skug #0, Oktober 1990 © Redaktion

Die vielen Leben des Subkulturmagazins skug

Nicht von der Obsession lassen können, skug zu machen. Antriebsriemen Alfred Pranzl über 30 Jahre skug und warum skug zuletzt politischer geworden ist. Ein nicht unbescheidener Beitrag für das im Februar 2021 erschienene »AUZINE«.

Im Oktober 1990 erschien die Nullnummer von skug, seit 2016 ist das ehemalige Journal für Musik kein vierteljährliches Periodikum mehr, sondern ein nahezu täglich mit neuen Texten aufwartendes Onlinemedium mit dem Subtitel »Musikkultur«.

Gestaltungsfreiheit
Manch einer meint: Warum tust du dir das immer noch an? Selbst stelle ich mir auch die Frage, warum ich eigentlich skug mache. Es ist eine Form von Nicht-anders-Können. Auch zieht mensch viel Befriedigung daraus, etwa den Besuch von Konzerten via Gästeliste. (skug erbringt dazu als Gegenleistung eine Konzertempfehlung im Bereich Termine bzw. als Artikel). Darüber hinaus verfügen wir mit dem Salon skug in Nachfolge der Reihe skug presents (seit 2000) über eine Plattform, wo wir v. a. heimische Projekte präsentieren, etwa The Boiler, ein Side-Project von Ana Threat, oder Wrong Body, das Goth-Outlet von Dino Spiluttini, bzw. international Begeisterndes auf die Bühne hieven, von der Schwedin MAG über den Belgier Manu Louis bis zum literarischen Salon skug intim. Eine wichtige Möglichkeit für das Kernteam von skug – Chefredakteur Frank Jödicke, Lektorin Mio Michaela Obernosterer und meine Wenigkeit –, skug in der realen Öffentlichkeit präsent zu halten.

In nachhaltiger Erinnerung sind auch Kooperationen, wo skug größere Venues bespielen konnte. Mit Kuratorin Elisabeth Schimana holte skug mit dem Extended Europe Festival 2001 elektronische Improv-Acts aus Ungarn, Serbien und Russland für Kollaborationen mit österreichischen Musiker*innen ins Porgy & Bess, dokumentiert auf einer Live-CD. 2005 kooperierte skug mit EU-Partnern aus Budapest und Bratislava: Das fünftägige SoundBridges Festival in der Fluc Mensa war ein großer Erfolg, wie auch 2007 das erste Dubstep Festival weltweit in Kooperation mit der Subkulturschiene Into The City der Wiener Festwochen. In ganz besonderer Erinnerung ist ein Fest für »Geschichte(n) vor Ort – Eine Ausstellung rund um den Volkertplatz«: Ein von mir in einem hauptsächlich von jugoslawischen Wiener*innen frequentierten Livelokal am Gürtel rekrutierte Romaband fuhr im schwarzen Mercedes vor und spielte ein entfesseltes Konzert. Enthusiastische anwesende Gastarbeijteris funkten ihre Familienmitglieder an, die umgehend aus den umliegenden Wohnungen strömten und das Zentrum des Volkertmarkts füllten. Glücksmomente wie dieser aus 2006 halten ewig an! Ebenso übrigens das 30 Jahre skug Geburtstagsfest im Jänner 2020 im Fluc, mit Mitra Mitra und Felix Kubin außer Rand und Band.

Ein wichtiger Aspekt ist auch, ein offenes Medium mitgestalten zu können. Gerade weil die skug-Autor*innen meist selbst Texte vorschlagen, führt dieser unerzwungene Zugang zu einer guten Bindung ans Medium skug.

skug #0, Oktober 1990 © Redaktion

Diskurs versus Juryberufung
Wir sind noch immer in keine Jury berufen worden. Was machen wir falsch? Wohl wenig, doch einer der Gründe dafür ist, dass mensch mit Dayjob und Familie nicht genug Zeit fürs Networken hat. Und wegen dieses Seltener-präsent-Seins skug vermutlich zu sehr unter der Wahrnehmungsschwelle von in Jurys berufenden Institutionen liegt. Bzw. könnte es auch eine Angst sein: Die von skug liegen zu quer, pflegen einen Diskurs, der irgendwie zu radikal ist? Hätte es eine bezahlte Fixanstellung geben können, hätte sich skug eher wie »Die Springerin« oder »Wespennest« entwickeln können. Genannte Qualitätsmagazine, die nach wie vor viermal im Jahr erscheinen, verfügen über Redakteur*innen, die auch anderswo (z. B. in Kurationen) präsent sind, also ihr ganzes Berufsleben einbringen können, ohne zeitliche Abstriche an einen kulturfremdem Dayjob machen zu müssen. So aber reichen die geringfügigen Subventionen zumindest dazu, skug am Leben zu halten.

