Hermann Nitsch © Heinz Cibulka

Tanz den Dionysos!

Hermann Nitsch vermochte mit seinem Orgien-Mysterien-Theater zu verstören und ist mit seinen Schüttbildern in die Hochkultur vorgedrungen. Am Ostermontag verstarb der brillante Gesamtkunstwerker 83-jährig. Anlass, ein Interview, erschienen 2001 in skug #46, aus dem Papierarchiv zu heben.

Zunächst verfemter, zuletzt verehrter Aktionskünstler. Echtes Blut und die Verquickung von Ritual und Sexualität nährte die Auflagen von Boulevardmedien, die die Aktionen von Hermann Nitsch skandalisierten. Doch fanden die im Barockschloss Prinzendorf stattfindenden »Festspiele« des Orgien-Mysterien-Theaters weltweit Fans und Anerkennung. Archaisch anmutendes visuelles Schauspiel und Musik, die ihren Ursprung in Schreien und Lärm suchte, flossen zu einem grandiosen Gesamtkunstwerk zwischen Eros, Thanatos, Dionysos und Katharsis zusammen! Hermann Nitsch, der in den 1960ern wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Störung der öffentlichen Ordnung 14 Tage im Gefängnis absitzen musste und zehn Jahre im deutschen Exil verbrachte, bekam 2005 den Großen Österreichischen Staatspreis für bildende Kunst verliehen und auch die katholische Kirche hat allmählich verstanden, dass Nitsch nicht Blasphemie betreibt, sondern religiöse Symbolik überhöht. Das Kreuz fungiert auch bei Nitsch als Symbol des Opfers und bei seiner letzten Exhibition waren Messgewänder zu sehen. Somit ist es eine kleine Ironie der Geschichte, dass Hermann Nitsch nach längerer Krankheit am ostermontäglichen 18. April 2022 das Zeitliche segnete. Eine Neuauflage seines berühmt-berüchtigten Orgien-Mysterien-Theaters wird es leider nicht mehr geben, doch immerhin gewähren Ton- und Bildträger und gleich zwei Nitsch-Museen in Mistelbach und Neapel ewigen Einblick in seinen fantastischen Werkkatalog. Und auch wir retten ein Gespräch Peter Nachtnebels mit Hermann Nitsch aus skug #46, 2001, nun für die Ewigkeit, die, wie sich historisch erweisen wird, menschheitsgeschichtlich leider nicht ewig andauern wird.

»6-Tage-Spiel« © Heinz Cibulka

Hermann Nitsch: Tanz den Dionysos!

Mit dem »6-Tage-Spiel« realisierte der Wiener Aktionist und Gesamtkunstwerker Hermann Nitsch im August 1998 ein Projekt, das in seinem theoretischen Ursprung auf die frühen Sechziger-Jahre zurückgeht: Das Orgien-Mysterien-Theater (OMT) als Ausdruck einer berauschten, unbedingten Lebensbejahung, als Angriff auf die menschlichen Sinne, als der Versuch, Farben, Gerüche, Töne, Geschmäcker, Flüssigkeiten und Texturen in ihrer Essenz wahrzunehmen, als konkretes Unternehmen über das Erlebnis der Abreaktion und des Exzesses zu einem inneren befreiten Sein zu gelangen, konnte erstmals ganz umgesetzt werden. Wie schon bei vielen Aktionen davor war es Nitsch in kürzester Zeit gelungen, die geballte Reaktion Österreichs – von der »Kronen Zeitung« bis zum P.C.-Dogmatiker – gegen sich aufzubringen. Unvergesslich bleibt die Internetzensur des OMT vom damaligen NÖ-Landesrat H. J. Schimanek wie auch der Versuch der Behörden, Nitsch durch Strafanzeigen in den finanziellen Ruin zu treiben. In einer sechsteiligen CD-Edition soll nun dieses in jeder Hinsicht geschichtsmächtige Spektakel aufgearbeitet werden. Peter Nachtnebel sprach mit Hermann Nitsch über sein Gesamtkunstwerk, seinen Status als Komponist wie auch über das Verhältnis von Popkultur und Ekstase.

skug: Nach »Tag 5« haben Sie nun »Tag 3« veröffentlicht. Warum in dieser Reihenfolge?

