© Kathi Arnecke

30 Jahre skug Geburtstagsfest mit Felix Kubin und Mitra Mitra

Bei diesem Fest krümmt sich der Raum. Wir feiern 30 Sternenjahre skug und springen durch sämtliche Wurmlöcher, dank Felix Kubins und Mitra Mitras elektronischer Musik aus unerforschten Sphären. Dazu ein Rückausblick auf skug’schen Journalismus. Am 18. Jänner 2020 ab 20:00 Uhr im Wiener Fluc.

Auf der Erde herrscht im Jahr 2020 leider trübe Gewissheit: Dank Klimawandel hat ein grün-brauner Winter Einzug gehalten, zu dem passend Österreich jetzt eine Koalitionsregierung in den gleichen Farben hat. Keine gute Ausgangslage für kritischen Journalismus, der gerne das neue, schöne, spacige und – mit Verlaub – eben bessere Leben in den Blick nehmen will. Denn genau das lässt sich in Pop und Kunst bekanntlich darstellen. Viele Farben, viele Klänge, gerne Dissonanzen und mutige Verschiebungen. Wann hat das in den letzten Jahren eigentlich aufgehört, allgemein anerkannt zu sein? Warum wollen uns heute selbst die nominell linken Kräfte auf die muffige Heimat einschwören, wo wir doch seit Langem beschlossen haben, Mutter Erde nur mehr an Feiertagen einen Besuch abzustatten? Also bitte, an skug soll es nicht gelegen sein, dass plötzlich fast alle Lust haben, in die vollkommen falsche Richtig zu fahren.

Drei Jahrzehnte wilder Wandel
Lässt man die letzten 30 Jahre Revue passieren, dann könnte man sich fragen: »Und, ist das jetzt alles besser oder schlechter geworden?« skug kann dies letztlich nur mit einem entschiedenen »sowohl als auch« beantworten. Zum Beispiel in Bezug auf das skug’sche Leib- und Magenthema, die Musik, beziehungsweise unsere liebe Musikindustrie. Dazu ein kurzer Erlebnisbericht eines älteren skug-Mitarbeiters, der jüngere Leser*innen mit Staunen und Grausen erfüllen wird. Wie war das eigentlich damals, 1990, als es kein Internet gab? Es trug sich zu, man saß im Kino und sah einen Science-Fiction-Film. (Kommt heut auch noch vor.) In dem Film kam eine wunderschöne, space-soundige Elektro-Synthi-Musik vor, die offenbar die Paraphrasierung einer Opern-Arie war, und sogleich bildete sich im Herzen des Hörers der intensive Wunsch, diese Musik erneut zu hören. Was tun, im Jahr 1990 auf dem Planeten Erde? Recherchemöglichkeiten? Gering. Man musste sich den Wunsch merken und war eigentlich auf den Zufall angewiesen. Wochen später, im Plattenladen des Vertrauens, durch Gespräch mit dem Händler dann herausgefunden, dass es einen auf CD veröffentlichten Soundtrack des Filmes gibt, diesen bestellt und teuer bezahlt. CDs waren damals etwa sechsmal so teuer, wie sie es kurz vor dem absoluten Ende ihrer Produktionseinstellung waren (das wird ungefähr morgen Vormittag sein). Dann daheim begeistert die CD angehört und dabei feststellen müssen, dass die Nummer nicht drauf ist, sondern nur die historische Vorlage Donizettis. Die CD mit ihrer übel-schrottigen Musik nach einmaligem Hören in den Schrank gestellt, wo sie blieb, bis irgendein Besoffener sie auf einer Party geklaut hat, weil ihm das Cover gefiel, oder sie bei einem Umzug verlorenging. Die Tonträgerindustrie konnte sich auf diesem (leicht betrügerischen) Wege bedeutende Teile der Teenager*innenvermögen sichern.

Unglaublich, aber wahr, für Musik musste man damals noch zahlen. Gratis war nur die Musik-Lotterie im Radio, bei der man fast immer verlor und zu 95 % Musik hören musste, die man gar nicht hören wollte. Außerdem mussten die Witze der Radio-DJs durchgestanden werden. Konsequent war hier das deutsche Fernsehen. Es ließ die Charts von einem Schimpansen präsentieren (Sad but true, look it up: »Ronny’s Pop-Show«). Diese Sendung wurde übrigens kurz vor dem Start von skug eingestellt, ein genetischer Zusammenhang kann allerdings nur vermutet werden. Die musikalische Pop-Früherziehung lag Ende der 1980er somit in den Händen eines gequälten Affen. Keine Frage, es war wirklich an der Zeit für skug. Die skug-Redaktion verstand, damals wie heute, Pop als eine Denkaufgabe. Eine wichtige, denn Wissenschaft, Politik und Kunst finden meist im geistigen und teilweise auch tatsächlichen Separee statt. Es erfordert Spezialwissen und privilegierten Zugang, um hier mitreden zu können, und somit kann sich über viele Fragen gar nicht allgemein verständigt werden. Pop mag zunächst nach läppischer Debatte klingen, nur die Beatles oder Taylor Swift kennt jede*r. Dem Namen nach zumindest und manche ihrer Klänge wabern im allgemeinen Vor- und Unbewusstsein.