Warum aber opferte der Autor dieser Zeilen die skug-Herausgeberschaft, die keinen Lebensunterhalt bringt, einer Karriere, die wohl möglich geworden wäre? Dies ist durchaus positiv zu sehen, da skug sich selber die Themen aussuchen kann, ohne immer irgendwelchen Umständen verpflichtet zu sein. Da würden manche bereits wieder dazwischenschreien: Ihr habt doch Inserate (Werbebanner), etwa von Festivals, über die ihr dann berichtet. Nun, zum einen muss sich skug eben auch finanzieren und zum anderen sind das immer Festivals, die wie die skug-Redaktion selbst am Puls der Zeit sind. Oft geht es dann um Sounds, die eines Tages auch in den Mainstream gelangen. Kapitalismus verschlingt allzu oft Innovatives, schleift es ab, was dann für skug nicht mehr so interessant ist. Und doch gibt es den skug’schen Extrablick auf den Mainstream, z. B. berichtete Chefredakteur Frank Jödicke zuletzt jährlich über den Super Bowl, weil sich in der Analyse ein guter Abriss über ein immer verkommener werdendes soziales Gefüge treffen lässt. Und selbstverständlich schildert skug die Ursachen, warum es dazu kommen konnte. Trotzdem, oder gerade deswegen: Uns interessiert weniger die Norm, als die Abweichung davon.

skug #2, Dezember 1990 © Redaktion

Perspektive der Peripherie
Großteils nimmt skug aber die Perspektive der Peripherie ein. Klar, skug ist auf der Seite der Schwachen, von der Politik Exkludierten, die als Sündenböcke benutzt werden, um vom Politikversagen abzulenken. skug entdeckt lieber Neues aus Randzonen, womit sich kaum ein Medium beschäftigt. skug bewahrt sich die Neugier, was seitens gewisser Medien mit der Klassifizierung, skug sei eine Randgruppenmedium, abgetan wird. Wichtig ist in diesem Zusammenhang folgender Nebeneffekt: skug kann und will natürlich kein bezahltes Platzhirschentum (wo Redakteur*innen manchmal Texte von Freelancer*innen entstellen) fördern, sondern ermöglicht auf niedriger Schwelle Interessierten, mit (musik-)journalistischem Schreiben zu beginnen. Enorm viele Skills haben der Herausgeber und die jeweilige skug-Redaktion weitergegeben und man freut sich, wenn aus ehemaligen skug-Autor*innen Redakteur*innen z. B. bei FM4, Unifprofessor*innen usw. wurden.

Auch skug wird zwar mit zu vielen Tonträgerneuerscheinungen bombardiert, doch immer wieder gibt es Perlen zu entdecken, die skug-Autor*innen rezensieren und klarerweise behalten können. Wenn mensch will, kann er darin eine kleine Form von Belohnung fürs Schreiben sehen – wie es auch Pressekarten sind, die einen kostenlosen Konzertbesuch ermöglichen. Da skug ein Qualitätsmedium ist, ist es nicht so wichtig, wie oft die Rezension geklickt wird, sondern dem Artist hochheilig, eine vorzeigbare, ausführlich analytische Rezension ins Curriculum Vitae aufnehmen zu können.

skug #93, Jänner 2013 © Redaktion

Subversive Wisdom
Subtitel wie »Subversive Wisdom« und bis 1999 »Clever Wrong In Music« besagten bereits, dass skug so etwas wie Haltung innewohnt. Mit dem Untertitel »Journal für Musik« ließ skug nach einem Relaunch im Jahr 2000 – parallel dazu wurde an der Millenniumswende skug.at gestartet – den Fanzine-Status hinter sich und etablierte sich zusehends auch im gutsortierten bundesdeutschen Zeitschriftenhandel. Mit dem neuen Subtitel »Musikkultur« (seit 2016) schließt skug mit seinem Status als Printmagazin ab und erweitert zugleich die Blattlinie sichtbar von musikalischen hin zu auch anderen kulturellen Inhalten aller Art.

Publizistischen Widerstand zu praktizieren, gegen eine zunehmende Faschisierung der Welt aufgrund steigender Einkommen für die Profiteure des Neoliberalismus, ist mehr denn je wichtig. Dank Autor*innen wie Alessandro Barberi, Frank Jödicke, Didi Neidhart oder Peter Kaiser werden unter »Linke Archive« (hervorgehoben sei die Serie zum 200. Geburtstag von Karl Marx) oder »Readable« auf skug.at mehr denn je profunde politische Artikel publiziert. In ausführlich diskursiven Längen, die wohl oft den Rahmen einer skug-Printausgabe sprengen würden.

1991 war der Mauerfall noch frisch. Damals erörterte der Autor dieser Zeilen im skug-Gespräch mit Eugene Chadbourne, der oft in der DDR live aufgetreten ist, die Möglichkeit eines dritten Weges. Diese Hoffnung hat sich leider als Chimäre erwiesen. Viele sogenannte Modernisierungsverlierer fühlen sich von den Wessis gedemütigt, weil Errungenschaften der DDR planiert wurden und Magnaten aus der BRD allzu oft Firmen aufkauften und stilllegten.

