Eugene Chadbourne © Manfred Rahs

Prophetischer Song-(De)konstruktivist

»Die Gesellschaft wird immer faschistischer«, dozierte Eugene Chadbourne bereits vor 30 Jahren über die USA. Ein hochpolitisches Interview mit dem genialen Gitarristen/Banjospieler/Komponisten zwischen C&W, R’n’R, Folk-Tune und Free Jazz für skug #1, im Jubiläumsjahr erstmals online zu lesen.

Besonders erfreulich stimmt ein Wiederlesen eines Gespräches mit dem amerikanischen Alleskönner auf (E-)Gitarre und Banjo Eugene Chadbourne, das anlässlich 30 Jahre skug endlich dem Archiv aus skug Vol. 1 entspringt. Doc Chad war damals nicht nur für seine weirden Live-Shows bekannt, sondern auch für seine politische Haltung, die nicht nur in den Song-Lyrics, sondern in den Ansagen eine welthaltige Dimension aufblitzen ließ. Weniger erfreulich ist, dass sich an Chadbournes damaliger Diagnose in den Grundkonstanten wenig geändert hat, außer dass die Politik weltweit reaktionärer und autokratischer geworden ist. Dabei hätte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Gelegenheit bestanden, einen dritten Weg zu gehen, der die Vorteile von Kapitalismus und Kommunismus vereinigen sollte. Anhand der DDR, die Chadbourne gern bereiste, wurde das im Interview mit Alfred Pranzl erörtert, doch leider gilt Chadbournes Satz »Money is your Visa« mehr denn je, trotzdem Covid-19 das freie Reisen zeitweise sehr einschränkt.

Originaltext in skug #1, 1990
Originaltext in skug #1, 1990

Eugene Chadbourne

Country & Western sowie Avantgarde & Improvisation sind bei Eugene Chadbourne nicht zwei verschiedene Paar Schuhe. Solch kombinierte Waghalsigkeiten bedürfen natürlich ebenso wenig wie seine puren Noise-Instrumente elektrische Gartenharke (rake) oder Toilettenentstopfer (plunger) der Anmeldung beim Patentamt. Denn nach den Chadbournes und Shockabilly ist keiner außer Eugene himself aufgetaucht, der auch nur annähernd überzeugend dieses neugeschaffene Terrain beackert und als Draufgabe noch das Erbe der Protestsänger gerecht und (un)ernst fortführt.

History
Von den Beatles schwer beeindruckt, beginnt der 10-jährige Knabe Eugene Gitarre zu spielen, damit ihm einmal die Mädchen wie den Fab Four zujubeln werden. Nach ausgiebigen Gastspielen in garagigen Psychedelic-Rock-Bands wendet sich der Youngster weirderem Zeugs zu. Jimi Hendrix bleibt als Einfluss, doch bald sind die Mothers Of Invention, Captain Beefheart und Free Jazz prägend. »Ich wollte die genialen Sounds, die John Coltrane auf seinem Saxophon blies, auf der Gitarre reproduzieren«, meint Chadbourne, der, um nicht in die Army einrücken zu müssen, seine Heimatstadt Boulder (Colorado) Richtung Westkanada verlässt. Chadbourne hört zusehends merkwürdigere Platten und stößt auf Derek Bailey, Anthony Braxton, Albert Ayler oder den holländischen Drummer Han Bennink, der ihn aufgrund seiner Bühnenpräsenz für seine Solo-Freakouts inspirieren sollte. Als Protagonist der dortigen Improvisationsszene wird er nur von wenigen Insidern verstanden.

