Björk

»Biophilia«

Polydor

Im Alter von 14 Jahren sa&szlig eine junge Dame namens Björk Guðmundsdóttir vor dem mythischem Baum Hlynur (irgendwo nördlich von Reykjavik) und schwor sich selbst (und vor Odin), dass sie in ihrem Leben keinen Tonträger veröffentlichen würde, der nicht einen kreativen Fortschritt gegenüber dem vorigen darstelle. Daraufhin wollte erst mal jahrelang niemand etwas mit dieser überehrgeizigen Göre zu tun haben. Aber schlie&szliglich klappte es doch. Mithilfe der isländische Poppunkband Sugarcubes betrat Björk das Parkett der internationalen Hitparaden und seit ihrem Solo-Debüt namens ?? ja, eben »Debut« ist ihr die Erfüllung dieses kindischen Vorsatzes tatsächlich gelungen. Schon ab dem zweiten Tonträger »Post« (wieder eine Bezeichnung, die so klingt, als wäre sie entweder grö&szligenwahnsinnig oder eine überambitionierte Werbeagentur habe sie verbrochen) engagierte Björk die angesagtesten KünstlerInnen ihrer Zeit, um alles grö&szliger, schöner und besser zu machen. Sie drehte ein paar definitive Musikvideos mit den begabtesten Videoregisseuren, dokumentierte auf vier Live-CDs, dass sie sich tatsächlich für jede Tour eine eigene musikalische Interpretation einfallen hat lassen, brachte nebenbei Lars von Trier fast in die Nervenheilanstalt (was sowohl sie wie auch den nicht minder grö&szligenwahnsinnigen Dänen nicht davon abhielt, jeweils exzellente Arbeit abzuliefern), und verlie&szlig schlie&szliglich mit dem Soundtrackalbum »Drawing Restraint 9« spielerisch die Welt des Pop. (Trotzdem ist die erste Nummer des Albums, auf der Will »Bonnie Prince Billy« Oldham wie Björk singt, einfach zum hinknien). Ungefähr zu diesem Zeitpunkt antwortete sie auf die Frage, ob sie irgendwelche Vorbilder habe, dass sie ja wohl nicht mehr zu irgendwelchen Vorbildern aufblicken müsse. Eher sei es so, dass wir alle da unten zu ihr aufblicken müssten. Kein Wunder, dass die Weltverschwörung der Musikrezensenten (97% Männer) allmählich anfing, an Björk herumzunörgeln. »Höchstkultur« warf ihr die Süddeutsche Zeitung gar entgegen. ?berambitioniert, verschroben, künstlich, egozentrisch ?? tjaha, als wäre »wahre Kunst« je anders als grö&szligenwahnsinnig und egozentrisch gewesen. Wie ist das nun aber mit der aktuellen CD »Biophilia«? Ganz ehrlich? Die CD kann man gleich wieder vergessen. Nicht unbedingt, weil sie schlecht wäre. Wie auf den letzten drei CDs hören wir pure Björkmusik (und da darf man hinzufügen: da hat sie ihren Zenit erreicht, da kommt sie seit zehn Jahren nicht weiter – trotz genialer Einfälle wie etwa das Orgelstück »hollow«). Doch die CD ist es nicht. Zu »Biophilia« gibt es auch ein iPod-App, auf der man nicht blo&szlig die Stück abspielen, sondern sich auch auf verschiedenste Weise mit ihnen spielen, sich die eigenen Remixe auch aufnehmen kann oder ganz einfach nur individuelle Videos für jeden Song anschauen kann. Auch daran darf man herumnörgeln und sagen, dass der spielerische Aspekt dieser Apps halbherzig ist, denn mehr als ein bisschen Casual-Gaming für Hochkulturbegeisterte ist das nicht. Aber man kann das auch stehen lassen und anerkennen, dass Björk hier als so ziemlich erste Künstlerin ihren musikalischen Output den modernen (partizipationssüchtigen) Rezeptionsbedürfnissen preisgibt. Dass man dafür einen halben Konzern im Rücken braucht ist klar, ebenso, dass das wenig mit der Kernkompetenz (bzw. Kernwahrnehmungsform) von Musik zu tun hat. Was aber die Versuche der Musikbranche betrifft, sich selbst durch innovative Vertriebs- und Partizipationsformen zu retten (abseits vom 723sten Luxus-Reissue), tja, demgegenüber steht »Biophilia« als ziemlich einsame Pionierleistung da. Da kann man sich noch so sehr die Finger wundjubeln über Radioheads mutigen Downloadclou oder über diverse Exklusivtracks auf iTunes ?? die eigene Musik zugleich als interaktives Kinderspiel und multimediales Komplettpackage abzuliefern, das hat noch keine Band und kein Interpret bislang hingekriegt. Klar darf man das trotzdem hassen und verachten. Aber ein bisschen aufschauen muss man eben doch auch.