Dass skug in letzter Zeit um einiges politischer geworden ist (obwohl die Politik in vielen Porträts wie eben geschildert immer wieder durchdrang), ist der Tatsache geschuldet, dass sich der Marktfundamentalismus nicht nur durchgesetzt hat, sondern bedrohliche hegemoniale Ausmaße erreicht hat. Nicht umsonst begehrt gerade in Hayek/Friedmans Musterstaat Chile die Bevölkerung auf, weil die Mächtigen einfach zu weit gingen, auch Gemeingut wie Bildung, Wasser oder den öffentlichen Verkehr zur Ware zu machen. Wie wir wissen, gebären zu wenig Reglementierung und übermäßige oligarchische Besitztümer Faschismus bzw. prolongieren diesen wie bei vielen Regimen Lateinamerikas. So gesehen müsste die EU ihre paradoxe neoliberale Konkurrenzagenda hinter sich lassen und endlich eine Sozialunion etablieren.

Viele skug-Autor*innen haben in ihren Texten die Auswüchse des Spätkapitalismus beleuchtet und selbst gebe ich gerne Anregungen. So war es mir ein Anliegen, ein in jiddischer Sprache verfasstes, in Feldpostflaschen vergrabenes Notizheft-Mahnmal von poetischer Wucht auch auf skug.at rezensiert lesen zu können. »Die Zertrennung« des begnadeten Schriftstellers Salmen Grodowski, erschienen bei Suhrkamp/Jüdischer Verlag, kann nur mit Ehrfurcht erfasst werden. Seine Aufzeichnungen als Kapo im KZ Auschwitz, der zur Tötungsarbeit für die SS gezwungen wurde und als Zeuge folglich zu eliminieren war, sind ein beklemmendes Dokument des Widerstands und des Versuchs, wider das totalitäre Böse anzuschreiben. Obwohl Grodowski den mörderischen Gräueln der SS ausgeliefert war, konnte er in seinen Schriften im Angesicht des Todes seine und die Menschenwürde aller anderen Opfer für die Nachwelt bewahren.

skug #95, Juli 2013 © Redaktion

When The Musicʼs Over
Dass man aus der Geschichte nicht lernt, ist in immer mehr Weltgegenden leider evident. Und dass ein Genozid selbst in Europa wieder möglich war, hat mich zutiefst erschüttert. Aktuell wurden die Jugoslawienkriege, in denen sich Slobodan Milošević und Franjo Tuđman ein Großserbien bzw. -kroatien schaffen wollten, anlässlich der Literaturnobelpreisverleihung an Peter Handke auch in skug aufgegriffen. Lutz Vössing, der auch über den Weltdichter Grodowski geschrieben hat, wies u. a. auf Handkes Einseitigkeit hin und dass eine Rede am Grab eines Massenmörders für den Nobelpreis eine Disqualifikation sein sollte.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern auch auf mein Gespräch mit Gordan Paunovic, 1999 Musikchef von Radio B92, das ich fürs Titelblatt von skug #39 infolge des Kosovokrieges und der NATO-Bombardements führte, verweisen. Und insbesondere auf »Round Midnight #3« eine Kooperation von line-in – verantwortet von niemand Geringerem als dem »AUZINE«-Impresario Michael Podgorac – und skug am 9. Oktober 2009 im Ost Klub. Ich erinnere mich an die großartigen Live-Auftritte von Darko Rundek & Cargo Trio (Paris/Zagreb) sowie Soopertrash mono set (Wien) und DJ-Sets mit schrägen Sounds aus Ex-YU. Und daran, dass ich eine Diskussion moderieren durfte. Mit Darko Rundek, Goran Novaković, Vlada Divljan und Slavooj Zizheck Jr. Letzterer war aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit mit dem slowenischen Philosophen der Aliasname von Saša Miletiç, der 20 Jahre nach dem politischen Umbruch 1989 das Motto des Abends mit seinem denkwürdigen skug-Artikel zum Zerfall Jugoslawiens vorausschickt.

Abschließend – weil es unmöglich ist, alle zu nennen, die skug ermöglichen halfen und helfen – ein Riesendankeschön an alle Mitarbeiter*innen und Autor*innen, die skug bei seinen Inkarnationen begleiteten bzw. weiterhin oder wieder mit Herzblut an Bord sind. skug, long may you run!

Näheres zum Autor
Alfred Pranzl, geb. 1963, ist Gründungsmitglied von skug und seit 1996 Herausgeber von skug. Publizierte in Fanzines wie »Chelsea Chronicle« oder »Der Basilisk«, Fachzeitschriften, in der »Arbeiter Zeitung« und »Wiener Zeitung« und schreibt mit Ausnahmen wie dem »AUZINE« nur noch für skug.

Zum »AUZINE«
Das wahrscheinlich dickste Fanzine der Welt dokumentiert die Geschichte des Wiener Underground der 2010er-Jahre am Beispiel des AU in Wien Ottakring. Auch skug war mit dem AU verbunden und wurde vom ehemaligen Betreiber und »AUZINE« -Herausgeber Michael Podgorac zu einem Beitrag eingeladen, der hier erstmals auch online zu lesen ist. Mehr Infos unter www.viennau.at.