Dank Jimmy Carters Amnestie für Wehrdienstflüchtlinge kann Chadbourne Mitte der 1970er zurückkehren. In New York, wo man im Gegensatz zu Kanada sogar mit dieser seltsamen Musik berühmt, ein Star, werden kann, schnuppert Chadbourne in der dortigen Improvising-Scene rum, ehe er erstmals Europa heimsucht, um die europäische (spielt u. a. mit den Österreichern Walter Malli und Franz Koglmann) kennenzulernen. Die Reaktion der Zuhörer ist wie fast überall die gleiche: »This is noise, not music«, was natürlich nicht stimmt. Danach gebiert Chadbourne, der jede Art von Musik, angefangen von sonderbarer Ethnomusik über Punkrock bis zu obskurem Hillbilly aus Polen, liebt, die Fusion aus Country und improvisiertem Rock. Mit den Chadbournes werden auch C&W-Schuppen bespielt, was Chadbourne aufregend findet: »Mindestens die Hälfte der Anwesenden hasste uns, die andere Hälfte war jedoch begeistert.« Shockabilly, erweitert um den Beatles-Hendrix-Psychedelic-Stuff, sind sowieso Legende, wie die zahlreichen Kollaborationen mit anderen Künstlern (Violent Femmes, Camper Von Beethoven, ja sogar They Might Be Giants). Die Vorteile (wie keine Proben, keine Diskussionen, mehr Geld) wiegen den Tod der Band Shockabilly (leider!) auf. Der Horrorfilm-Freund inkarniert als Einmann-Schrammel-Orchester.

© Manfred Rahs

Grundgerüst: Songs
Chadbourne, der mal bei Carla Bley als Rhythmusgitarrist vorspielte und sich selbstverständlich nicht an die vorgegebenen Chords halten konnte, wollte niemals der amerikanische Derek Bailey (britischer Free-Gitarrist, dessen Credo die pure Improvisation ist und der folglich Komponiertes hasst) sein. Er nimmt stattdessen einen Song und improvisiert darin/drüber/damit und schraubt, wenn es gilt, eine Hommage an große Songwriter zu leisten, Gewagtheiten auf das Mindestmaß zurück.

skug: Sie haben heute den Tim-Buckley-Song »The Earth Is Broken« gespielt und keine Späße darin verpackt. Einen Tim-Buckley-Song kann man nur ehrfürchtig wiedergeben. Welche Songs laden zum Gegenteil ein?
Eugene Chadbourne: Über einen Tim-Buckley-Song kann man sich beim besten Willen nicht lustig machen. Seine Musik ist ernst und unergründlich. Tim Buckley war eher ein Philosoph. Wenn mehr Leute seiner Musik zuhörten, gäbe es eine bessere Welt. Bei Phil Ochs ist das ähnlich. Er hat sehr lustige Songs, aber man kann keinen seiner Songs covern und sich darüber lustig machen. Wenn man z. B. einen Song von den Rolling Stones hernimmt, hat man von vornherein die Absicht, etwas daran zu zerpflücken.

Bei Protestsongs können Sie aber praktisch immer Ihre Jokes anbringen.
Wenn ich Country Music spiele, kann ich immer wieder zur Basis zurückkehren. Country strotzt vor lächerlichen Images, sodass es leicht ist, diese in Sounds zu verwandeln. Dies lebendig zu machen, entspricht den Soundeffekten in Cartoons. Wenn z. B. eine Maus die Katze fängt.

Ist Country nicht eine sehr konservative Musik?
Das stimmt nicht immer. In Willy Nelsons Biographie kann man nachlesen, wie er am Dach des Weißen Hauses Marihuana raucht. Oder: Johnny Cash singt in »What Is Truth« darüber, dass die Kinder zuerst in der Kirche hören, dass sie nicht töten sollen, und dann mit 18 in eine Uniform gesteckt werden und aufgefordert werden, zu killen.

Mir ist aufgefallen, dass Sie die Musik von drogensüchtigen Künstlern besonders gerne haben.
Meine Frau macht sich deswegen Sorgen. Wenn ich eine neue Coverversion einstudiere, fragt sie, ob der Song nicht schon wieder von einem stammt, der sich umgebracht hat. Sie befürchtet, dass ich selber mal Suizid begehen werde, wie Tim Buckley oder Tim Hardin. Als ich einen Song von Nick Drake einlernte, sagte sie: »Der klingt aber sehr, sehr traurig. Beging er auch Selbstmord?« (Anm.: Ja.) Obwohl ich über das tragische Leben gewisser Songwriter Bescheid weiß, kann ich nicht verstehen, warum sie wirklich keinen anderen Ausweg als den Freitod sahen. Aber ich mag auch andere Musiker, die weitermachen, ja sogar reich geworden sind. Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird.

