Ravi Shankar & Philip Glass
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Ein Nachmittag mit Ravi Shankar

Reise-Hommage aus skug #79 an den Sitarspieler und Komponisten der am 11. Dezember 2012 verstarb.

Ja, erkundige dich ?? über das, was ich mir selbst erzähle. Und das, was sich andere an einem anderen Ort erzählen. Es taucht beinahe auf. Und schlussendlich doch nicht mehr. Lieben Sie den Raga nicht? Erzählen Sie ein wenig aus Ihrer Sicht. Damit man es auch wei&szlig ?? ein wenig ?? manchmal. Ich höre mehr und mehr der Sitar zu. Ist die Sitar auf Hindi eigentlich maskulin oder feminin? Ravi Shankar ?? ein Meister.


» #17 Je weniger ich bin, desto mehr bewirkt ihre Nettigkeit – das sagt alles über ihre Werthe!«

» #11 Bringe mir mein Vanhouten oder ich begehe eine Schokolade!«

Friedrich Nietzsche, Unveröffentlichtes aus »Tot weil dumm« (1889-1892/93)

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Eines Tages findet man sich in Madrid wieder (zu viel Reisen in letzter Zeit, viel zu viel und doch auch nie genug) und nimmt auf dem Flug (Abreise in Paris, Charles de Gaulle) wie im Fluge einen Blitz wahr: Wie viele Jahre ist es überhaupt her, dass ich Ravi Shankar auch nur ein einziges Mal gehört hätte? Solche Fragen stellt man sich im Flugzeug. Aber es ist nicht falsch, dass man im »?berfliegen« die Dinge sofort und zwangsläufig befreit ?? die freien Assoziationen. Die Ragas sind so voller Vorzüge, dass man sich ihnen sofort hingibt. Es gibt Ragas für jeden Moment im Leben und sogar für die Momente, die man nur selten braucht. Ein Raga für den Morgen, ein Raga für den Abend, ein Raga für die Toten und einer für die Neugeborenen, ein Raga für die Wege, die man geht, und einer für die Reisen. Jeweils einer für die Traurigkeiten, die Liebschaften, die Probleme, die Versöhnungen und was wei&szlig ich was noch ?? ein Raga für den Cunnilingus, ein Raga für die Kälte in aller Herrgottsfrühe, ein Raga für die Travestien und einer für die Transsexuellen, ein Raga für die Kasten, ein Raga für die Wahlen und ein Raga für den Kauf eines neuen Plasmabildschirms. Der Raga ist toll und au&szligerdem noch gut für die Gesundheit! Aber täuschen wir uns nicht ?? wenn man die falschen Ragas heraussucht, existieren immer noch viele, an die man nicht gedacht hat. Wollen Sie Beispiele? Der Raga-Dub ist nicht der, den man sich vorstellt ?? der »Raga-Enculato-Mio-Si-Sinior« ebenfalls nicht, auch wenn er in Thailand am Abend vor den gro&szligen Geschäftstreffen sehr verbreitet ist. Der Raga der Stadt London ist z. B. ein alter Gelegenheits-Raga und hat wenig mit Ursprünglichkeit zu tun. Mozart soll hingegen einige Ragas geschrieben haben. Vielleicht sogar einige »Brandenburgische Ragas«? Und selbst Bach – ja, Johann Sebastian – schrieb viele schwierige Ragas, um seine Miete bezahlen zu können ?? überliefert sind uns jedoch keine (der wiederkehrende Monsunregen hat seine Gründe). Es bliebe auch noch vieles über die »Tandoori-Ragas« zu sagen, die man in verwinkelten Stra&szligen findet. Eigentlich habe ich – man muss es betonen – den Raga wiederentdeckt, als ich auf dem Flughafen in Madrid ein bisschen »Lebens-Blues« hatte. Ein schwer zu überstehender Moment, wie er manchmal im Leben auftaucht ?? also kehrte ich zum Virgin Megastore zurück, um in den CD-Regalen ein bisschen Liebe zu suchen. Aber dann wich ich vor diesen ganzen Kompilationen zurück: »Best of Trance«, »Celtic Origins«, »Pussy in da House«, »El Che G. Remixes« oder »Die Dame singt den Blues – Eine Auswahl des Songcontests 2009«. All diese Bars in Madrid, all diese halbnackten Mädchen, diese Banderas-Typen, diese Heiterkeit der Stadt, diese Leute, die bis zum Ende der Nacht glücklich sind ?? all das wurde meinem Dasein wie ein Spleen untergejubelt. Ich hätte an den Küsten der Normandie sein sollen oder direkt vor dem Nordmeer, vielleicht sogar in Buenos Aires, aber hier, in Madrid, stie&szlig ich an die Grenzen des Zumutbaren. Und ich dachte nunmehr schon seit drei Tagen immer wieder an Ravi Shankar, nachdem ich im