Hermann Nitsch: Das war Sache des Verlegers. Der hatte einige Probleme, weshalb manches früher und manches später rauskommt. Es gibt also keine Reihenfolge, bei der wir mit »Tag 1« anfangen und bei »Tag 6« aufhören. Auch bearbeitungstechnisch war es schwierig, wegen der vielen Störaktionen gegen das »6-Tage-Spiel«. Jetzt gibt es die Debatte, ob wir das ausschneiden oder nicht. Beim »Tag 5« haben wir alles drin gelassen, damit man original den Ablauf auch mit den Störungen beobachten kann.

Wollten Sie so auch bei konkreter Musik anschließen?

Wenn Sie wollen, ja. Schon beim »3-Tage-Spiel« waren mir konkret zu verstehende Klänge sehr wichtig. Z. B. hat im Dorf Heurigenmusik gespielt, die man bis rauf zu mir gehört hat, und wenn das der Wind so heraufträgt, ist das noch einmal Musik. Mein Ziel ist es, in dieser Art von Gesamtkunstwerk alles dazugehören zu lassen. Selbst wenn ein Panzer oder ein Auto in den Hof fährt. Auch Nachtgeräusche oder das Zirpen der Grillen soll man hören.

Welchen Stellenwert nimmt nun die Musik im Gesamtspektakel ein? In Ihren theoretischen Texten kommt die Musik etwas zu kurz.

Das stimmt nicht. Lediglich kennt man meine theoretischen Äußerungen über Musik zu wenig. Im Gesamtkunstwerk sollen reale Geschehnisse inszeniert und verwirklicht werden. Das hat vielfach seine Wurzeln in der Happening- und Aktionismus-Bewegung der Sechziger-Jahre, in welcher Kunst vielfach performativ umgestaltet wurde. Maler, Komponisten, Tänzer, Dichter sind dazu übergegangen, konkrete Ereignisse zu realisieren, die man riechen, schmecken, hören, sehen und betasten kann. Dieses reale Erlebnis ist über alle fünf Sinne erfahrbar. Bei mir kommt nun dazu, dass ich sehr stark von der griechischen Tragödie beeinflusst bin. Mein Theater ist ein non-verbales Theater. Der Schrei wird hier als Erregungszustand aufgearbeitet, sogar als Therapie. Hier ist auch die Wurzel meiner Musik: Geschrei und Lärm. Geschrei und Lärm intensivieren die Aktion, ebenso intensiviert die Aktion Geschrei und Lärm, also meine Musik. Die Ruhemomente sind aber ebenso wichtig. Das kann so weit gehen wie bei John Cage: Es wird angewiesen, dass man auf den Sternenhimmel schaut.

Was kann die Intensität der Musik, was das Visuelle nicht kann? Kann das Visuelle mehr?

Meine Musik ist gleichberechtigt zu den anderen sinnlichen Bereichen. Vielleicht ist mein Theater vorerst ein visuelles Theater, aber danach kommt schon gleich die Musik.

Im anglo-amerikanischen Raum werden Sie ja weniger als Gesamtkunstwerker bzw. Maler, sondern eher als Komponist einer freien Tonalität wahrgenommen.

Ich weiß, dass es eine Musikszene gibt, die meine Arbeit sehr schätzt, vor allem in Amerika. Die kennen sich ganz genau aus und bringen mich in Verbindung mit der gesamten Spielart der Minimal Music, die aber in meinen Augen andere Wurzeln hat.

»6-Tage-Spiel« © Heinz Cibulka

Gibt es einen Unterschied zwischen der Musik bei den Aktionen und Ihren Sinfonien?

Das ist nicht viel anders. Das ist quasi der Versuch, meine Theatermusik sinfonisch aufzuarbeiten, so auch die »Island«-Sinfonie. Auch meine letzte Sinfonie, die im Rundfunk im Großen Sendesaal des ORF aufgeführt worden ist; das war letztlich auch ein Exzerpt aus dem »6-Tage-Spiel«. Eigentlich alles, was ich mache, bezieht sich auf das »6-Tage-Spiel«. Meine Malerei, meine Architektur, alles. Das Orgien-Mysterien-Theater ist dabei das Zentrum, um das herum sich alles aufbaut.

Speziell im Bereich der experimentellen Popkultur gibt es immer wieder Bezüge zum Wiener Aktionismus, z. B. Merzbow …

Ist das der Japaner? Der wollte mich mal treffen. Bis jetzt ist es aber nicht dazu gekommen.