Ihr Leben ist aber nicht traurig?
Nein, ich versuch’ glücklich zu sein, ich bin glücklich.

Eugene Chadbourne © Manfred Rahs

Politics
Einem Menschen, der sich gut fühlt, obliegt es somit, gegen die Widrigkeiten, die diese Welt so bietet, anzukämpfen. Deshalb wurde mit Eugene Chadbourne recht viel über Politik getalkt. Denn ist es nicht so, dass in erster Linie die Politiker, die nicht imstande sind, gegen das allmächtige Kapital und dessen Hintermänner Beschlüsse zu fassen, die Grundlagen für allerlei Miseren schaffen? Der Amerikaner, der seit Jahren in Greensboro, North Carolina, lebt, berichtet von einer vor ca. zehn Jahren stattgefundenen Demonstration, in der sich Ku-Klux-Klan-Anhänger und Kommunisten in die Haare gerieten. Sechs Kommunisten wurden erschossen, die Schuldigen wurden nicht gefunden. Aber die Polizeistation hatte an die Angehörigen Schmerzensgelder zu zahlen, weil keine Polizisten bei der Kundgebung anwesend waren. Das FBI ließ es darauf ankommen, dass sich die links- und rechtsextremen Gruppen selbst ins Jenseits beförderten. Eugene Chadbourne versteht es aber, die von den Medien gemachten Ereignisse zu relativieren: »Wenn hundert Leute vom Klan irgendwo marschieren, sind sofort Journalisten aus aller Welt zugegen. Wenn eine Rockband vor hundert Leuten in irgendeinem Club auftritt, ist nichts darüber in den Medien zu finden.« Stationierte Armeen am Golf (Klan) versus Neujahrskonzert (Rockband) hießen demnach die großen, verwertbaren Brüder in der auch dann ungleichen Berichterstattung.

skug: Sind Sie ein Prophet? Ihre Platte »Country Music In The World Of Islam« (Fundamental) wurde noch vor dem US-Aufmarsch vor den Grenzen des Irak veröffentlicht.
Eugene Chadbourne: Da Sie denken, ich sei ein Prophet, kann ich auf einen Song über den Militäraufmarsch am Golf verweisen, der schon jahrelang heraußen war, bevor die GIs wirklich dort einfielen. Man kann irgendeinen Teil der Welt hernehmen und einen Song darüber schreiben und wenn man dann auch nur fünf Jahre zuwartet, kann es schon passieren, dass dann, wenn schon nicht die Vereinigten Staaten, ein anderer Staat eine Invasion lanciert. Es gibt einen Song, basierend auf einem alten Louis-Armstrong-Tune, »I Feel Like I’m Fixing to Die Rag« von Country Joe and the Fish (»And it’s one, two, three / What are we fighting for? / Don’t ask me, I don’t give a damn / Next stop is Vietnam«), bei dem ich alle sechs, sieben Monate die Lyrics ändern muss. Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren der Iran, dann Grenada, Panama und zuletzt eben der Irak dran waren.

Auch wenn Saddam Hussein ein noch schlimmerer Despot als Noriega ist, scheint mir der Aufmarsch nicht gerechtfertigt. Denn primär hat die erste Welt Angst um die Ölversorgung.
Eigentlich ist mir das egal. Die Soldaten werden in den Straßen amerikanischer Städte mehr gebraucht. Nachts kann man nicht mal auf die Straße gehen, weil’s zu gefährlich ist.