 Wie geht’s uns heute denn?
Die populäre Kunst formuliert Gelüste, sie prägt Sehnsüchte, sie führt in Sackgassen und sie lässt mögliche Auswege erahnen. Tatsächlich spiegelt sie ein wenig wider, was mit uns passiert und was wir von der Zukunft zu erwarten wagen. Oder wie wir die Gegenwart finden. Die ist bekanntlich prima, alles so schön bunt und gratis. Anders als vor 30 Jahren ist heute jedes Tune nur einen Klick weit entfernt und jede*r trägt die Musik dieser Welt auf dem Handy in der Hosentasche. Manche Musikbegeisterte hätten vor 30 Jahren für diese Maschinchen einen Mord begangen. Und hier kommt gleich die Downside. Die Streaming-Dienste bezahlen den Künstler*innen bestenfalls einen Schlapf und teilweise nix. Tonträgerverkäufe finden de facto nicht mehr statt. Die großen Acts halten sich schadlos durch Konzerte im Preissegment »Märchen aus 1001 Nacht« und die kleinen Acts arbeiten den Tag über als Fahrradkurier*innen. (Ist eh ein cooler Job, nur auch hier gilt: Bitte bessere Bezahlung und fairere Arbeitsbedingungen!) Von den Musikjournalist*innen wollen wir einmal schweigen. Hier gilt die neue Business-Regel: Wer noch das Bedürfnis hat, zu recherchieren, zu erforschen und Zusammenhänge aufzudecken, die oder der mache dies bitte in der Freizeit. Musik- und Kunstjournalismus ist zu einem Hobby geworden, das der Querfinanzierung bedarf.

Dadurch geht viel kritisches Potenzial für eine Gesellschaft verloren, die den Machenschaften kulturindustrieller Beeinflussung immer mehr ausgesetzt wird. Gleichzeitig stimmt dies auch irgendwie nicht, denn alle können sich und ihre kritischen und fundierten Meinungen über Blogs oder Soziale Medien in einer Weise verbreiten, die vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre. Einen Leserbrief an die Lokalzeitung zu schreiben, der eh nicht gedruckt wird, war damals die einzige Chance für »Massenresonanz«. Man konnte damals aber auch noch abtauchen in den wilden Publikationsuntergrund. Zusammenkopierte Zettel, die an Unis verteilt wurden oder in Kneipen auflagen. Unfassbar, aber wahr, das wurde damals – mangels Alternativen – tatsächlich gelesen. Ohne eine solche Publikationslandschaft wäre skug wohl nie entstanden. Ob das heutige, zunächst begrüßenswerte, massige Leseangebot und die unzähligen frei verfügbaren Songs und Filme nicht selbst wiederum das Wahrnehmen einschränken, wäre eine andere Frage. Und auch, ob es poptheoretische Erörterungen schwer haben werden, bei einer neu heranwachsenden Generation von Nicht-Leser*innen, die noch nie ein YouTube-Video bis zum Ende angeschaut haben, könnte man sich einmal fragen. Nur, dafür hat skug noch ein ganzes Jubiläumsjahr Zeit und die definitiven, letztgültigen und unumstößlichen Antworten werden spätestens im Dezember 2020 (schriftlich!) vorliegen.

Unser Jubiläumsjahr beginnt mit einer Spitzenparty
Bis dahin kramen wir regelmäßig in unserem Archiv aus tausenden, teils noch im Netz unveröffentlichten Artikeln. Wir gehen gemeinsam mit alten und neuen Autor*innen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf den Grund. Wir sinnieren lustvoll, weshalb Künstler*innen, Ideen oder Werke in den Himmel hochgejubelt wurden und andere im Untergrund versanken – obwohl letztere doch viel bewegender sind (und dem Team skug meistens besser gefallen). Und bei all dem kritischen Reflektieren drehen wir auch die Musik ordentlich laut auf. Am 18. Jänner 2020 beginnt der Festivalreigen beim skug Geburtstagsfest im Fluc mit Felix Kubin. Muss man den Mann groß vorstellen? Nein. Was es an verletzten Utopien gab, was in wackeligen Maschinenklängen Vorschein nie erreichter antiker Zukunft war, nimmt er und bastelt daraus Raumschiffe aus Klang, die zu Weltraumflügen einladen. Nie war zeitlicher Orientierungsverlust schöner und erhellender. Einen besseren Soundtrack hätten wir uns für unsere 30-Jahre-Party nicht wünschen können. Aber schickt man einen Menschen ganz allein in die Raumkapsel? So wie den armen Kommandanten Gagarin? Sind wir da heute nicht weiter? Keine Frage, die Mannschaft musste erweitert werden, und zwar mit Mitra Mitra alias Violet Candide und Makh Rumbae. Die beiden liefern zusätzlichen Schub zum Sternenflug mittels Minimal-Wave-Sounds, die unerwartet vielschichtig durch den Hypothalamus wehen. Mit dieser Crew, wie immer flankiert durch unsere DJ-Line, startet das 30-Jahre-skug-Raumschiff zum Sternenflug, schaut von oben auf die Erde hinab und denkt sich: »Ihr Kleinmütigen, ihr Heimatzurückgebliebenen, öffnet wieder eure Herzen und Hirne für Zukunft und Freiheit!« Die Musik dafür wäre zumindest schon da.

Link: https://skug.at/e/30-jahre-skug-geburtstagsfest-felix-kubin-und-mitra-mitra-live/