Wo beginnt Grausamkeit? Wann verändert sich eine Gesellschaft so weit, dass das Grausame nicht mehr als grausam empfunden wird? Robert Misiks »Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des neuen Faschismus« (Suhrkamp, 2026) ist kein Buch, das den Faschismus bequem auf der anderen Seite verortet, bei den Extremist*innen, den Radikalen, den politischen Rändern. Misik interessiert sich vielmehr für das Vorfeld, all das, was schon lange vorher beginnt: für die Prozesse, durch die Menschen empfänglich werden für Verachtung, Ressentiment und autoritäre Erlösungsversprechen. Er fragt nicht nur, warum Menschen rechts wählen oder warum autoritäre Bewegungen so erfolgreich sind. Er fragt nach dem Fundamentalen: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn diese sich Schritt für Schritt an Grausamkeit gewöhnt? Was passiert mit Menschen, wenn Demütigung, Feindseligkeit und Rücksichtslosigkeit im Alltag zur Normalität werden?
Wenn Empörung zur Methode wird
Der Journalist und Autor Robert Misik versteht Faschismus als schleichende Transformation unserer Wahrnehmung und unserer Gefühle. Menschen werden nicht als Fanatiker*innen geboren, sie werden, wie seine Argumentation nahelegt, durch Wiederholung, Gewöhnung und soziale Bestätigung dazu geformt. Was anfänglich noch als Grenzüberschreitung erscheint, wird durch seine permanente Wiederholung normal. Hass darf plötzlich ausgesprochen werden, wird geteilt, verstärkt und schließlich als gemeinschaftsstiftendes Erlebnis erfahren. Der Autor zeigt klar auf, dass Charakter keine statische Eigenschaft ist – er kann vielmehr verstärkt, geübt und sozial belohnt werden. Die Veränderung beginnt klein und unscheinbar im Alltag: in der Sprache, in den kleinen Verschiebungen dessen, worüber man lachen darf. Im Übergang von Empörung hin zu Gewöhnung bzw. Gleichgültigkeit. »Die Grenze des Sagbaren muss immer wieder mit kleinen Verstößen erweitert werden«, wie es Björn Höcke von der AfD unmissverständlich zum Ausdruck bringt.
Hier knüpft Misik an jene politische Psychologie der Frankfurter Schule an, die Faschismus niemals als bloßes politisches Programm verstanden hat, sondern als psychische Dynamik. Theodor W. Adorno, Erich Fromm, und insbesondere Leo Löwenthal interessierten sich für die psychische Struktur des autoritären Menschen, seine Ängste, seine Aggressionen, seine Kränkungen und seine Sehnsucht nach Ordnung und Zugehörigkeit. Besonders Leo Löwenthals Überlegungen zur autoritären Agitation erweisen sich dabei als erstaunlich – oder beunruhigend – gegenwartsnah. Autoritäre Propaganda, so fasst Misik dies zusammen, heilt weder Neurosen noch Ängste noch Kränkungen. Im Gegenteil: Sie nährt sie, füttert sie, verstärkt sie. Sie gibt einer Verunsicherung Verantwortliche und einer Aggression ein Ziel.
Agitation verstärkt das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, nicht gesehen, nicht respektiert oder von »anonymen Eliten/Mächten« betrogen worden zu sein. Sie verwandelt diffuse Unzufriedenheit in konkrete Feindbilder. Genau darin liegt eine der großen Gefahren: Autoritäre Politik bietet keine Lösung für die Kränkung an, im Gegenteil, sie sorgt dafür, dass die Kränkung gehegt, bestätigt, politisch aufgeladen und schließlich Teil einer Identität wird. Das Versprechen lautet nicht: Wir lösen deine Probleme. Sondern: Wir zeigen dir, wer schuld ist. Theodor W. Adorno brachte es schon vor Jahrzehnten auf den Punkt: »Die sogenannte Psychologie des Faschismus wird weitgehend manipulativ erzeugt.«
Die emsigen Redakteure des Zorns
Auf den digitalen Plattformen unserer Gegenwart findet diese Dynamik ihre Beschleuniger. Facebook, Instagram, TikTok oder X sind Öffentlichkeiten, deren Logik einzig und allein auf Aufmerksamkeit, Shitstorms und öffentlicher Erregung beruht. Robert Misiks Begriff von der »emotionalen Technologie« trifft hier einen entscheidenden Punkt: Die neuen Medien verbreiten nicht bloß Affekte, sie steuern sie. Furor und Affekt produzieren Reichweite, Reichweite erzeugt Sichtbarkeit, und Sichtbarkeit wiederum vermittelt den Eindruck gesellschaftlicher Bedeutsamkeit. Die Verbitterung steigt und auch die Freude und Lust an der Gemeinheit. Julia Ebner nennt soziale Medien sehr treffend »Radikalisierungsmaschinen«.