Hätten wir das ausdiskutiert, hätte Eugene Chadbourne seine Aussage sicher als Lapsus gesehen. Straßenkriminalität gibt’s doch nur, weil ein kapitalistisches System, das sich nicht um die recht-/obdach-/geldlosen Unterprivilegierten kümmert, diese selbst gebiert. Soldaten wären nur Symptombekämpfung, haben daher keine Existenzberechtigung. Der von Ober- und Mittelschichten definierte »Abschaum« würde noch weiter an den Rand gedrängt. Eine Regierung, die den Armen nicht hilft, flüchtet wie ein Süchtiger vor der Realität. Die Ursachen für Armut und verfahrene Lebenssituation/Depression können nicht durch noch mehr Überwachung bzw. noch mehr Drogen behoben werden. Eine Regierung, die steigende Kriminalität mit der Aufstockung von Sicherheitsorganen beantwortet, handelt in etwa so verbrecherisch wie ein Arzt, der einem chronisch Schlaflosen immer mehr Tabletten verabreicht. (Dieser Exkurs musste sein, in einer Gesellschaft, die sogar einem Eugene Chadbourne – und dem erst jetzt replizierenden Verfasser dieser Zeilen – zeitweilig den Blick auf die Ursachen des sonderbaren Zustands dieser Welt – und ihre Behandlungsmethoden – austreibt.)

© Manfred Rahs

Zensur
Eugene Chadbourne (fortfahrend, nun mit geschärftem Blick): Die Lage ist wirklich schlecht. Die Gesellschaft wird immer faschistischer. Die Mächtigen sehen sich als Hüter der Sittlichkeit.

skug: Ist’s unter Bush schlimmer geworden?
Eugene Chadbourne: Nein, es war immer schon so. Der Cousin von Jerry Lee Lewis ist ein fundamentalistischer Prediger. Und nun sagt Jimmy Swaggart: »Mein Cousin erfand den Rock’n’Roll. Damals war er noch okay, aber nun ist es Musik des Teufels.« Die Wahrheit ist aber, dass schon von devil’s music dahergeschwafelt wurde, als Jerry Lee begann. Die nach Moral Geifernden sehen nur Heavy Metal als Satansmusik, aber niemand nimmt Anstoß an Mozarts »Don Giovanni«, was meines Erachtens ebenfalls auf den Index gehörte. Shakespeares’ Theaterstücke etwa sind voll von Selbstmördern. Jeder wird von der Zensur berührt. Vorwiegend betrifft das junge Leute, aber auch schmutzige alte Männer. Ich hab’ immer schon gesagt, wenn man in einem Land keine Pornographie sehen kann, dann ist etwas falsch gelaufen. Ich meine nun nicht, dass Pornographie gut ist. Ich meine, wenn unsere Gesellschaft frei ist, dann muss auch Pornographie erlaubt sein. Niemand fürchtet sich vor schlüpfrigen Bildern. Ich würde eine freiere Gesellschaft vorziehen. Die Obrigkeit kämpft jedoch dagegen. Es ist tatsächlich pervers. Das Beste, was einem Künstler passieren kann, ist, von der Zensur in die Mangel genommen zu werden. Niemand kannte Robert Mapplethorpe, bevor einige Politiker aus dem Süden riefen: »Weg mit diesen schundigen Bildern!«

Dasselbe passierte mit der 2 Live Crew. Rap- und Rock-Platten werden am öftesten von Zensurmaßnahmen tangiert. Die Grauzone von Avandgarde-Musikern wird jedoch selten davon berührt. Wie steht es nun um Dr. Chadbourne selbst? Mit einem Schlag könnte er berühmt werden.

