Was passiert, wenn Jazz auf Noise trifft, freie Improvisation auf elektronische Klangwelten, eruptive Rhythmen auf fragile Klangpoesie – und Musiker*innen aus unterschiedlichen Kontinenten und Szenen miteinander in einen offenen Dialog treten? 1987 wagten ein paar Unerschrockene in Wels dieses radikale Experiment. »Festival für improvisierte und komponierte Musik« stand auf dem ersten Plakat – ein programmatischer Satz, der damals wohl wie eine kleine kulturpolitische Revolution geklungen haben muss. Seitdem geraten in Wels musikalische Gewissheiten immer wieder ins Wanken, entstehen unerwartete Allianzen und wird das Experiment nicht als flüchtiger Ausnahmezustand, sondern als unumstößliche künstlerische Haltung begriffen. Wer nun glaubt, ein rundes Jubiläum sei eine nostalgische Nabelschau, irrt gewaltig. Denn in Wels findet sich die »Improvisers Build-Border-Defying Community in Austria«, wie Bill Meyer im weltweit bekanntesten Jazzmagazin »Downbeat« treffend zusammenfasste. Hier darf Musik ausufern, widersprechen, überraschen, polarisieren und pulsieren. Hier geht es nicht um stilistische Grenzen, sondern um ungewohnte Perspektiven. Und man muss nicht jedes Projekt kennen oder jede Musik sofort verstehen. Man darf sich überraschen lassen und genau das macht den Reiz dieses Festivals aus. Ein Ausblick auf das Kommende.

Die diesjährige Jubiläumsausgabe des oberösterreichischen Festivals steht unter der künstlerischen Leitung von María Portugal – einer in São Paulo geborenen, in Berlin lebenden Schlagzeugerin, Sängerin und Komponistin. Für ihr österreichisches Kurator*innendebüt hat sie einen Titel gewählt, der einen poetischen Resonanzraum eröffnet: »The Navel of the Dream«. Was genau daraus entsteht, ist nicht vollständig vorhersehbar – das ist das Beste daran. Rund 60 Musiker*innen aus 25 Ländern – eine internationale Dichte, wie sie die Geschichte des Festivals in ihren 39 Ausgaben zuvor noch nie gesehen hat – versammelt María Portugal für diese vier Tage. Der Bogen spannt sich von Detroit-Techno und Punk über Improvisation, Konzeptkunst und Jazz bis hin zur absoluten Avantgarde. Ein programmatischer Schwerpunkt liegt dabei bewusst auf Künstler*innen aus Lateinamerika, jener »allzu oft übersehenen Szene der kreativen Musik«, wie Wolfgang Wasserbauer sehr treffend feststellt.
Unlimited im wahrsten Sinne des Wortes
Wer sich auf dieses (verlängerte) Wochenende einlässt, sollte mit Überraschungen rechnen, denn laut allaboutjazz.com ist »Wels a Mecca for adventurous music aficionados«. Das Line-up liest sich wie ein Who is Who des avantgardistischen Zeitgeists: Moor Mother, die US-amerikanische Musikerin, Dichterin und Aktivistin, deren radikale Performances jegliche Genregrenzen sprengen, gemeinsam mit Aquiles Navarro. Hier begegnen sich experimentelle Musik, Spoken Word, Noise und gesellschaftliche Reflexion. Otay:Onii, die in klaustrophobischen Klangräumen zwischen Performance-Art und radikalem Experiment operiert. Dopplereffekt, das legendäre Detroit-Techno-Projekt von Gerald Donald, das von minimalistischem Electro, kalten Synthesizern im Stil von Kraftwerk, Vocoder-Gesang und Science-Fiction-Ästhetik so ziemlich alles draufhat. Und schließlich, neben unzähligen anderen, das Free-Improvisations- Quartett The Sleep of Reason Produces Monsters (das berühmteste Blatt Francisco de Goyas trägt diese Bezeichnung und allein der Name ist Programm), international besetzt mit der Turntablistin Mariam Rezaei, der Alt-Saxofonistin Mette Rasmussen, der Piccolo-Trompeterin und Sängerin Gabriele Mitelli sowie dem Schlagzeuger und Bass-Synthesizisten Lukas König.

