Infolge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 stieg der Antisemitismus weltweit innerhalb kürzester Zeit massiv an. Auch in links-alternativen Milieus, die sich eigentlich als progressiv und solidarisch verstehen, kam es zu einer Zunahme antisemitischer Vorfälle, v. a. in Bezug auf antizionistischen bzw. israelbezogenen Antisemitismus. Heftige Nahostdebatten führten auch innerhalb der deutschsprachigen Punk-Szene zu Spaltungen zwischen antizionistischen und prozionistischen Positionen. Genau hier setzt der von Tobias Johann und Andreas Borsch im Verbrecher Verlag herausgegebene Sammelband »Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk« an: Er thematisiert jüdische Einflüsse auf die Entwicklung von Punk, zeigt antisemitische Denkmuster auf und bespricht Möglichkeiten, ihnen innerhalb der Szene zu begegnen.
Das Buch besteht aus vier Teilen: Im ersten Teil geht es um jüdische Positionen bzw. »Jewishness« im Punk; der zweite Teil behandelt die forschungsgeleitete Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dessen Anschlussfähigkeit an die Subkultur; im dritten Teil berichten jüdische Punks in Deutschland von ihren Erfahrungen mit Antisemitismus innerhalb der Szene; und im vierten Teil geht es um antisemitismuskritische Interventionen und um die Frage, ob Punk ein Reservoir für die Kritik und Bekämpfung von Antisemitismus sein kann. Den Herausgebern ist damit eine sehr gute und vielschichtige Intervention gelungen, die unbedingt gelesen werden sollte.
Für eine kurze Einführung ins Thema empfiehlt es sich, mit dem sehr anwendungsbezogenen letzten Buchbeitrag von Annica Peter zu beginnen. Sie beschreibt Antisemitismus als Ideologie, die Jüdinnen und Juden eine Form von Über- bzw. Allmacht und das Streben nach Weltherrschaft unterstellt. Historisch haben sich die Narrative gewandelt: Während im christlichen Antijudaismus Ritualmordlegenden und die Anschuldigung, durch Brunnenvergiftungen Pestepidemien auszulösen, zu Pogromen gegen jüdische Communities führten, entwickelte der moderne Antisemitismus die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Die wohl bekannteste Fälschung der Moderne, »Die Protokolle der Weisen von Zion«, trug maßgeblich zu deren internationaler Verbreitung bei. Auch im israelbezogenen Antisemitismus bleiben solche Denkmuster bestehen: Israel wird dabei nicht für konkrete politische Entscheidungen kritisiert, sondern gilt als Verkörperung des »neokolonialen Bösen« und wird so für weltweite Missstände verantwortlich gemacht – vom tödlichen EU-Migrationsregime bis zu Trumps Umbau der Zollbehörde ICE zu einer paramilitärischen Schlägerbande.
Ohne Holocaust kein Punk?
Der erste und umfangreichste Teil des Sammelbandes beschäftigt sich mit jüdischen Einflüssen auf die Entstehung und Entwicklung von Punk, wobei sich alle Autor*innen auf das Standardwerk »The Heebie Jeebies at CBGB’s – A Secret History of Jewish Punk« von Steven Lee Beeber beziehen. Darin beschreibt der Autor, dass Künstler*innen wie Chris Stein von Blondie, Richard Hell, Lenny Kaye, Hilly Kristal, Lou Reed und auch Bands wie Suicide oder The Dictators den Weg zur Entwicklung der Punk-Subkultur bereiteten und dass Punk seit den Ramones maßgeblich von jüdischen Protagonist*innen geprägt ist. Daher spielten der Holocaust bzw. die Shoah (Hebräisch für Katastrophe oder Untergang) gerade in der Anfangszeit des Punk eine große Rolle, kamen doch die meisten Beteiligten aus Familien, in denen die Erfahrung der Vernichtung als innerfamiliäres Trauma über die Generationen weitergegeben wurde.
Michael Croland erweitert diese Perspektive in seinem aktuellen Überblick über jüdische Musiker*innen im Punk und Hardcore. Von Fall Out Boy, Leftöver Crack und Sleater-Kinney über Say Anything, The Germs oder Operation Ivy bis zu Bad Religion und NOFX: Überall finden sich Spuren von »Jewishness« in Musik und Texten. Mit den kalifornischen Jewdriver entstand außerdem eine direkte Persiflage auf die britische Rechtsrock-Band Skrewdriver. Für Croland ist die Verbindung dabei offensichtlich: Der Hang zur Subversion und Persiflage gesellschaftlicher Gewaltstrukturen sowie ein ausgeprägter Sinn fürs Nichtdazugehören bilden das Grundgerüst von jüdischen Identitäten und Punk in gleicher Weise.
