AU Fassade © AU Archive

Those were the days

Es schmerzt wie ein Nierenkatarrh, ist aber leider wahr: Das AU in Wien hat seine Pforten für immer geschlossen. Zwar gibt es ein neues Projekt, das rrr, an gleicher Stelle, dem wir alles Beste wünschen, wir wollen aber zunächst an das »alte« AU erinnern und auf das Crowdfunding für das AUzine hinweisen.

Wer durch die Stadt Wien wandert, stellt sich oft so Fragen. Wandelt man hier durch eine Aneinanderreihung von Vorgärten und schauen da überall die lieben Zwergerln aus den Fenstern und winken mit ihren Quench-Tütchen oder ist das eigentlich eine ziemlich heiße Stadt? Tragen die Gartenzwerge vielleicht sogar Lederstrapse, die von der Fensterbrüstung verborgen sind? Oder ist das einfach doch nur ein ziemlich lahmer Haufen hier, wo brav robotet wird, um Haus und Auto abzuzahlen? Unmöglich zu klären, auch jahrelange Stichproben ergeben kein einheitliches Bild. Wer aber das Glück hat, nur einmal lang genug zu wandern, die oder der gerät dann zuweilen in etwas hinein. Solche Orte, die, zunächst verborgen gelegen, sich dann vor Augen und Ohren öffnen wie eine Kaktusblüte. So ein Ort war das AU.

AU Galerie © AU Archive

Die Szene dankt
Die Stadt konnte sich glücklich schätzen. Wer sich durch den enorm engen Eingang ins AU zwängte, bekam im Inneren des schwarzen Schuhkartons von Konzerthalle fast immer was geboten. Die skug-Redaktion könnte Anekdoten reißen, aber wer macht so etwas heute noch? Nur zwei, um Gefühl und Lage zu charakterisieren. Zu früh in den Raum gelangt, lag ein Typ ausgestreckt auf der Bühne (das heißt von einem bis zum anderen Ende – denn groß war das Ding nicht) und ließ sich noch den Allerwertesten tätowieren. Vorbereitung ist alles im Musikbusiness und man spürte sogleich, hier war man richtig, und man hätte liebend gern der alten Geographielehrerin davon erzählt, aber die hat leider immer zu viel im Garten zu tun. Ein anderes Mal kam der ungeheuer nette Tontechniker am späten Abend auf den Act zu und meinte: »I loved every number you played tonight. I wish there had been any audience for you.« und tatsächlich waren die beiden allein im Raum. Ähhh ja, der wirtschaftliche Erfolg quoll jetzt nicht gerade aus allen Ecken des AU hervor. War echt nicht unbedingt das Hauptmerkmal. Das AU war einfach ein bisschen zu groß für diese Stadt. So viele abgefahrene Leute gibt es dann auch wieder nicht zwischen Pötzleinsdorf und Lobau.

AU Clubraum © AU Archive

AU Tribut zollen
Folglich fügte das Team rund um AU-Besitzer Michael Podgorac dem Begriff »Selbstausbeutung« ganz neue Farben hinzu, aber sie schufen damit etwas, das ungeheuer in der Tiefe wirkte. Verbürgte dritte und garantiert letzte Anekdote: Bekannte wurden vom Flughafen abgeholt, erstes Mal in Wien, Herkunft: Tokio. Was soll man mit dem angefangenen Abend noch machen? Ab ins AU, alles andere wirkt ja doch provinziell und peinlich. So nah, wie man in Wien ans CBGB eben kommen konnte in the 2010s. Was davon jetzt noch in Erinnerung wabert und längst überformt und verfälscht wird, muss dringend eingefangen werden. Und zwar mit einem Katalog, der einen der schönsten Clubs von Wien porträtiert und unvergesslich macht und ein bisschen darüber reflektiert, was das so ist, die Wiener Szene. Ein paar Devotionalien sollen eingesammelt werden, von den über 2.000 Konzerten in sieben Jahren (ja stimmt, das kommt an eines täglich fast ran), den über 300 Lesungen und den fast 200 Ausstellungen im Vorraum. Das Team hat noch Berge von Materialien und würde die gerne zu einem Dokument des Wiener Nachtlebens, des Undergrounds, der alternativen Ausdrucksweisen formen. Ein Dokument, das zeigt, wie weit, wie offen, wie cool und divers diese City sein kann. skug zumindest ist mächtig happy, dort zahlreiche Salons abgehalten zu haben, und wir haben im AU vieles gelernt, nur nicht dichten und deshalb sagen wir jetzt: »Lasst uns an einem Tau zieh’n, fürs AUzine!« Noch bis 20. Dezember 2019 läuft die Sammelaktion im Netz. Bitte mitmachen! Ist wichtiger als Weihnachten, das ist jedes Jahr.

Link: https://www.startnext.com/auzine/