Bildausschnitt Cover © Glitzer & Grind
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Protokoll einer gelebten Utopie

Seit 50 Jahren ist die Arena Wien mehr als nur eine Konzert-Location – sie ist Zufluchtsort für Träumer*innen, Rebell*innen, Nachtgestalten und viele mehr. Claus Oistric fängt in »Drüben im Dritten« den unvergleichlichen Geist dieses Biotops grandios ein. Eine wuchtige Collage der Subkultur!

Es gibt Orte, die geprägt sind von Lärm, Schweiß, Liebesgeschichten, politischen Kämpfen, Niederlagen und der eigentümlichen Hoffnung, die nur dort entstehen kann, wo ein Raum nicht so genutzt wird, wie es ursprünglich vorgesehen war. Die Arena Wien ist ein solcher Ort. Wer die Arena lediglich als Konzert-Location kennt, kennt sie eigentlich nicht. Denn die Arena ist weniger ein Gebäude als eine fortgesetzte Behauptung: dass Kultur nicht domestiziert werden muss, um zu überleben; dass ein Schlachthof zum Freiraum werden und aus Abbruchmaterial Infrastruktur entstehen kann; dass eine Bar aus Eisenresten und eine Bühne zwischen den Relikten industrieller Architektur irgendwann eine kulturelle Institution von, ja, internationalem Rang ergeben können.

Zum 50-jährigen Jubiläum erzählt Claus Oistric in »Drüben im Dritten. Arena Wien – 50 Jahre Musik, Protest & Subkultur« (erscheint im Oktober 2026 bei Glitzer & Grind) diese Geschichte zum Glück nicht im Ton einer offiziellen Festschrift. Denn Oistric interessiert sich weniger für die Erfolgsgeschichte der Arena als für das Leben dahinter und darunter: Menschen, die Räume besetzen, Bühnen bauen, Bars zusammenschweißen, Veranstaltungen organisieren, Konflikte austragen, Feuer löschen und am nächsten Tag wieder vor Ort sind. Eines der wunderbaren Mittel, die Oistric dafür einsetzt, ist die Oral History: Zeitzeug*innen, Erinnerungen, Widersprüche, Anekdoten. Und gerade deshalb wird aus einem Buch über einen Veranstaltungsort auch ein Buch über Wien – ein Wien, das in den offiziellen Selbsterzählungen der Stadt gerne ein blinder Fleck bleibt. Was die Gründungsgeschichte betrifft, besitzt diese schon ein wenig jene historische Unwahrscheinlichkeit, die man im Nachhinein gern als Mythos benennen könnte. Rau, widersprüchlich und verdammt lebendig!

Arena 1979 oder 1980 © Michael Snoj

Zurück zu den Anfängen

1976 besetzten Aktivist*innen, auch als »Arenaut*innen« bezeichnet, den alten Auslandsschlachthof in St. Marx; im selben Jahr erschien die erste Ausgabe der »Arena Stadtzeitung«. Was damals wie eine kulturpolitische Revolte wirkte, bildete den Auftakt einer Institution, die ein »Ankerpunkt unserer Kultur – mit all ihren Makeln, ein Freiraum, wo Utopien gelebt werden können«, so Oistric, werden sollte. Doch der Autor romantisiert diesen Anfang nicht. Die Arena entstand nicht aus einem harmonischen hippiesken Konsens, sondern aus Konflikt, Improvisation, politischem Druck und Verhandlungen. Die Besetzung wird beendet, die Gebäude werden abgerissen und auch der Ersatzstandort wird keineswegs von allen begeistert aufgenommen. Dabei verschweigt der gelernte Historiker Oistric die Widersprüche innerhalb der Utopie nicht. Ingrid Göschl bringt einen davon wunderbar trocken auf den Punkt: »Die gleichberechtigte klassenlose Gesellschaft gelang auch in der Arena nicht.« Rasch bildeten sich Hierarchien zwischen Akademiker*innen und Hackler*innen, Einflussreichen und Einflusslosen, zwischen jenen, die Entscheidungen treffen, und jenen, die mit diesen Entscheidungen leben müssen. Die Arena ist kein Denkmal einer gelungenen Utopie, sondern viel eher das Protokoll des permanenten Versuchs, eine Utopie unter ziemlich unidealen Bedingungen am Leben zu erhalten.

