Hermann L. Gremliza © YouTube

Der letzte Linke

Dass Journalismus unerbittliche Aufklärung sein soll und niemals Arrangement mit bestehenden Verhältnissen, ist so ein Gedanke, bei dem Zeitungsleser*innen schnell das große Kichern kommen kann. Hermann L. Gremliza aber stand genau dafür. Jetzt ist er im Alter von 79 Jahren von uns gegangen.

Es ist ein wenig viel verlangt von einem Autor, »staatstragend« zu schreiben, wenn er ebendiesen Staat, für den er die Dinge intellektuell in Ordnung halten soll (d. h. stets beschwichtigt), für weitgehend verdorben und gefährlich hält. Der 1940 in Köln geborene und in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Autor Hermann Ludwig Gremliza konnte und wollte Deutschland Zeit seines Lebens nicht über den Weg trauen. Den Nationalsozialismus nahm er in einer Weise ernst, die fragwürdig erscheinen lässt, weshalb es nahezu allen anderen Autor*innen so vorzüglich gelang, sich mit dem deutschen Industrie- und Mordapparat zu versöhnen. In seinem Haupt- und Lebenswerk, der Herausgeberschaft der Zeitschrift »konkret«, gelang es Gremliza, eine Gegenöffentlichkeit zu erhalten und einen kritischen Blick auf die Verhältnisse zu werfen, der das Attribut »kritisch« wahrhaft verdient.

Was ist nur mit den Zeitungen los?
Wer heute eine Tageszeitung oder ein Wochenjournal aufschlägt, muss meist annehmen, das Fenster in ein Irrenhaus aufgestoßen zu haben. Dies gilt namentlich auch für den »Qualitätsjournalismus«. Seitenweise finden sich dort beispielsweise Wirtschaftsberichte ohne jeden sachlichen Inhalt. Sie sind bloße Propaganda, die dem Publikum vermitteln soll, wie wichtig die Wirtschaft sei und dass man doch bitteschön der »eigenen« (denn genau hier entsteht die Nation) zu Hause auf dem Sofa sitzend die Daumen zu drücken habe. Warum überhaupt Börsennachrichten, wenn ohnehin nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung Aktien besitzt? Und die wenigen Anleger*innen werden ihre Arbeit wohl schlecht machen, wenn sie sich auf Informationen beziehen, die bereits den Weg in die Zeitung gefunden haben. Warum einen Hotelier nach den Wirtschaftsaussichten des nächsten Jahres befragen? Das einzig Relevante wäre, wenn er eingestehen würde, er habe vor, die Zimmerpreise anzuheben und weitere Menschen zu entlassen, um »ertragreicher« zu wirtschaften, aber genau das wird er nicht tun. Das industrielle Regime müllt somit die Zeitungsspalten mit propagandistischem Unsinn voll, der kaum weniger perfide und verlogen ist als es SED-Aussendungen waren. Die Zeitungsmacher*innen aber wissen, dass sie dieses Spiel mitspielen müssen, denn es liefert (oder besser lieferte) ihnen die eigene Geschäftsgrundlage: Anzeigen/Advertorials/Werbepartnerschaften.

Ein Blick in die »konkret« hat ausgereicht, um zu erkennen, welcher publizistische Firlefanz auf die Bevölkerung losgelassen wird, denn dieses Monatsheft war und ist nicht so. Hier reihte sich Analyse an Analyse und okay, die ein oder andere Polemik ist auch mit dabei. Dem Herausgeber Grimliza gelang es über viereinhalb Jahrzehnte, ein »Gegenblatt« drucken zu lassen, das einmal nicht die wohlbekannte Leier leierte. Neben dem anerkanntermaßen starken Team von Autor*innen, das Gremliza in der »konkret« zusammentrommelte, war es auch sein eigenes Schreiben, das in verschiedenen Kolumnen die Zeitschrift zu einem Augenöffner machte. In kleiner oder großer Dosis nahm Gremliza auseinander, was sich die anderen zusammengereimt hatten und abheften wollten. Ein beliebig ausgewähltes Beispiel ist sein Kommentar zu den Vorgängen um die berüchtigte Kölner Silvesternacht, die heute als eine Art Wendepunkt im Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland erscheinen muss. Der in der Dommetropole geborene Gremliza listete kundig den ganzen gewaltsamen und frauenverachteten Wahn der kölschen Bierseligkeit auf und wagte zu fragen, welches Vorbild der rheinische Übermann denn den Neubürger*innen im »Fastelovend« zu bieten gedenke. Und ob man davon ausgehend a) nicht einmal seine höhere Kultur kritisch beäugen sollte und b) sich fragen sollte, wie weit xenophobe Gelüste in den miesen Gewaltakten der Silvesternacht endlich den lang gesuchten Kondensationspunkt gefunden haben.

