Fast 20 Jahre ist Multiinstrumentalist Dean Fertita schon festes Bandmitglied bei Queens of the Stone Age. Die letzten davon waren für die Band von schweren Zeiten geprägt, nicht zuletzt durch die zum Glück überstandene Erkrankung von Frontmann Josh Homme. Mit »Perfecth« schlagen QOTSA ein neues Kapitel auf, lassen alte Verletzungen hinter sich, heilen ihre Wunden und erfreuen sich am Leben und an der Liebe – vor allem aber an der Schönheit des Unperfekten. Und selbst nach zwei Jahrzehnten Bandgeschichte ist die Aufregung vor einer Albumveröffentlichung geblieben, denn die Ungewissheit, wie das Publikum darauf reagieren wird, gehört jedes Mal aufs Neue dazu – selbst für Rockgötter.
skug: Es ist jetzt fast 20 Jahre her, seitdem du bei Queens of the Stone Age eingestiegen bist. »Perfecth« ist dein sechstes Album mit der Band, bist du vor einer neuen Veröffentlichung immer noch ein bisschen nervös?
Dean Fertita: Es ist immer aufregend und beängstigend zugleich und, weißt du, all diese Dinge gehören dazu. Wenn man etwas veröffentlicht, gehört es einem nicht mehr, nicht wahr? Es ist deshalb immer ein Moment voller Ungewissheit, wenn man erlebt, wie andere Personen darauf reagieren. Denn wir lieben das, was wir tun, wirklich. Aber wie es ankommt, sieht man erst, wenn es so weit ist.
Was steckt hinter der ungewöhnlichen Schreibweise von »Perfecth« mit dem h am Ende? Und wenn man bedenkt, wie erfahren und versiert ihr als Musiker seid: Glaubst du, dass Unvollkommenheiten manchmal genau das sein können, was einen Song perfekt wirken lässt?
Absolut! Weißt du, ich glaube, die Lieblingsplatten von uns allen sind voller Fehler. Gerade heutzutage hat man die Möglichkeit, Dinge zu erschaffen, die praktisch keine Fehler oder Unvollkommenheiten aufweisen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass dabei die Menschlichkeit in der Kunst verloren geht. Das ist einfach ein Konzept, das wir alle in der Musik und in der Kunst schätzen.
Wenn du zurückblickst: Wie hat sich deiner Meinung nach deine Rolle im kreativen Prozess über die Jahre verändert?
Ich weiß nicht, ob sie sich drastisch verändert hat. Wenn man 20 Jahre lang mit denselben Leuten zusammenarbeitet, entwickelt man ein gutes Gespür dafür, wie jeder Einzelne arbeitet. Dadurch entsteht zwangsläufig mehr Vertrauen. Auch die Rollenverteilung hat sich etwas verändert. Anfangs hatte man noch eher das Gefühl, dass jeder seinen festen Platz hat. Heute, glaube ich, fühlt sich keiner von uns wirklich mehr auf sein Instrument beschränkt. Wer eine Idee hat, drückt sie aus – ganz gleich wie. Alles ist möglich. Man sagt einfach: Lass es uns probieren. Und genau das macht Spaß.
Hat sich die Arbeit dieses Mal anders angefühlt, wenn man sie mit der Arbeit an »In Times New Roman« vergleicht?
Ja, also »In Times New Roman« war, glaube ich, das schwierigste Album – einfach, weil damals so viel los war. Es war eine seltsame Zeit, oder? Wir kamen gerade aus der Pandemie raus und Josh machte persönlich eine schwere Zeit durch. Die Entstehung des Albums war somit nicht leicht und hat sich gefühlt lange hingezogen. Auf unserem neuen Album setzen wir uns zwar textlich mit vielen eher schwierigen, emotionalen Themen auseinander, aber die Grundstimmung war positiver. Dadurch verlief der gesamte Prozess einfacher. Es fühlt sich fast so an, als könnten wir das alles jetzt hinter uns lassen.
Ihr habt nach dem »Catacombs«-Projekt und der dazugehörigen Tour mit der Arbeit an »Perfecth« begonnen. Inwiefern hat euch diese Erfahrung dabei beeinflusst, wie ihr an das neue Album herangegangen seid?
Nun, das Offensichtlichste ist der klangliche Aspekt: die Songs gewissermaßen zu dekonstruieren und nicht den traditionellen Weg zu gehen, etwa mit lauten Gitarren, die für die Intensität sorgen, sondern den Schwerpunkt eher auf den Gesang und die lyrische Darbietung zu legen. Als wir »Catacombs« gemacht haben, wussten wir ehrlich gesagt nicht einmal, ob wir danach noch als Band weitermachen würden. Wir wussten nicht genau, wie es um Joshs Gesundheit stand. Es war wirklich beängstigend. Als wir diese schwierige Phase hinter uns hatten, empfanden wir, glaube ich, große Dankbarkeit, dass wir das überhaupt tun konnten. Gleichzeitig sind wir als Band enger zusammengerückt. Es fühlte sich einfach alles sehr stimmig an, wirklich absolut stimmig.
Für das neue Album habt ihr euch für die Single-Auskopplungen »Easy Street« und »Insignificant Other« entschieden. Warum eigentlich?