Monty Ott versteht Punk als jüdische Widerstandspraxis und eine Form subkultureller Gegenwehr gegen identitäre Zuschreibungen. Während es in den USA um Nicht-/Zugehörigkeit geht, steht in Europa eher die Un-/Sichtbarkeit im Mittelpunkt jüdischer Ausschlusserfahrungen – und Sichtbarkeit, wie etwa die Markierung mit dem Davidstern im NS, endete historisch betrachtet oft tödlich. Für Ott sind es v. a. der radikale Nonkonformismus im Punk und dessen Potenzial, alternative Räume zu schaffen, die es jüdischen Protagonist*innen erlauben, nur als das, was sie selbst sein wollen, sichtbar zu werden und sich politisch zu positionieren.
Boykott-Kultur der Pop-Linken
Auch Klaus Walter und Jonas Engelmann beschäftigen sich mit dem anti-identitären bzw. antiessentialistischen Potenzial von Punk. Walter kritisiert dabei die antizionistische Boykott-Kultur der britischen Pop-Linken als Form von identitärer, post-kolonialer Schuldauslagerung: Anstatt sich historisch mit dem britischen Kolonialismus zu beschäftigen oder die rassistischen Nachwirkungen des British Empire konkret vor Ort zu bekämpfen, fungiert der israelische Staat als antikoloniales Symbol – ungeachtet der Tatsache, dass ein Fünftel der israelischen Bevölkerung Palästinenser*innen und andere Araber*innen sind. Eine bequeme Kritik, da sich so niemand mit eigenen Verstrickungen in rassistische Ausbeutungsverhältnisse daheim beschäftigen muss. Solidarische Dynamiken sieht der Autor dagegen in den 1970ern, wenn er anhand der Band Suicide auf antirassistische Allianzen zwischen schwarzer Bürger*innenrechtsbewegung und jüdischen Communities in den USA verweist, an die auch Lou Reed im Song »Good Evening Mr. Waldheim« erinnert. Engelmann vergleicht Punk und Afrofuturismus: Beide können als Antwort auf antisemitisches bzw. rassistisches »Othering« verstanden werden, und v. a. als Versuche, zugeschriebene Identitäten auszuhebeln.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf israelischem Punk und Hardcore. Itty Minchesta und Ulrich Gutmair thematisieren die erschwerten Bedingungen, unter denen israelische Bands Musik machen: Itty betont, dass Pazifismus und Antimilitarismus in den USA und Europa einfach zu haben seien, während sich israelische Punks angesichts der permanenten Angriffe und Vernichtungsdrohungen von arabischer Seite immer wieder damit konfrontieren müssten, in einer Konfliktgesellschaft zu leben. Ulrich beschreibt, wie es Ende der 2010er-Jahre mit Bands wie Ka’tzon La’tevach, Jarada, Helem und Nidfakta zu einem Hardcore-Punk-Revival kam, die Bands aber von allen Seiten massiv unter Druck geraten: in Israel von rechts bedroht, werden sie im Ausland von der antiisraelischen Kampagne BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) boykottiert.
Den dogmatischen Antizionismus im Westen, der null Interesse für die konkreten Lebensbedingungen von Palästinenser*innen, Jüdinnen und Juden in Israel hat, können die Autor*innen absolut nicht nachvollziehen. Denn aus linker israelischer Perspektive ist klar, dass sowohl die israelische Besatzung als auch der sogenannte »bewaffnete Widerstand« der weit rechtsstehenden Hamas nur Tod und Verderben bringen.
Von der jüdischen Weltverschwörung zu Israel als Hort des Bösen
Der zweite Teil untersucht antisemitische Denkmuster innerhalb der Subkultur. Tina Sanders fragt dabei nach Ambivalenzen im Hardcore: Der starke Fokus auf Gewaltstrukturen und kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse kann sowohl subversive Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen, als auch dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme auf irgendwelche Sündenböcke – aktuell verstärkt auf Israel als Hort des Bösen – zu projizieren.
Georg Gläser und Nikolas Lelle analysieren Leerstellen im Deutschpunk. Das spezifisch »Deutsche« daran ist die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, die in den 1980ern aber auch oft in relativierenden Gleichsetzungen von damaliger Polizeigewalt mit dem NS-Terrorregime endeten. Das zeigt auch die größte Auslassung auf: nämlich eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Shoah und mit der spezifischen Rolle von Arbeit und Arbeitsideologie in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.
Teresa Streiß widmet sich dem israelbezogenen Antisemitismus in queer-feministischen und postkolonialen Kontexten und illustriert, wie Israel dort als »letztes großes westliches Kolonisierungsprojekt« dargestellt wird, das zerstört werden muss, damit endlich postkoloniale Zeiten anbrechen können. Die damit verbundenen Dämonisierungsdynamiken reproduzieren antisemitische Stereotype und dabei v. a. die antisemitische Allmachtzuschreibung – nur eben nicht mehr an jüdische Kollektive gerichtet, sondern an den israelischen Staat.
