Sidsel Endresen

»Didymoi Dreams«

Rune Grammofon

Der norwegische Gitarrist Westerhus hat erst kürzlich mit »The Matriarch And The Wrong Kind of Flowers« ein kleines Solomeisterwerk voller phantastischer, schroffer und vor allem unerwarteter Soundskulpturen abgeliefert. Die seit 1981 tätige Sängerin Sidsel Endresen wiederum, in ihrem Timbre ein wenig an die Mutter des skandinavischen Jazzgesangs, Karin Krog, erinnernd, wurde bereits zweimal mit dem norwegischen Grammy nominiert. Diese beiden Schwergewichte fanden 2011 anlässlich des Nattjazz Festivals im norwegischen Bergen zu einer au&szligergewöhnlichen Liveperformance zusammen. Westerhus‘ Gitarre skizziert immer wieder ruppige, abgehackte Soundcluster, gefolgt von sphärischen Klängen, während Endresens Gesang zwischen soul-folkigen Phrasierungen, mechanischem Geschnatter und gravitätischem Sprechgesang changiert. Keine dieser Beschreibungen trifft es allerdings wirklich, was man auf »Didymoi Dreams« zu hören bekommt, ist in einem positiven Sinne »unerhört«, weil so sehr Ausdruck zweier Personalstile, die sich in ihrem sphärisch-zurückhaltenden Zusammenspiel eher noch entfesseln als gegenseitig limitieren. Trotzdem ist da auch eine zwingende Grundstimmung, eine tiefseeblaue (skandinavische?) Kälte, die diese radikal subjektiven Soundwelten vermutlich noch ein wenig harscher machen. Sehr arg, sehr au&szligergewöhnlich.