© Audrey Amaro auf Unsplash
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Der große Gleichmacher

Was treibt die reichsten Menschen der Welt an – und wovor fürchten sie sich? In »Überreichtum und Todesangst« zeigt Martin Schürz, wie Geld, Macht und der Wunsch nach Unsterblichkeit zusammenhängen – und warum das Streben nach Gottähnlichkeit zur Gefahr für die Demokratie werden kann.

Was geschieht, wenn Geld irgendwann keine Grenzen mehr kennt – der menschliche Körper aber wohl? Genau an diesem Widerspruch setzt Martin Schürz’ Auseinandersetzung mit der Welt der Überreichen an. Für die Tech-Elite scheint vieles käuflich: politische Einflussnahme, medizinische Spitzenversorgung, Zugang zu den besten Technologien und ein Leben in weitgehender Unabhängigkeit von den Zwängen, denen die Mehrheit der Menschen unterliegt. Eine Grenze jedoch bleibt bestehen: der Tod. 

Gerade deshalb ist die Beschäftigung mit der Unsterblichkeit bei manchen Tech-Milliardären mehr als eine skurrile Marotte exzentrischer Überreicher. Sie verweist auf ein Weltbild, in dem Grenzen grundsätzlich als technische Probleme erscheinen, die sich mit genügend Kapital, Forschung und Unternehmergeist überwinden lassen. Aus der Frage, wie lange ein Mensch leben kann, wird so die viel größere Frage, ob der Mensch überhaupt noch akzeptieren muss, sterblich zu sein. 

Sehr spannend stellt Martin Schürz in seinem Buch »Überreichtum und Todesangst« (Campus Verlag 2026) die einzelnen Unsterblichkeitsstrategien der Reichen dar – als Lebensstrategie, um beispielsweise als Held in die Geschichte einzugehen und postmortale Anerkennung zu erhalten; als Anhäufung von Privateigentum nach der Leitidee von Karl Marx, »Akkumuliert! Akkumuliert!«, oder als Selbstdefinition über das eigene Vermögen in einer Art Sinnstiftung, denn Häuser, Autos und Grundstücke bleiben über den Tod hinaus bestehen und fungieren quasi als Verlängerung der Persönlichkeit. 

Eine Grenze, die für alle gilt

Für die reichsten Menschen der Welt existieren kaum noch Hindernisse. Wo andere auf staatliche Vorschriften, finanzielle Limits oder gesellschaftliche Abhängigkeiten stoßen, können Überreiche ihre Möglichkeiten durch Kapital erheblich erweitern. Der Tod allerdings lässt sich nicht einfach wegverhandeln oder wegkaufen. Er setzt eine Grenze, die für alle gilt. Gerade darin liegt seine besondere Bedeutung. 

Philippe Ariès beschrieb den Tod als eine der großen gemeinsamen Erfahrungen der Menschheit: Wir sterben alle. Der Tod macht zumindest in diesem einen Punkt alle Menschen gleich. Für einen Teil der heutigen Tech-Elite scheint diese Gleichheit jedoch weniger tröstlich als beleidigend und beschämend. Peter Thiel etwa betrachtet Staat, Kollektiv und Tod als seine drei größten Feinde. Allen dreien gemeinsam ist: Sie begrenzen! Thiel gibt deshalb enorme Summen für Forschung zur Abschaffung des Todes aus. Als visionäre Gestalter der Zukunft wünschen sich Tech-Milliardäre nicht nur mehr Vermögen und Macht, sondern ihre eigene Unsterblichkeit und stilisieren sich damit zu den neuen Göttern.

Während Elias Canetti einst die Unsterblichkeit als Hoffnung für alle Menschen dachte, erscheint sie bei manchen Tech-Milliardären heute eher als persönliches Projekt: Nicht die Menschheit soll den Tod überwinden, sondern zunächst einmal das eigene Ich. Darin steckt ein bemerkenswerter Wandel. Die alte Utopie der Unsterblichkeit war eine Hoffnung auf Erlösung; die neue Utopie versteht sie zunehmend als technisches Optimierungsproblem. Was früher Religion, Mythos oder Philosophie beschäftigte, sollen nun Biotechnologie, künstliche Intelligenz und medizinische Forschung lösen. 

Das Geschäft mit der Ewigkeit

Ohnmacht wird in diesen Kreisen nicht unbedingt als etwas hingenommen, das zum menschlichen Leben gehört. Sie wird zum Problem, das (technologisch) gelöst werden muss. Manès Sperber prägte dafür den treffenden Begriff der »aggressiven Angst«: Die (Todes-)Angst wird nicht passiv ertragen, sondern in einen Drang nach Kontrolle und Beherrschung verwandelt. Gerade bei Menschen, die es gewohnt sind, Hindernisse mit Geld, Technologie und unternehmerischer Energie zu überwinden, bekommt diese Haltung eine besondere Dynamik. Wenn nahezu jedes Problem als lösbar erscheint, wird auch die eigene Sterblichkeit zum letzten großen Projekt. 