Wie sieht ihr Verhältnis zu subkulturellen Strömungen aus? Sie haben ja auch mit Punkgruppen zusammengearbeitet (z. B. mit PVC aus Berlin bei der »60. Aktion«, Anm.).

Punk war damals noch ein junges Phänomen. Es war so, dass ich immer wieder Gruppen aus der Gegenkultur einbezogen habe. Bei den Punks war es ja so, dass viele gewusst haben, was wir machen. So gab es viel gegenseitige Sympathie.

Gab es da auch Verbindungen zu den Einstürzenden Neubauten?

Nein, nicht wirklich.

Inwieweit haben Sie das politisch-emanzipative Element subkultureller Strömungen, die Befreiung der Körper und deren Verständnis von Rausch und Ekstase interessiert?

Schauen Sie, bei uns hat man zu dem ganzen ja Beat-Musik gesagt, die Amerikaner haben das Rockmusik genannt. Musikalisch war für mich das Sinfonische in der Rockmusik äußerst interessant. In den Siebzigern gab es ja dann auch so sinfonische Ansätze wie z. B. Amon Düül. Auch Nirwana aus der CSSR hat mir damals gut gefallen, wie viele andere Gruppen. Das hat mich jedenfalls sehr fasziniert damals, ebenso Pink Floyd. Mir fehlen allerdings Detailkenntnisse. Ich habe mich mein ganzes Leben ausgiebig mit klassischer Musik beschäftigt, aber auch Zeitgenössische bis hin zu John Cage. Da kenn’ ich mich mehr oder weniger aus. Ich kenn’ mich weniger mit den aktuellen Zeitgenossen aus, weil ich ja sehr beschäftigt bin mit meiner eigenen Welt und meiner Musik. Außerdem hatte ich da auch so ein Oppositionsproblem. In meiner Jugend haben sich alle mit Jazz beschäftigt und mir war schon klar, dass das eine sehr wichtige Musikströmung ist. Alle sind damals allerdings einer Modeströmung nachgegangen. Ich hingegen habe mich halt sehr viel mehr mit Klassik beschäftigt. Ähnlich war es mit Beat und Rock. Ich kann mich erinnern, als die Beatles aufgekommen sind, hat mir das unheimlich gut gefallen, weil die fast Kirchentonarten eingeführt haben und das große U-Musik war. Und dann habe ich schon auch das soziale Phänomen gespürt, dass mit der Beat-Musik eine Generation ihre Sprache und ihre Musik gefunden hat. Für mich hat sich das dann bis zu einer fast sinfonischen Form verdichtet.

Die Popkultur hat auch andere Elemente vom Wiener Aktionismus übernommen. Oft sieht man Videoclips, die in ihrer Ästhetik an Kurt Krens Aktionismus-Filme denken lassen. Arbeiten, für deren Inhalt Aktionisten ins Gefängnis mussten, laufen heute mainstreamisiert auf Heavy Rotation in Musikkanälen. Wie stehen Sie zu dieser Form von Massenekstatik?

Ich bin ein Gegner aller Arten von Massenvergnügungen und verabscheue daher das, wofür viele Leute leben, diese Scheinwelt, völlig. Es gibt echte, tiefe Ekstasen und oberflächliche Ekstasen. Gegen diese bin ich natürlich. Von dem möchte ich mich auch abwenden. Ich will nicht den Schein, sondern das Sein. Ich möchte mit Hilfe meiner Kunst und meines religiösen Verständnisses von Kunst tiefe Begegnungen mit meinem eigenen Leben haben. Das ist durch Ekstase möglich, aber nur mit einer bestimmten Form von Ekstase. Es gibt ja auch die Mystik, also eine ruhige Form des Ergriffen-Seins; das ist auch Ekstase, aber ohne Krawall. Die Begriffe von Ekstase und Katharsis haben ja auch durch die Wochenendkultur (Raves, Clubbings) einen ausgedünnten Beigeschmack bekommen. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass sich Leute am Wochenende abreagieren. Ich war immer sehr auf der Seite der Intensität. Es bleibt nur die Frage: Was ist intensiv? Wahre Katharsis wird aber sicher nicht über das Fernsehen oder derartige Veranstaltungen vermittelt, in meinem Theater aber schon.

»6-Tage-Spiel« © Heinz Cibulka

Die 8-CD-Box »Tag 5« des Orgien-Mysterien-Theaters ist bereits auf Cortical Foundation erschienen, »Tag 3« kommt demnächst heraus. www.nitsch.org