Und dann sind da noch María Portugals eigene Erosão-Projekte: das Erosão Percussion Trio mit Burkhard Beins und Emilio Gordoa, das mit karger Percussion und polyrhythmischen Exkursionen arbeitet, sowie das Erosão Septet, das eine fast meditative, »überraschend schöne Ruhe« entfaltet, wie der Musikjournalist Peter Margasak treffend beschreibt. Das sind freilich nur einige wenige Schlaglichter aus einem Programm, dessen Vielfalt sich kaum in Worte fassen lässt – und das gerade dort am spannendsten wird, wo sich die musikalischen Wege ins Unbekannte verzweigen. Vier Tage lang wird Wels damit zum Treffpunkt einer lebendigen, grenzüberschreitenden Musik- und Klangszene, mit internationalen Ausnahmeerscheinungen, ungewöhnlichen Ensembles, intensiven Live-Performances und DJs an der Bar.
40 Jahre subversive Klanggeschichte
Zum Jubiläum bekommt auch die Geschichte des Festivals ihren eigenen Raum. Eine Ausstellung im Schl8hof Wels zeigt in enger Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Künstler Johannes Kastinger Arbeiten früherer Bühnendesigner*innen, Fotografien aus vier Jahrzehnten, Plakate und ungewöhnliche Klangobjekte. Eine Schau, die vor allem die Vielfalt des Festivals in den Vordergrund rückt. Ergänzt wird das Ganze um eine Hörstation mit Aufnahmen aus 40 Jahren Festivalgeschichte, die die akustische Evolution des Festivals direkt erfahrbar macht. Schon der Auftakt am 5. November setzt ein Zeichen: Ab 19.30 Uhr öffnet die Jubiläumsschau – flankiert von zwei Live-Acts, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die US-amerikanische Performerin Ka Baird eröffnet den Abend, gefolgt vom französischen Perkussionstrio OTTO, der Eintritt ist frei. Am Freitag, Samstag und Sonntag geht es im Schl8hof Wels, in der Landesmusikschule und im Bildungshaus Schloss Puchberg weiter. Beendet wird das Festival schließlich von Banquet of Consequences und Deafkids. Zudem legt die Kuratorin María Portugal als DJ an der Bar selbst auf – ein schöner Schlusspunkt.

Music Unlimited hat sich nie bloß als Festival oder Konzertreihe verstanden, sondern als Einladung, die Welt anders zu hören. Während politische Debatten zunehmend von Abschottung, Feindbildern und der Instrumentalisierung von Unterschieden geprägt sind, setzt das Festival auf das Gegenteil: auf radikale Neugier, unbedingten Austausch und die Zumutung, sich auf Unbekanntes einzulassen. »Gerade in weltpolitisch finsteren Zeiten wollen wir die Menschen und ihre Kulturen in den Mittelpunkt stellen – und nicht die Mächte, die über sie entscheiden«, so Wolfgang Wasserbauer. Und: »Wir wollen mit Kunst und Kultur einen Raum schaffen, in dem alternative Verbindungen jenseits von Grenzen, Feindbildern und den Logiken der Macht möglich werden.« Das sind große Worte, doch in Wels bleiben sie keine Sonntagsrhetorik, sondern werden gelebte Praxis. Hier werden das Unbegrenzte und die Offenheit im mikropolitischen Zusammenspiel erprobt und umgesetzt! Wer also wissen möchte, wie viel Zukunft in der Musik steckt, kommt an Wels nicht vorbei. Denn Music Unlimited ist kein Festival, das man einfach konsumiert. Es ist ein Festival, das fordert, überrascht, verstört, beglückt – und einen mit Tönen konfrontiert, die man möglicherweise so noch nie gehört hat.
Link: www.musicunlimited.at