Gremliza zergliederte die Phänomene treffend und klar. Er war politisch scharf und schriftstellerisch fast ausnahmslos überzeugend. Kein Wunder, dass der Ausdauersportler und Mann mit ungeheuren Nehmerqualitäten Günther Wallraff sich von Gremliza die Enthüllungsbücher schrieben ließ. Seine Fähigkeiten, sein Talent und seine Außenstellung ließen ihn manchmal in einen Traum von Größe tapsen. Wenn er etwa sinnierte, dass die »Weltbühne« heute als Sprachrohr der Weimarer Zeit gilt, sie aber nie eine sonderlich große Auflage hatte. Tatsächlich hätte sich die ebenso auflagenschwache »konkret« verdient, ein Referenzmedium west- und gesamtdeutscher Geschichte zu sein (und Gremliza lieferte archivarische Vorarbeit, indem er die Ausgaben auf Daten-DVDs festhalten ließ). Aber es ist äußerst fraglich, ob eine zukünftige historische Aufarbeitung so sorgsam in den unmenschlich hoch aufgetürmten digitalen Faktengebirgen suchen wird, um dort die beiden silbernen Scheiben mit den gesammelten »konkret«-Ausgaben zu entdecken.

Lebensentscheidungen
Aufgrund von Wissen und Fähigkeit hätte es Gremliza zum Erkläronkel bringen können, der sich das Gesäß in Talkshows breitsitzt. Dies wusste er aber zu verhindern, denn für diese Klientel hatte Grenliza nur wohlbegründete Missachtung im Gepäck. Nach Bekanntwerden des Todes des ehemaligen Hamburger Senators, Ex-Bundeskanzlers und Fernseh-Säulenheiligen Helmut Schmidt bat Gremliza um eine Gedenkminute, und zwar um jener Leningrader Opfer zu gedenken, die der Kanonade des Oberleutnants und Trägers des Eisernen Kreuzes Helmut Schmidt zum Opfer gefallen waren. Solche Konventionsverletzungen machen einen Autor unmöglich. Denn an die in der eingekesselten Stadt in Stücke gesprengten sowjetischen Frauen und Kinder wurde der Wehrmachtsbefehlshaber Schmidt in der deutschen Presse nie erinnert, man begnügte sich hier mit Schmidts eigener Aussage, der Krieg sei eben ein »Scheißdreck« gewesen.

Gremliza hatte seine Bücher vom Suhrkamp-Verlag zurückgekauft, nachdem dieser mit der Zeit ging und einen schwer aushaltbar schwülstigen Autor mit Neonazi-Sprüchen ins Programm nahm. Jener Uwe Tellkamp ist ein gutes Beispiel für den deutschen schreibenden Untertan, der gerne schwafelt, was die Buchindustrie verlangt. Zunächst lieferte er unglaubliche literarische Aufdeckungen über Ungerechtigkeit in der DDR, die auch Schmitzchen Schlau so hätte runterbeten können, um sich dann zum wahren Patrioten zu mausern, der auf der Suche nach dem nächsten Hit großes Verständnis für die rechten Kulturverlustler entwickelt. Sich über eine intellektuelle Null wie Tellkamp aufzuregen ist das eine, den Verlag Suhrkamp zu verlassen, der doch noch ein Minimum an Erfolg bieten kann, ist das andere. Dem vorbildlichen Austritt Gremlizas folgte niemand (Sollte skug sich hier irren: Bitte melden! Wir korrigieren uns mit Freuden!), denn so ernst nimmt man die neurechte Welle in der deutschen Intelligenz dann auch wieder nicht, dass man sich Karrierechancen zuschaufeln würde.

Die vermutlich beste Form im Umgang mit der Sozialdemokratie hatte Gremliza lange Zeit gefunden: SPD-Mitglied sein, sie aber nie wählen. 1989 hat es ihm dann aber gereicht, als die sozialdemokratischen Abgeordneten die Bundeshymne brünstig im Bundestag sangen. Die Einheit wurde nationale Anstrengung und der SPD wurden, noch bevor sie es recht begriff, die »roten Socken« aus dem Nachtkasterl gestohlen. Statt nach linken Mehrheiten zu suchen verbeugte man sich bis in den Staub vor dem Vaterland. Gremliza trat aus jener SPD aus, die wieder mal nicht kapierte, auf welches Spiel sie sich da einließ. Viele Jahre später unterstützte die SPD lieber Merkel, als eine rot-rot-grüne Koalition einzugehen. Was soll man zu solchen Genossen sagen? Gremliza aber rieb ihnen geflissentlich ihre Verlogenheit und völkische Ader unter die Nase. Jetzt ging er der »alten Tante« ins Grab voraus, es mag sein, dass sie ihm bald folgen wird.