Bei »Easy Street« war die Entscheidung ziemlich einfach, weil wir den Song schon während der »Catacombs«-Tour live gespielt hatten. Das Publikum kannte ihn also schon. Letztlich weiß man bei einer Veröffentlichung nie genau, welche Songs besonders gut ankommen oder welcher Titel das Album am besten repräsentiert. Manchmal ist das schwer einzuschätzen. Deswegen haben wir uns für die Songs entschieden, mit denen wir uns am wohlsten fühlten. Bei »Insignificant Other« hatten wir alle das Gefühl, dass der Song uns als Band wirklich gut widerspiegelt – aufgrund der Art und Weise, wie wir ihn aufgenommen haben. Ich denke, dieser Song hat vielleicht definiert, oder uns zumindest in eine Richtung gewiesen, wie das neue Album klingen könnte. Dieser eine Song fühlte sich irgendwie wie ein Ansatz für ein ganzes Album an.
Ein weiterer großartiger Song auf diesem neuen Album ist »Sunday«. Er wurde ursprünglich 2016 von Iggy Pop veröffentlicht – woran du und Josh bereits damals beteiligt waren. Warum habt ihr euch dazu entschieden, ihn genau zehn Jahre später noch einmal aufzugreifen und ihn diesmal von Josh singen zu lassen? Ist die Zehn für euch eine besondere Zahl?
Nein, ich kann gar nicht glauben, dass er schon zehn Jahre alt ist. Wir hatten damals im Studio einfach die Idee in den Raum geworfen, ein paar Cover-Versionen aufzunehmen, und diesen Song haben wir schon immer geliebt. Auch die Erfahrung, ihn gemeinsam mit Iggy zu spielen, war wunderbar. Wir waren zu dieser Zeit in New Orleans. Und wenn man vor die Tür ging, sah man die ganzen Mardi-Gras-Paraden. Es lag zu dieser Zeit einfach eine ganz besondere Energie in der Luft der Stadt. Deshalb schien uns dieser Song eine gute Wahl zu sein. Jake Shears von Scissor Sisters war an diesem Abend mit uns im Studio und es fühlte sich richtig an, den Song aufzunehmen. Wir wollten daraus eine Art französische Disco-Version machen. Und ich weiß gar nicht, ob uns wirklich bewusst war, dass dieser Song dann auf dem Album landen würde. Im Vergleich zu den anderen Songs auf dem Album und aufgrund ihrer Stimmung fühlte es sich einfach so an, als bräuchte das Album den zusätzlichen Schwung.
Gibt es einen besonderen Grund dafür, dass es das neunte Album ist und ihr neun Songs darauf habt?
Nein, unsere Alben sind für uns einfach dazu da, um eine Geschichte zu erzählen. Hätten wir 15 Songs gehabt, bei denen wir das Gefühl hätten, sie müssten unbedingt diese Geschichte erzählen, dann wären es eben 15 Songs gewesen. Diesmal fühlte es sich einfach rund an. Wir haben in den letzten Jahren eine gewisse Haltung entwickelt, die Dinge so anzunehmen, wie sie kommen. Es ist eben, wie es ist – und am Ende steht ein Album. Wenn es sich richtig und gut anfühlt, sollte man sich nicht an der Anzahl der Songs oder an der Spielzeit aufhängen. Viel wichtiger ist doch die Frage: Fühlt es sich gut an? Kannst du die Augen schließen und löst es etwas in dir aus? Nimmt es dich an einen anderen Ort mit? Und bei diesem Album war das eben der Fall.
Gibt es auf dem Album einen Song, der dich persönlich besonders anspricht oder der eine besondere Bedeutung für dich hat?
Ich glaube, ich komme immer wieder auf »Insignificant Other« zurück, weil dieser Song uns irgendwie in die Richtung gewiesen hat, die wir dann eingeschlagen haben. Wie gesagt haben wir ihn während der Session zu »In Times New Roman« aufgenommen – am letzten Aufnahmetag, mitten in der Nacht, gegen ein Uhr. Wir dachten uns: Lasst uns diese Idee einfach mal festhalten. Der Song ist das beste Beispiel dafür, wie wir gemeinsam an einem Song arbeiten und aufeinander reagieren, ohne zu viel darüber nachzudenken, was daraus entstehen könnte. Diese Philosophie hat sich dann auf das gesamte Album übertragen.
Ihr seid dieses Jahr auf Tour und spielt auch einige Shows zusammen mit den Foo Fighters. Wenn »Perfecth« am 30. Oktober erscheint: Plant ihr, mehr von euren neuen Songs live auf der laufenden Tour zu spielen, oder können wir nächstes Jahr mit einer eigenen »Perfecth«-Tour rechnen?
Ja, genau das ist der Plan. Die genaue Routenplanung und solche Dinge stehen noch nicht fest, aber wir haben vor, mit diesem Album eine ganze Weile auf Tour zu sein.
Gibt es noch etwas, das wir über das neue Album wissen sollten?
Ich weiß nicht, aber wie ich schon sagte, ist es ein unglaublich spannender Moment, das Album zu veröffentlichen. Ich glaube, das Wichtigste ist, und das ist uns allen nach der »Catacombs«-Phase und der anschließenden Tour wieder einmal bewusst geworden, wie unglaublich unsere Fangemeinde ist. Unser Publikum ist so offen und bereit, uns auf unserem Weg zu begleiten – ganz gleich, wohin dieser führt. Es ist ja ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir lieben es, unsere Musik zu teilen, und spüren, wie diese Energie auf positive Weise von unseren Fans zurückkommt. Das bedeutet uns unglaublich viel!
Vielen Dank für deine Zeit und das interessante Gespräch. Es war mir ein Vergnügen, mit dir zu sprechen, und ich freue mich wirklich sehr auf das neue Album. Und hoffentlich sehen wir euch alle bald für ein Konzert in Österreich!
Das nehmen wir uns vor. Wir werden daran arbeiten, das hinzubekommen!
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