Eugene Chadbourne: Ich versuche, ins Gefängnis zu kommen. Das würde mir sehr gefallen. Ich mache schon seit Jahren sehr offensive Sachen und keiner hat je darauf geachtet. Mein neues Album hat einen wirklich abscheulichen, ekeligen Cartoon am Cover. Ich kann darüber gar nichts sagen, denn sie würden das im Fernsehen sowieso nicht bringen. (Anm.: Der ORF schnitt fast das ganze Interview für die Kunststücke von 19.10.1990 mit – bei fünf für Chadbourne reservierten Minuten!) Ich hoffe aber, dass ich Schwierigkeiten haben werde. Die österreichische CD-Fabrik weigerte sich, das Cover zu drucken. Im Cartoon geht es um eine Frau, die ein Baby haben und es weggeben will. Sie will es nicht für den Ehegatten oder für zuhause, sondern für den NS-Staat. Sie hofft, dass das sehr schmerzvoll sein wird. Sie kann sich dann rühmen, einen Handel mit dem NS-Regime eingegangen zu sein, das Kind dem Führer überlassen zu haben. Am Ende ruft sie: »Heil Hitler!« Diese Sequenz stammt aus dem stupiden US-Film »Hitler’s Children«. Man sollte vielleicht an die Lage in Amerika denken, wenn die Leute sagen: »Oh, es ist schlimm, du hattest eine Abtreibung.« Wenn man kein Kind haben will und keine Adoptiveltern findet, sollte man nicht an sich selber grübeln, sondern den Staat entscheiden lassen. Für mich sind beide Fälle gleich, daher finde ich es lustig, dass sie den Cartoon in Österreich zensurieren, nur wegen dem »Heil Hitler«-Ruf. Die französischen Produzenten hatten nichts dagegen.

Eugene Chadbourne © Manfred Rahs

Deutsche Einheit
Im weiteren Sinn haben wir Hitler die Trennung in zwei deutsche Staaten zu verdanken. Jetzt, nachdem die deutsche Einheit abgesegnet ist, ist es an der Zeit, einen profunden DDR-Kenner über das Phänomen Deutschland/Deutsche zu Wort kommen zu lassen. Doch vorher noch ein Auszug aus dem denkwürdig-brillanten Nachruf-Rap »Auf Wiedersehen DD«, den Eugene Chadbourne nur mit Tönen von einer Harmonika, gekauft in der damaligen DDR, verzierte. Arte povera, ganz groß: »They tried to turn the people into sheep / But you could buy a harmonica very cheap / Now the sheep are free / But the country is lost / They’ll put up a McDonalds in Dresden / Therefore it should be bombed again«.

skug: Warum beschäftigen Sie sich als US-Staatsbürger so intensiv mit europäischen, speziell deutschen Geschehnissen?
Eugene Chadbourne: Vor drei, vier Jahren begann ich in Deutschland zu touren. Ich habe dort beinahe so viele Gigs wie in den Vereinigten Staaten absolviert. Da ich nicht überall die gleichen Songs runterklopfen will, ist mein Programm sogar in den USA, je nach Landesteil, verschieden. Ich komme daher nicht nach Europa, um nur über amerikanische Politik zu sprechen. Die Leute interessiert doch viel mehr, was ich über die hiesige Situation zu sagen habe. Es kommt aber auch vor, dass politisch nichts Besonderes los ist. Dann spiele ich eben, wie zuletzt in Dänemark, nur C&W-Songs.

Bestärkte Sie Ihre deutsche Mutter, Deutschland zu »erforschen«?
Nein. Bevor ich das erste Mal nach Deutschland reiste, sagte meine Mutter, dass ich niemals wieder dorthin zurückkehren würde. Ich vermutete in jedem Deutschen einen Nazi, wurde aber bald eines Besseren belehrt. Dass wir Amerikaner dieses Vorurteil haben, ist eigentlich absurd. Sicher versuchten die Nazis, die Juden auszurotten, aber die weißen Amerikaner, die ja alle europäischer Abstammung sind, haben keinerlei Grund, sich über die Nazis zu beschweren, wo doch deren Ahnen die Indianer noch systematischer massakrierten.

Viele Ostdeutsche wollten sicher einen eigenständigeren Umbruch, nicht sofort den Anschluss.
Nun, ich habe über die neue Entwicklung keine Ahnung. Global lässt sich sagen, dass die Bewohner der ehemaligen DDR sicherlich das Ende der politischen Unterdrückung, des Eisernen Vorhangs, den Fall der Berliner Mauer wünschten. Aber einiges, was das System hervorbrachte, wollten sie beibehalten. Beispielsweise konnte mir in der DDR niemandem einen Obdachlosen zeigen. Ich wünschte, dasselbe in den USA tun zu können.