Punk ist dabei nicht nur Musik, sondern eine eigene Art, die Welt zu verstehen. 1981 kommen die Dead Kennedys in die Arena, das Konzert wurde für »Ohne Maulkorb« aufgezeichnet. Wolfgang Klinger erzählt: »Der Jello Biafra wollte Stagediving von der Bühne machen, ist ins Publikum hineingestürzt und stand sofort wieder auf der Bühne, so voll war es.« Martin »Panza« Biro fasst den legendären Abend noch knapper zusammen: »Das war ein Hurricane, das war Wahnsinn.« Gleichzeitig treffen beim Konzert Wiener und Wiener Neustädter Punks aufeinander, die zunächst nicht so viel miteinander anfangen können, bis Panza öffentlich verkündet, die anderen seien »auch leiwand«. Götz Schrage wiederum erklärt seine damalige musikalische Weltanschauung mit dem Satz: »Ich habe immer gesagt, dass ich X-Beliebig besser finde als Joy Division.« Solche Sätze sind keine Nebensächlichkeiten, sie sind das Material, aus dem Szenegeschichte besteht und entsteht.

A-Gen 53 © Michael Snoj

Underground und Kommerz

Dann kommt die Linzer Szene mit Willi Warma und den »Stahlstadtkindern«, einem lokalen Hit, dem sich der ORF konsequent verweigert. Mitte Februar 1982 folgt »Keine Nacht für niemand« – Blümchen Blau ist hier die Band der Stunde. Doch der kommerzielle Erfolg wird vom Underground kritisch beobachtet und misstrauisch verfolgt; Götz Schrage wird gar als »Hure der Plattenindustrie« bezeichnet. Und genau hier zeigt sich auch eines der großen Themen dieses Buches: Was passiert mit einer Gegenkultur, wenn sie plötzlich kommerziell wird? Denn die Arena wird größer und mit ihr wächst der ewige Spagat zwischen Selbstverwaltung und kommerzieller Veranstaltung. 

Zum ersten Mal so richtig voll wird die Arena im Mai 1982 beim Open Air mit Wolfgang Ambros und der Begleitband Die No. 1 vom Wienerwald. Von da an wird der Spagat immer schwieriger: Die Arena muss professioneller werden, um bestehen zu können, darf aber nicht so professionell werden, dass sie den ihr eigenen Charakter verliert. 1983, bei einem Konzert von Black Flag, wird dieser Konflikt auf brutale Weise sichtbar: Polizeieinsatz, Zusammenstöße mit Skinheads und die Erinnerung von Mike Watt: »Wir konnten es nicht glauben. Wir wurden mit gebrauchten Kondomen, Bechern voll Pisse, Säcken voll Kotze und Kot beworfen.« Im selben Jahr geben Laibach ihr erstes Konzert. Bei der legendären GaGa Razzia werden »14 Leute und 1 Hund« verhaftet. 

1985 brennt bei den Einstürzenden Neubauten die Bühne, nachdem FM Einheit eine Schüssel brennender Flüssigkeit angezündet hat; während das Arena-Team mit Feuerlöschern anrückt, spielen die Neubauten »Abfackeln«. Man könnte solche Geschichten als Rock’n’Roll-Kuriositäten abtun. Aber Oistric versteht, dass sie viel mehr erzählen: In der Arena überschreiten Dinge immer wieder einmal ihre vorgesehene Funktion, um es einmal so auszudrücken. Ein Konzert wird zum Happening, ein Happening zu einem Sicherheitsproblem, das Sicherheitsproblem zur Legende. 

