The Boiler © Dimitris Zagoudis

Salon skug mit The Boiler und Mariah Doesn’t Carey

Der erste Salon skug in der Sommerluft des neuen Central Garden wird sicherlich regenarm und aufregungsreich. Gewiss ist dabei nur die hohe Qualität der Musikacts, darüber hinaus macht sich in der skug-Redaktion aufgrund der politischen Großwetterlage freudige Irritation breit.

Im Wiener Dauerregen wurde die kritische Öffentlichkeit von einem völlig unerwarteten Frühlingswind überrascht und beinahe weggefegt. In den letzten eineinhalb Jahren hat es vielen Menschen in die Herzen geregnet, weil sich eine Bundesregierung installierte, die aus Sozialabbau, Ausgrenzung und immer unverhohlener Nähe zum Rechtsradikalismus ein giftiges Gebräu mischte. Nur leider mussten wir uns Tag für Tag die Tränen der Wut aus den Augen wischen und erkennen, dass diese Regierung fest im Sattel saß. Keine ihrer unerhörten Transgressionen (ob 12-Stunden-Tag oder Versklavung von Asylsuchenden) schien genügend großen gesellschaftlichen Widerstand zu generieren. Und plötzlich sprengt sich die Partie selbst in die Luft, indem die FPÖ-Spitze auf Video ausplaudert, welches Regierungsverständnis sie hat. Kurzversion des Videos: Die Teletubbies spielen die Sopranos nach. Der Aufnahme wird wohl für Jahrzehnte der (hartumkämpfte) Titel »Österreichs schlechtester Film« nicht zu nehmen sein. Blöd nur, dass wir alle bei dieser Tragikomödie mitspielen müssen. Wieder zeigt sich in Felix Austria, dass die Selbstzerstörungskräfte der Rechtspopulisten das einzige zu sein scheinen, was diese aufhalten kann. Das hinterlässt bei aller Freude der Erlösung auch ein mulmiges Gefühl.

BAM: skug macht den Auftakt mit Mosaik-Blog
Außerdem ist leider ein gewisser Pessimismus beim Blick auf die mediale Aufarbeitung der Krise angebracht. Die Misere mit der türkis-blauen Regierung war immer auch ein Medienproblem. In Österreich sind Industrie, Verbände, Politik und vermutlich waschechte kriminelle Kreise ineinander verwachsen. Die »großen« Zeitungen begleiten dies nur verhalten kritisch, wohl weil sie nicht selten selbst Teil des großen Gemenges sind. Es war beispielsweise auffällig, wie wohlwollend die Erklärungen von Vizekanzler Strache und Kanzler Kurz zu dem Skandalvideo aufgenommen wurden. Die Statements hatten in beiden Fällen etwas Entrücktes, um nicht zu sagen Verrücktes. Beide hielten Wahlkampfreden in eigener Sache und kamen nur marginal auf die eigentlichen Vorfälle zu sprechen. Sebastian Kurz wollte dem Sachverhalt, dass er eineinhalb Jahre mit einem Personenkreis »harmonisch« koaliert hat, der sich krimineller Machenschaften brüstet, sogar einen positiven Spin geben. Jetzt könne er endlich, mit Hilfe der braven österreichischen Wähler*innen, seine (persönlichen?) Ziele verwirklichen. Es sei eh alles super gelaufen, man müsse ihn nur demnächst bitte wählen. Zum Mitschreiben: »It’s all about me, LMAA, euer Sebastian«. Die Abnorm wird zur neuen Norm. Medien haben mitgeholfen, dieses Verhalten eines Bundeskanzlers, dem nichts zu Staat und Rechtspflege im Lande einfällt, als »normal« erscheinen zu lassen. Jede Partei müsste einem Vorsitzenden nach so einem haargelgeschmierten Auftritt den Laufpass geben, denn dieser wilde Spin belegt eindeutig, dass keinerlei Wunsch nach Wandel vorhanden ist.

Eine kritische Öffentlichkeit bräuchte für die Aufarbeitung solcher Vorgänge eine differenzierte und unabhängige Medienberichterstattung. Die ist aber nur mehr in Teilen gegeben und wird systematisch ausgehungert. Deswegen hat skug vor einem knappen Jahr das Bündnis alternativer Medien mitgegründet. In unsere Salons laden wir nun regelmäßig Vertreter*innen anderer Medien ein, um mit ihnen die aktuelle Lage zu diskutieren. Denn bekanntlich gesellt sich zur guten Musik bei skug die aufmerksame Reflexion, weil wir uns die Kunst und das Leben nicht auseinanderdividieren lassen. Nur durch neue Formen des Ausdrucks kann der Weg zu einem besseren Leben gefunden werden. Und da herrscht immer auch Redebedarf. Diesen wollten wir mit den lieben Kolleg*innen des Mosaik-Blogs eigentlich stillen, indem wir über den »Green New Deal« reden, der von der gefeierten neuen US-Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez mitpromotet wird und der zunächst sehr sinnvoll erscheint. Man darf aber skeptisch sein, weil die Wertabspaltungskritik … Okay, interessiert das jetzt noch jemanden? Vermutlich reden wir einfach über die Neuwahl.

Der neue Central Garden © David Baum

Neues Dach für neue Klänge
Der Central Garden hat sich ein neues Dach aufgesetzt. Daran erfreut uns zunächst, dass es den Laden noch gibt und er mit der wuchtigen Holzkonstruktion klar signalisiert: »Wir bleiben!« Es sah lange nicht danach aus, zu sehr dräuten die Begehrlichkeiten von Investoren, die aus dem Wiener Donaukanal eine Kommerzmeile in bester Lage zu machen gedenken. Wir weinen dem sympathisch-abgefuckten Bauwagen natürlich ein Tränchen hinterher, freuen uns aber zugleich, dass jetzt mehr Platz vorhanden ist und die Stühle nicht mehr im morschen Holzboden versinken. Außerdem, Nostalgie ist was für Luschen.

Ach ja, die Musik … Darauf sollten wir noch kurz zu sprechen kommen, denn es gibt wieder einiges auf die Ohren: Kristina Pia Hofer alias Ana Threat hat sich in der Vergangenheit nicht nur als skug-Autorin verdingt, sondern uns auch als Musikerin bei einigen gewichtigen Milestones begleitet, zuletzt gemeinsam mit Fritz Ostermayer beim skug.at Relaunch-Fest im Jänner 2018 im Fluc und als Gast-DJ beim all-female* Salon skug mit Mala Herba im August 2018. Mit ihrem neuen Projekt The Boiler schafft sie das elektronisch-experimentelle Gegengewicht zu ihrem etablierten Lo-fi-Punk-Alter-Ego und verschmilzt Einflüsse von Synthpop bis Techno zu einem untergründig-guten Ganzen, das sich perfekt mit dem musikalischen Bildungsauftrag von skug deckt. Begleitet wird sie von Mariah Doesn’t Carey, die uns im Anschluss ein transzendentales DJ-Set zwischen »Synth Boogie, Fringe Techno, Deep Minimalism und Lucid Noise« angedeihen lässt, und wie immer der skug DJ-Line, diesmal mit Mio und Crème brûlée. Stattfinden wird das Spektakel am Sonntag, dem 26. Mai 2019 ab ca. 17:00 Uhr im schmucken neuen Central Garden, gleichsam als Ausklang des Donaukanaltreibens, man kann also sprichwörtlich auch schon früher antanzen. Das wird ein lauschig-schöner Sommerabend, bei dem es einiges zu hören und viel zu bequatschen geben wird. Wir freuen uns auf euch!