»Wir müssen schauen, in welche Räume wir noch gehen können«
Im dritten Teil schildern jüdische Punks ihre persönlichen Erfahrungen in Deutschland. Lara Dvorah, Alfi und André von der Band DVMP und der Fotograf Oz Ozon berichten davon, wie sich ihr persönliches Verhältnis zur Szene verändert hat. Obwohl Punk früher häufig als offener Raum und Sammelbecken für Außenseiter*innen erlebt wurde, zeigen v. a. Laras Erfahrungen, dass Antisemitismus trotzdem immer spürbar war. Oz verweist darauf, dass seine jüdische Identität in seiner Jugend egal war, er aber in den letzten Jahren im Zuge der andauernden Nahostdebatten immer stärkerem identitätspolitischen Druck ausgesetzt ist, sich »als Jude« zum Konflikt zu verhalten.
Seit dem 7. Oktober 2023 wäre es allen Interviewten am liebsten, sich gar nicht mehr zum Nahostkonflikt äußern zu müssen, und sie berichten von der Erfahrung, bestimmte Veranstaltungen und Orte immer öfter zu meiden. Zusätzlich weisen alle darauf hin, wie enorm polarisierend Israel-Debatten im deutschsprachigen Kontext geführt werden – und zwar in beide Richtungen: Obwohl sie die pauschale Dämonisierung Israels kritisieren, sahen sich DVMP z. B. auch schon von prozionistischer Seite mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Diese persönlichen Erfahrungsberichte gehören zu den stärksten Teilen des Buches, weil sie die Auswirkungen politischer Konflikte auf den Alltag von Leuten sichtbar machen, die aus identitätspolitischen Gründen betroffen sind.
Antisemitismuskritische Interventionen
Der vierte Teil fragt, wie sich Antisemitismus innerhalb der Szene wirksam bekämpfen lässt. Tobias Johann, Alexander Stärck und Markus Streb stellen hier Fanzines als wichtige Kommunikationsmittel vor. Sie verweisen dabei auf das 1995 erschienene »Mazel Tov Cocktail«-Zine, das jüdische Identitäten im Punk erstmals sichtbar machte. Mit »Ostsaarzores« knüpften sie 2022 daran an und reflektieren im Text die Notwendigkeit, unterschiedliche jüdische Stimmen – und dabei v. a. auch die israelische Linke – stärker einzubeziehen.
Andreas Borsch stellt das jüdische Kulturfestival Oy Vavoy! vor, das selbstreflexives Denken als Grundvoraussetzung für antisemitismuskritisches Handeln fördern sollte. Dabei hebt auch er Erfahrungsberichte jüdischer Punks als gelungene Vermittlungspraxis hervor. Die Initiative Punks Against Antisemitism entstand als Reaktion auf den massiv erstarkenden Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 und das Negieren von misogyner Gewalt gegen die israelischen Opfer innerhalb der Szene. In einer Gruppendiskussion berichten vier PAA-Aktivisten einerseits von Solidarität und Interesse, zugleich aber auch von massiven Schwierigkeiten, Veranstaltungsräume zu finden, da viele linke Räume Angst vor einem antizionistischen Boykott hätten.
Annica Peters bereits einleitend vorgestellter Beitrag ergänzt die vorangegangenen Perspektiven um ein zum Download zur Verfügung stehendes Workshop-Tool zu Punk in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Abschließend wird also deutlich, dass politische Interventionen am besten mit sehr unterschiedlichen Zugängen funktionieren: die Vermittlung persönlicher Erfahrungen, kulturelle Angebote und fundierte Bildungsarbeit können sich dabei gegenseitig ergänzen.
Räume für Widerspruch und Solidarität offenhalten
Der Sammelband zeigt auf, dass israelbezogener Antisemitismus auch im deutschsprachigen Punk aktuell eine Herausforderung darstellt. Die Stärke des Buches liegt in seiner Vielseitigkeit: kulturwissenschaftliche Infos zum (jüdischen) Punk, theoretisch-empirische Beiträge, persönliche Erfahrungsberichte und konkrete Handlungsmöglichkeiten werden besprochen. Dabei wird klar, dass ein antifaschistisches und antirassistisches Selbstverständnis nicht ausreicht, wenn die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der Shoah unvollständig bleibt. Gleichzeitig ist Punk aber auch eine Subkultur, die aufgrund ihres nonkonformistischen Anspruchs Räume für Widerspruch und Solidarität schaffen kann. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, die eigenen Denkmuster und Ausschlüsse kritisch zu hinterfragen – und dazu kann der Sammelband auf jeden Fall einen Beitrag leisten.

Link: https://www.verbrecherverlag.de/shop/juedische-identitaeten-und-antisemitismus-im-punk/