1988 wird die Kleine Halle eröffnet, im selben Jahr werden die Häuser in der Aegidigasse und Spalowskigasse geräumt, zahlreiche Solidaritätskonzerte folgen. 1989 spielt Billy Bragg sein einziges Arena-Konzert, 1990 sorgt ein Kabelbrand im U4 dafür, dass UK Subs, Faith No More und Giant Sand kurzerhand in Erdberg landen. Und dann, irgendwann um drei Uhr früh im April 1990, geben Attwenger ihr Debüt vor gerade einmal 15 bis 20 Leuten. »Von Fassungslosigkeit bis hin zu echt super waren alle Reaktionen dabei«, meint HP Falkner zu diesem Gig. Und ein Typ, mit dem sie sich das Taxi teilten, meinte unentwegt: »Des wird nix«. Eine dieser wunderbaren kleinen Szenen, in denen Kulturgeschichte entsteht, lange bevor jemand weiß, dass es Kulturgeschichte werden wird.

Beatsteaks © Diana Horst

Fußballspielen mit Nirvana

Im November 1991 kommen Nirvana. »Nevermind« ist bereits erschienen, aber die Uhren damals tickten noch langsamer. »Vor dem Konzert haben unsere Jungs von der Arena-Crew noch draußen auf der Wiese gegen die Jungs von Nirvana Fußball gespielt«, erzählt Vio Seidel. Kurz darauf kommt der große Durchbruch. Schöner kann man die Gleichzeitigkeit von Popkultur und großer Geschichte kaum erzählen. Die Band, die wenige Monate später mit Kurt Cobain zur globalen Ikone wird, steht einfach auf einer Wiese in Erdberg und kickt mit der Crew. 1992 folgt Sepultura: »Die Halle war komplett ausverkauft, und das war damals für diese Art von hartem Metal noch sehr untypisch«, erzählt Alex Wank. Type O Negative dürfen dagegen nicht spielen, was Peter Steele lakonisch mit einem »Geht’s alle scheißen« kommentierte. 

Anfang der 1990er-Jahre starten die Konzerte im Arena Beisl. Das Beisl sollte zu einem der wichtigsten niederschwelligen Zentren der lokalen Subkultur werden, einem Raum für Bands, die noch keine Namen sind. Gleichzeitig treffen in der Arena immer mehr Szenen aufeinander: Punk, Metal, HipHop, Skatepunk und später elektronische Musik wie Techno. Spiral Tribe und Electric Indigo gehören ebenso in diese Geschichte wie Napalm Death, deren Sänger Barney Greenway die Arena als eine Art »zweites Zuhause« bezeichnet. Und dann sind da natürlich auch die ganz großen Namen. Leonard Cohen soll eines Nachts zu einer Mitternachtseinlage gekommen sein; ob er nur kurzerhand in ein Taxi verfrachtet oder vom Flughafen direkt in die Arena »entführt« wurde, lässt sich nicht mehr ganz klären. Seine Meinung über die Location aber ist überliefert: »Best place in Vienna, best place in Europe, best place in the world.« 

Iggy Pop © Matthias Hornbauer

»Dirty venue«

Patti Smith formulierte es nicht weniger deutlich: »Es war einfach Liebe auf den ersten Blick.« Iggy Pop wiederum soll anfangs etwas zurückhaltend gewesen sein, bevor er sich »Drüben im Dritten« so wohl fühlte, dass die Arena-Crew Überstunden schieben musste, weil er noch ein paar Flascherl Wein zwitschern wollte. Und Robbie Williams wollte 1997 ausdrücklich in einer »dirty venue« spielen – also natürlich der Arena. Die einstige Gegenkultur war inzwischen so legendär geworden, dass Popstars den »Schmutz« der Arena geradezu als Authentizitätsversprechen einforderten. Was früher Notwendigkeit gewesen war, wurde zum Image. Was aus Mangel entstanden war, wurde begehrt. Die Pointe: Das Konzert war nicht einmal ausverkauft, was ihn wohl selbst erstaunt haben dürfte. Auch die Skatepunk-Ära gehörte zu diesem Entwicklungsprozess. Die Deconstruction-Touren brachten eine ganze Szene in der Arena zusammen, die Beatsteaks wurden zu einem wichtigen Teil dieser Geschichte. Bei ihrem letzten Auftritt war der Open-Air-Bereich bereits zum fünften Mal ausverkauft. 