Douglas Rushkoffs Beobachtung, »Je mehr Milliarden der Milliardär besitzt, desto größer wird seine Furcht«, wirkt vor diesem Hintergrund besonders paradox. Eigentlich müsste unermesslicher Reichtum Sicherheit schaffen. Stattdessen kann er die Angst vor dem Verlust des Erreichten sogar verstärken. Larry Ellison, ein Vorreiter der Langlebigkeitsindustrie, empfindet unsere Sterblichkeit als »unverständlich«. Das bringt es sehr gut auf den Punkt: Nicht der Mensch muss sich mit seiner Endlichkeit arrangieren – die Endlichkeit selbst wird zum Fehler, zum Problem, das gelöst werden muss. Aus der Angst vor dem Tod entsteht eine Industrie, die mit der Hoffnung auf Ewigkeit handelt.

Philanthropie-Kapitalismus

Doch es geht nicht nur um die Überwindung biologischer Grenzen. Auch gesellschaftliche und politische Grenzen werden durch das enorme Vermögen der Überreichen zunehmend verschiebbar. Ein Ausdruck dafür ist der sogenannte Philanthropie-Kapitalismus. Stiftungen und Initiativen wie der Giving Pledge von Bill Gates und Warren Buffett vermitteln das Bild eines verantwortungsbewussten Umgangs mit Reichtum. Zweifellos kann philanthropisches Engagement gesellschaftlich viel bewirken. Gleichzeitig stellt sich aber die demokratische Frage, warum einzelne Privatpersonen überhaupt über derart enorme Ressourcen verfügen, dass sie selbst entscheiden können, welche Probleme einer Gesellschaft Aufmerksamkeit und Geld erhalten. Bzw. was daran philanthropisch ist, wenn damit eigentlich nur das eigene Vermögen gesteigert wird. 

Philanthropie-Kapitalismus dient insbesondere dem eigenen Image, die Überreichen präsentieren sich damit als »edel, hilfreich und gut« und polieren ihr Image im System »gute versus böse Reiche« auf. Wenn Mark Zuckerberg ankündigt, 99 Prozent seines Vermögens zur »Entwicklung des menschlichen Potenzials« zu spenden, dann darf nicht vergessen werden, dass er diesen Betrag ganz einfach nur in seine eigene, neu gegründete »Limited Liability Company« transferiert hat. Das zeigt beispielhaft, wie man sich mit Eigenkapital noch mehr bereichert. Vermögende Wohltäter bleiben reich oder werden noch reicher. Sehr passend auch Bill Gates’ Interview in der »Süddeutschen Zeitung«, wo er sich mehr als »Entwicklungshelfer« denn als Unternehmer sieht. Der großzügige Spender versteht sich als Teil von etwas Größerem und die Spende gibt ihm das Gefühl, sein Leben habe einen Sinn. 

Martin Schürz weist auch auf einen weiteren entscheidenden Punkt hin: Eine gerechte Gesellschaft lässt sich nicht dadurch herstellen, dass die Reichsten freiwillig einen Teil ihres Vermögens spenden. Philanthropie kann soziale Verantwortung nicht ersetzen. Demokratie braucht verbindliche Regeln, Besteuerung und Grenzen für wirtschaftliche Macht. Denn Großzügigkeit ist etwas anderes als Gerechtigkeit. Wer über riesige Vermögen verfügt, kann großzügig sein – und gleichzeitig ein System aufrechterhalten, das diese Vermögen überhaupt erst ermöglicht.

Gottgleich und unsterblich

Besonders deutlich zeigt sich die Logik des Überreichtums auch in der boomenden, florierenden Longevity-Industrie. Genetische Screenings von Embryonen, um nachteilige Charakterzüge auszumerzen, den IQ zu steigern und gewünschte Eigenschaften zu optimieren, machen Reiche nicht nur reicher, sondern kognitiv stärker und gesünder. Sehr klar hat das Sean Parker definiert: »Weil ich ein Milliardär bin, werde ich Zugang zu besserer Gesundheitsversorgung haben. Ich werde ungefähr 160 Jahre alt werden, und ich werde so zu einer Art Klasse unsterblicher Herrscher.« Tech-Milliardäre streben danach, zu Letztinstanzen beim Altern und Tod zu werden. 