Radio seine Musik, seine Seele, sein einzigartiges Spiel, seine »Fingerings« und all seine sympathischen Akkorde wieder gehört hatte. Kurz: Sein Raga hat mich berührt, als ich aufwachen musste. Ach, Ravi, heiliger Shankar! Hast du überhaupt jemals den Blues der Geldbörsen, den Salsa der Hoden, den Techno der Bäuche oder den Rock?n?Roll der Familien gehört? Und um es kurz zu machen: es gab an diesem Tag bei Virgin am Flughafen nur so viel von Ravi Shankar, wie es Hoffnung in meinem Herzen gab. Aber es gab da auch ein Internetcafé und nach einem Pint Kilkenny (für 6,20 Euro) bin ich ins Netz eingestiegen. Die erste Verbindung war natürlich www.amazon.fr. Ich ging auf die Suche nach verfügbaren Dingen, die mir mit einer akzeptablen Verzögerung und mit niedrigen Preisen nach Hause geschickt werden würden. Und das Bier half mir dabei (ihr Üsterreicher wisst das noch besser als ich ?? das Bier tröstet die Herzen, füllt die Bäuche und schwemmt beim Pissen das ganze Unglück weg!) und ich entdeckte Ravi Shankar wie eine Sintflut der Möglichkeiten ?? und das alles für mehr oder weniger 4,99 Euro. Und so konnte ich mich stärken, weil mit einem einzigen Klick die Musik der ganzen Welt bei mir ankam. Ein ganzer Katalog fand sich da auf »The Ravi Shankar Collection – A morning Raga + An evening Raga; Ragas & Talas; In London; Three Ragas, Live at Monterey 1967« etc. … und das alles auf Amazon (mit dem Kürzel ».fr« oder jedem anderen). Als die Post lieferte, musste ich nach Mannheim, um – nur einige Tage nach Madrid – ganz alleine ein Konzert zu spielen ?? oder vielmehr »Solo« wie man sagt. Daher fanden sich all die Ragas um 6:55 Uhr in einem Zug wieder, in dem ich in einem Erste-Klasse-Waggon der Deutschen Bahn ein »Continental-Breakfast« genoss (mit Wurst, Orangensaft und Joghurt). Und das hatte auch sein Gutes. Denn der Raga ist in jeder Art und Weise und zu jeder Zeit ganz einfach gut. Aber nach drei Stunden und zwanzig Minuten Fahrt hatte ich noch nicht die Möglichkeit gehabt, meine ganzen Ragas durchzuhören. Glücklicherweise hatte das Zimmer im Mannheimer Holiday Inn sehr viel Platz und so konnte ich das Anhören der CDs doch noch fortsetzen. Das italienische Restaurant des Hotels hatte ein reichhaltiges Buffet nach Belieben (allerdings nur zu Mittag). Auf dem Zimmer hatte ich ein breites Angebot an Fernsehkanälen: von Al Jazeera bis zu chinesischen und libanesischen Kanälen ?? sogar einer aus Quatar war dabei. Und schlimmer noch: ORF, TV5, BBC World, Fox News ?? Das hatte alles natürlich nichts mit dem Raga als solchem zu tun, wenngleich es ihn begleiten kann, ohne abzulenken. Dem Hotel gegenüber bemerkte ich einen Shop von Beate Uhse (der übrigens am 1. Mai geöffnet war), wobei ich nicht wusste, ob in den Kabinen manchmal Ravi Shankar gespielt wurde. Immerhin trinken auch die Inder Bier ?? Kingfisher und andere Sorten. Schlussendlich ging ich – nach einigen Bieren aus der Region – gegen 11:30 Uhr vormittags ins Buffet des Hotels Mittagessen und ernährte mich eigentlich nur mit Flüssigkeiten. Danach ging ich gegen 14:22 Uhr zurück aufs Zimmer, um doch noch meine tägliche Siesta zu halten.
ravishankar9.jpgDer Chianti des Buffets war nicht wirklich berühmt (aber ein halber Liter für 8,90 Euro ?? das geht) und so fühlte ich mich auch nicht sehr spirituell. Aber gut, ich habe mich trotzdem ausgezogen ?? ein T-Shirt für die Nacht, ohne Slip, einfach ganz natürlich, gemütlich und in aller Frische (Klimaanlage). Ich habe dann »In London« in meinen CD- und MP3-Player von Sony eingelegt. Ich nahm ein paar Hygienetücher, um meine Raga-Onanie besser ausleben zu können und kam ganz von allein und schnell.
Ich konnte nicht einmal die ersten Minuten des ersten Titels, den »Raga Hamsadhwani«, hören, weil ich schon eingeschlafen war. Na bitte, der Raga kommt, wie man will und wann man will ?? so oder so.

»The Ravi Shankar Collection – In London; Three Ragas; Ràgas & Tàlas; A Morning Raga/An Evening Raga« (4 CDs, Angel Records/EMI bzw. SPV)

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