2004 wird die neue Große Halle eröffnet. Die Arena wächst, professionalisiert sich und wird auch für große internationale Acts immer attraktiver. Eine der zentralen Fragen in Oistrics Buch lautet: Was geschieht mit einem Ort der Gegenkultur, wenn er selbst zur Institution geworden ist? Die Arena muss Geld verdienen und gleichzeitig Freiraum bleiben, internationale Stars beherbergen und zugleich jener Ort sein, an dem jemand mit einer Gitarre und ein paar Friends das erste Mal auf einer Bühne steht. Sie muss Sicherheitsbestimmungen, Behördenauflagen und wirtschaftliche Realitäten bewältigen und dennoch etwas von der anarchischen Energie ihrer Herkunft bewahren. Dass dieser Balanceakt seit 50 Jahren funktioniert, ist vielleicht das eigentliche Wunder. 

Dazu gehört auch die Fähigkeit der Arena, sich immer wieder neu zu erfinden. Es gibt den Arena-Ball, Ritter-, Gallier- und Wikingerfeste. Es gibt Raves und Kinderveranstaltungen, lokale Bands und internationale Stars. Die Arena ist dennoch – zum Glück – kein Museum der Subkultur, sondern ihr lebendiger Motor. Und gerade deshalb darf man sie auch nicht auf ihre berühmtesten Konzerte reduzieren. Das wird spätestens am 9. März 2020 sichtbar, als Faber das letzte ausverkaufte Konzert vor der Pandemie spielt. Plötzlich steht ein Ort, der von Begegnung lebt, still. Doch die Arena wird auch in Zeiten von Social Distancing wieder zum gesellschaftlichen Raum, etwa bei der Impfaktion von Turbobier mit Dominik Wlazny in der Großen Halle. Auch das gehört in die Geschichte: Die Arena verändert sich stetig, ohne ihren Kern aufzugeben.

Claus Oistric © Janne Karvinen

Das andere Wien

»Drüben im Dritten« ist eine wunderbare Geschichte über dieses andere Wien, nicht das Wien der imperialen Fassaden, der Kaffeehaus-Nostalgie oder der touristischen Selbstinszenierung als Kulturstadt. Sondern eine Geschichte über ein Wien aus Hinterhöfen, Industriebrachen, Proberäumen, besetzten Häusern. Die Arena liegt geografisch im dritten Bezirk, kulturell aber tatsächlich drüben – auf der anderen Seite der offiziellen Stadtgeschichte. Claus Oistric erzählt davon mit Stimmen, Fakten, Widersprüchen und einer beträchtlichen Portion Punk.

Das Buch selbst ist ein Fundus für sich: Zwischen den Texten entfaltet sich eine visuelle Spurensuche aus Fotografien, Flyern, Eintrittskarten und Eventplakaten – visuelle Spuren aus fünf Jahrzehnten, die den Erinnerungen Gesichter und den Geschichten historisches Zeugnis schenken. Ein beeindruckendes Archiv, das die Arena nicht nur beschreibt, sondern in gewisser Weise geschichtlich wieder auferstehen lässt. Fünfzig Jahre nach der Besetzung ist der Schlachthof längst verschwunden. Viele der Bands sind Geschichte, manche der Held*innen sind Legenden geworden. Und die Arena ist immer noch. Sie hat den Punk überlebt, ohne ihn zu verleugnen, den Kommerz, ohne sich ihm vollständig auszuliefern, und die Institutionalisierung, ohne ganz Institution zu werden. Die Arena ist Vielfalt, Solidarität und Kultur, die tatsächlich gelebt wird. Drüben im Dritten. Seit fünfzig Jahren.

Save the date für die Buchpräsentationen: 9. Oktober 2026 ab 18:30 Uhr in der Arena bei freiem Eintritt und mit musikalischem Support von The Kids, Baits und Bad Weed und 13. Oktober 2026 ab 18:30 Uhr im Wien Museum Karlsplatz – Anmeldung erforderlich.

Claus Oistric: »Drüben im Dritten. Arena Wien – 50 Jahre Musik, Protest & Subkultur«, Glitzer & Grind, Hardcover, 312 Seiten, € 25,00
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