Prägend für die Linke
Die Nachrufe für Grimliza kamen schnell und zahlreich. Und das nicht nur vonseiten linker Medien. Egal ob »Spiegel«, »Zeit« oder »Welt«, auch bürgerlich-liberale Blätter widmeten jenem, der ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Hieb versetzt hatte, anerkennende Worte. Zwar war ihnen Gremlizas Gegnerschaft stets gewiss, dennoch hatte man in den meisten Redaktionen etwas übrig für das »Sprachrohr der linken Linken«, welches einen mit »unbeirrbarer linker Belehrsamkeit zu ärgern suchte« (Torsten Krauel in der »Welt«). Respekt genoss er vor allem dort, wo seine stilistische Finesse und die Stringenz seiner Argumente als mustergültig erkannt wurden. Diese Fertigkeiten sicherten ihm den Status – man lebt ja schließlich die Meinungsfreiheit – eines anerkannten Beiträgers in der pluralistischen Medienöffentlichkeit.

Bei der Lektüre dieser Nachrufe kommt der Gedanke auf, dass Gremliza für manche als eine Art verlorener Sohn gelten könnte. Sein Werdegang legt dies nahe: Aus wohlsituiertem Hause kommend wurde Gremliza nach dem Studium von Rudolf Augstein sogleich mit weit offenen Armen beim »Spiegel« in Empfang genommen und von eben diesem Augstein – der im aufrührerischen, scharfsinnigen Gremliza auch ein wenig von sich selbst erkennen wollte – zum möglichen Chefredakteur in spe deklariert. Die seit seinem Ableben oft erzählte Geschichte, wie Gremliza den »Spiegel«-Chefs die Machtfrage stellte, einen Streik organisierte und dafür das Haus zu verlassen hatte, verschob jedoch die Weichen für sein weiteres Wirken.

Mit der Abfindung vom »Spiegel« finanzierte er die Übernahme der »konkret«, der Neuaufbau des Magazins bei gleichzeitiger Verknüpfung mit Gremlizas Namen wurde fortan sein Lebenswerk. Dieser Weg von Gremliza und dessen Karriere können wiederum bestimmend für die Entwicklung der deutschen Linken gesehen werden. Ein Gedankenspiel: Wie sähe diese Linke heute aus, wären ihr von Gremliza, seinen Mitstreiter*innen und den in der »konkret« gebündelten Debatten nicht Fragen über den zweifelhaften Charakter der Öko- und Friedensbewegung, über die Gefahr eines wiedervereinigten und somit wiedererstarkenden Deutschlands aufgedrängt worden? Wie sähe sie aus, ohne die Kontroversen um die Kriege in Irak oder Jugoslawien? Es soll und kann hier nicht erörtert werden, ob Gremliza mit seinen Argumenten stets richtig lag. Zu konstatieren ist jedoch, dass sie einflussreich waren – und wesentlich zur linken Segmentierung beigetragen haben. Manche mögen die Förderung der linken Spalteritis bedauern. Andere würden sich vielleicht gar nicht mehr zur Linken zählen, wenn Gremliza und Co. keine Diskursverschiebung verursacht hätten und somit neue Fraktionen und Ansätze linker Politik entstanden wären.

Natürlich kann man Gremliza und seiner »konkret« dies nicht allein zuschreiben. Aber es zeigt sich daran exemplarisch nicht nur Gremlizas Verständnis eines politischen Publizisten, sondern auch die Rolle, die Printmedien und deren Redaktionen einst spielten. Von großem Gewicht ist »konkret« schon länger nicht mehr; gleichzeitig kann man nicht behaupten, dass ein anderes Printmedium sie hätte ersetzen können. Diskurse und Debatten werden im digitalen Zeitalter anders evoziert und geführt, nicht in Form von sich über mehrere Hefte erstreckenden Gefechten oder sagenumwobenen »konkret«-Kongressen (siehe Video). Als Herausgeber von »konkret« verweigerte Gremliza, das Heft den Standards der digitalen Transformation und entsprechenden Geschäftsmodellen anzupassen. Und seien wir uns ehrlich, der Gedanke an einen Teaser vom neuesten »Gremlizas Express« auf Instagram ist ein durch und durch grotesker und grausamer Gedanke. Bis zuletzt rahmten Gremlizas Beiträge die »konkret« und waren für nicht wenige überhaupt der Grund, sie zu lesen. Der Frage, wie es künftig um »konkret« bestellt sein wird, wird man sich eines nicht allzu fernen Tages widmen müssen.

Link: https://www.konkret-magazin.de/