Die Leute, die letztlich die Revolution initiierten, wollten einen dritten Weg gehen, der die Vorteile von Kapitalismus und Kommunismus vereinigen sollte. Nicht jenen zur deutschen Einheit, in dem sämtliche DDR-Positiva verlorengingen.
Das ist eine Art Gehirnwäsche. In der Schule wurde mir erklärt, dass es im Ostblock überhaupt nichts zu kaufen gäbe. Die Ostmarks, die ich für meine DDR-Gigs bekam, musste ich allerdings gleich ausgeben. Ich konnte mir alle möglichen Sachen kaufen und die Einheimischen fragten: »Warum kaufst du dir deine Schuhe hier, sie sind doch Mist. Amerikanische Schuhe sind wunderbar dagegen.« Oder als ich Gitarrensaiten ostdeutscher Provenienz kaufte, wunderte sich einer: »Warum kaufst du diese Saiten, sie sind fürchterlich.« Die Saiten sind doch nur ein Stück Draht. Sie sind sehr gut. Ich spielte 18 Konzerte damit und keine riss. Nun glauben die Leute aus Ostdeutschland, dass alles, was dort erzeugt wurde/wird, schlecht sei. Sie wollen damit nichts mehr zu tun haben. Mir scheint das wiederum eine Art Gehirnwäsche zu sein, die vom Kapitalismus ausgeht.

Jene, die die Revolution durchführten, hatten gar keine Chance, eine Alternative zu begründen.
Ich glaube, dass die Radikaleren, die die Revolution machten, das Land verlassen und endlich das tun, wovon sie träumten: Herumreisen. Ich traf zufällig einige davon in New York und erzählte ihnen, dass wir in den USA kein Gesetz brauchen, das Reisefreiheit erlaubt. Money is your Visa. Wenn du arm bis, die falsche Hautfarbe hast oder gar aus einem Indianerreservat kommst, kannst du nirgendwo hin.

© Manfred Rahs

Nachwort
Nicht lockerlassendes Fantum ließ den Autor der damaligen Zeilen die Verbindung zu Eugene Chadbourne herstellen, per Eintrag in seine House-of-Chadula-Mailing-List. Hat man gesignt, poppt eine Wien-Fahne auf der Erdkugel auf. Rote Punkte zeigen an, wo überall auf unserem Weltenrund – auch aus Afrika! ­– Kontakte erfolgten. Nur wegen Covid-19 ist es still geworden um den bald 67-jährigen Free-Style-Saiten-Wizzard mit Homebase im liberalen Greensboro in North Carolina. Via E-Mail antwortet Doc Chad himself: »Alles ist gut hier, ich bin eine der seltenen Personen, die sich an der Pandemie erfreuen. Denn Corona hat mir die erste Pause vom Musikbusiness seit den 1970er-Jahren beschert. Natürlich nehme ich immer noch Alben auf, eine ganze Menge sogar und hab’ ein ziemlich umfangreiches Archiv. Haben Sie schon reingeschaut?« Wahre Perlen sind in https://eugenechadbourne-documentation.squarespace.com/ zu finden und zu erwerben, etwa Chadbournes Über-1000-Seiten-Wälzer »Dreamory« mit Auszügen aus seinem Tour- und Traumtagebuch samt Memoirenskizzen, beginnend in seiner Teenagerzeit. Daraus sei auch das 8-CD-Box-Set Braxton/Chadbourne (2017) unbedingt empfohlen, wenngleich ich mich bei den Wien-Gigs von Eugene Chadbourne bereits mit zahlreichen seiner Tonträger (Kassetten, Vinyl, CDs), die er nach den Konzerten in seinem magischen Koffer offerierte, eingedeckt habe.

Links:
https://eugenechadbourne.com
https://eugenechadbourne-documentation.squarespace.com/