»Reiche Menschen leben länger«, behauptet auch Hims & Hers, ein Online-Medikamentenhändler, in einem Werbespot beim Super Bowl Finale. Ratgeber wie »How Not to Age« geben Empfehlungen zur Verlängerung der Lebenszeit und suggerieren damit eine Art Beherrschung des Alterns. Die Vorstellung dahinter ist natürlich verführerisch: Altern erscheint nicht mehr als natürlicher Prozess, sondern als eine Art Krankheit, die sich mit Geld, Wissen und Selbstoptimierung behandeln lässt. Die Digital Afterlive Industry wiederum, darunter z. B. You, only virtual, ermöglicht eine Art digitale Unsterblichkeit – KI-Avatare als eine Art Trostversion. 

Noch radikaler ist Kryokonservierung. Für entsprechend hohe Summen lassen sich Körper nach dem Tod konservieren, in der Hoffnung, dass zukünftige Technologien eine Wiederbelebung ermöglichen könnten. Interessant dabei: Man kann zwischen Ganzkörpereinlagerung und Einlagerung nur des Gehirns bzw. des Kopfes wählen. 

Eine Frage des Geldes?

Wenn Langlebigkeit eine Frage des Geldes wird, droht aus der sozialen Ungleichheit eine biologische Ungleichheit zu werden. Dann hätten die Reichen nicht nur größere Häuser, bessere medizinische Versorgung oder mehr politischen Einfluss – sie könnten möglicherweise auch länger leben als der Rest der Gesellschaft. Gerade deshalb ist die Verbindung von Überreichtum und Unsterblichkeitsfantasie mehr als eine kuriose Randerscheinung der Tech-Welt. Sie offenbart eine Haltung, in der menschliche Grenzen grundsätzlich als Zumutung erscheinen. 

Wer es gewohnt ist, mit genügend Kapital fast jedes Hindernis zu überwinden, kommt, so scheint es, unweigerlich auf die Allmachtsfantasie, dass sich auch Alter, Krankheit und Tod besiegen lassen müssten. Die eigentliche Gefahr liegt dabei nicht darin, dass Menschen möglichst lange leben möchten. Der Wunsch nach einem längeren und gesünderen Leben ist zutiefst menschlich. Problematisch wird es dort, wo aus diesem Wunsch ein gesellschaftliches Herrschaftsprojekt wird – und wo diejenigen mit den größten finanziellen Möglichkeiten auch darüber bestimmen können, welche Zukunft für alle anderen denkbar und erreichbar ist. Die perfekte Welt für die Überreichen: Sklaven und Tech-Herren. 

Überreichtum wäre damit nicht mehr nur ein Zuviel an Geld. Er wäre der Versuch, sich aus der gemeinsamen menschlichen Welt herauszukaufen: aus den Regeln des Staates, aus der Abhängigkeit vom Kollektiv und am Ende sogar aus der elementarsten Bedingung menschlicher Existenz – der eigenen Sterblichkeit. Wo Vermögen nicht mehr nur Sicherheit und Freiheit ermöglicht, sondern zum Instrument wird, Grenzen außer Kraft zu setzen, verwandelt sich Reichtum in einen Anspruch auf Sonderexistenz. 

Nicht alles ist käuflich

Die entscheidende Gegenposition lautet deshalb nicht Technikfeindlichkeit, sondern demokratische Begrenzung. Wenn die Zukunft des Menschen tatsächlich gestaltet werden kann, darf sie nicht zum exklusiven Privatprojekt einiger Milliardäre werden. Überreichtum muss beendet werden, denn er bedroht nicht nur die Demokratie, sondern schwächt auch die Solidarität in der Gesellschaft. Eine emanzipatorische Politik muss die Überreichen in die Pflicht für das Gemeinwesen nehmen. 

Am Ende führt die Frage nach der Unsterblichkeit deshalb zurück zu einer sehr menschlichen Erfahrung: zur Einsicht, dass es Grenzen gibt, die sich nicht kaufen lassen. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Herausforderung des Überreichtums. Wer glaubt, mit genügend Geld jede Grenze verschieben zu können, verliert leicht aus dem Blick, dass Freiheit nicht darin besteht, von allen anderen unabhängig zu werden. Freiheit braucht eine Gesellschaft, in der auch die Mächtigen Regeln unterliegen und in der niemand das Recht erwerben kann, über die gemeinsame Zukunft allein zu bestimmen. Der Tod bleibt der große Gleichmacher. Die Demokratie sollte es auch sein.

Martin Schürz: »Überreichtum und Todesangst. Der Griff der Tech-Milliardäre nach Unsterblichkeit. Ein Essay«, Campus Verlag, August 2026, 232 Seiten, € 28,00

Link: https://campus.de/wissenschaft/soziologie/ueberreichtum-und-todesangst/CAM52007

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