlicht? Chef-Sandwurm Howe Gelb gewohnt unaufgeregt, diesmal aber mit 12-köpfiger Beteiligung. Gro&szlig!

King of Japan: »Mass In Heavy Minor« (Echokammer)
Getauft von Judas Priest und gefirmt von Ozzy Osbourne. Amen.

Lower Dens: »Nootropics« (Domino)
Wenn weniger gleich mehr ist: Lo-Fi Referenzhölle mit Ohrwurmpotential (»Brains«)

Menahan Street Band: »The Crossing« (Daptone Records)
Die Daptone-Hausband in gewohnter Höchstform. Soul Matters!

Maria Minerva: »Will Happiness Find Me?« (Not Not Fun)
Happiness is a warm gun. Auch im Techno-Pop Olymp. lucifer_pl.jpg

Moon Duo: »Circles« (Sacred Bones)
Spacerock, Suicide & vier Akkorde für ein Hallelujah! 

The Mount Fuji Doomjazz Corporation: »Egor« (Denovali Records)
Der Bandname ist Programm. Ein Klangspektakel aus dem Moskauer DOM-Theater. 

Peaking Lights: »Lucifer« (Domino)
Neues persönliches Lieblings-Musikerpärchen. Sid & Nancy auf Dub & LSD. 

Portico Quartet: »st« (Real World)
Schönste Platte des Jahres. Jedes Wort mehr ist da schon eines zu viel.

Malka Spigel: »Every Day Is Like The First Day« (swim ~)
Die Ex-Minimal Compact-Grande Dame verliert sich auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Und das ist in diesem Fall durchaus als Lobpreisung zu verstehen.

Andy Stott: »Luxury Problems« (Modern Love)
Vergangenheitsbewältigung mal anders: sphärische Elektronik mit mahnenden Stimmen der ehemaligen Klavierlehrerin

Swans: »The Seer« (Young God Records)
Der Exorzismus des Michael Gira. Der Dirigent und sein Höllenorchester geben sich dabei alles andere als altersmilde.

Tame Impala: »Lonerism« (Modular)
Klingt als würde John Lennon nach drei Tagen Schlaflosigkeit und dabei erfolgten psychedelischen Experimenten bobbywomack_thebravestmanintheuniverse_artwork1.jpgzur Bewusstseinserweiterung mit den Flaming Lips einen draufmachen. 

THEESatisfaction: »awE naturalE« (Sub Pop)
Sub Pop goes HipHop: Nach den Shabazz Palaces im Vorjahr liefert die Gitarren-Hochburg aus Seattle erneut eine DER Entdeckungen des Jahres ab.

Bobby Womack: »The Bravest Man In The Universe« (XL Recordings)
Produziert von XL-Boss Richard Russell und Allround-Genie Damon Albarn groovt sich His Bobbyness durch ein spätes Karrierehighlight. Nach schwerem Verdacht auf die Bezeichnung „Platte des Jahres“ ein Schuldspruch in erster Instanz!