Das hat natürlich Folgen für die politische Wahrnehmung. Was ständig wiederholt wird, gewinnt an Scheinevidenz bzw. Realität. Was in vielen Varianten, aus unterschiedlichen Richtungen und von scheinbar unabhängigen Stimmen immer wiederkehrt, erscheint irgendwann nicht mehr als Behauptung, sondern als Wahrheit. Das Vernünftige, Rationale, Sachliche hat es nicht deshalb schwer, weil es falsch wäre, sondern weil es schlicht und einfach weniger Aufmerksamkeit generiert.
Was Misik beschreibt, ist nicht bloß der Aufstieg einer politischen Bewegung, sondern die Herausbildung eines bestimmten Menschentyps. Hannah Arendts Einsicht, dass totalitäre Bewegungen Menschen nicht nur beherrschen, sondern verändern wollen, bekommt hier eine neue Aktualität. Autoritäre Politik zielt nicht nur auf das Verhalten des Menschen. Sie greift tiefer: Sie verändert unsere Wahrnehmung, unsere Beziehungen, unsere Vorstellungen von Zugehörigkeit und schließlich unsere Fähigkeit zur Empathie.
Kultivierung des Nach-Unten-Tretens
Der neue Faschismus muss dabei nicht einmal überall sichtbar als Faschismus auftreten. Er kann sich zunächst als Zynismus zeigen, als Lust an der Grenzüberschreitung, als demonstrative Rücksichtslosigkeit, als Verachtung dessen, was als »politisch korrekt« gilt. Gerade deshalb ist die Veränderung so schwer zu erkennen. Denn Grausamkeit tritt selten offen als Grausamkeit auf. Sie kommt als Witz, als Provokation, als Tabubruch, als vermeintliche Ironie daher. Eine der beunruhigendsten Thesen des Buches ist deshalb die von der Kolonisierung des Alltags. Rechtsextreme und autoritäre Weltbilder verbreiten sich nicht nur über Parteien, Wahlprogramme oder politische Reden. Sie sickern ein in Nachbarschaften, Freundeskreise, Vereine, Familien und WhatsApp-Gruppen. Dort verändern sie das soziale Klima. »Ideologien verbreiten sich wie Infektionen«, schrieb Mason Youngblood.
Was zunächst noch als Tabubruch gilt, wird irgendwann zum Normalfall. Der Widerspruch wird seltener, das Schweigen häufiger. Und mit jedem Mal, da eine Äußerung unwidersprochen bleibt, verschiebt sich ein kleines Stück weit die Grenze des Sagbaren. Die Atmosphäre verändert sich, lange bevor sich die politischen Verhältnisse vollständig verändert haben. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey beschreiben in ihrem Buch »Zerstörungslust« (Suhrkamp, 2025) – von Robert Misik treffend zitiert – wie sich damit »eine Destruktivität verbreitet, die lustvolle Grausamkeit und das Nach-Unten-Treten kultiviert.«
Erst infiziert, dann radikalisiert
»Nicht die Realität radikalisiert, sondern die Inszenierung von Realität«, schreibt Robert Misik – und diese Inszenierung hat eine klare Strategie: Angst schüren, Schrecken verbreiten, den Eindruck erzeugen, als würden wir in einer Welt voll Mord und Totschlag leben und als wäre jeder Gang nach draußen mit Lebensgefahr verbunden. Man nehme nur die Schlagzeile der »Kronen Zeitung« vom 24. August 2026: »Terroristen, Menschenhändler und Co. – 1500 Gefährder an der EU-Grenze gestoppt«. Durch die ständige Wiederholung von Narrativen wie »undankbare Flüchtlinge, mordende Migranten, niederträchtige Feinde« entwickelt sich schlussendlich ein »Erregungs- und Ressentiment-Mensch«, so Misik – ein Mensch, der seine Wut nicht mehr als Affekt erlebt, sondern als Wahrheit.
Cynthia Fleury beschreibt Ressentiment als »massive negative Energie«, die den Menschen in einen Charakter voller Starrsinn, Rachegelüste, Feindseligkeit und Arroganz verwandelt. Der Einzelne wäre womöglich zögerlicher, schambehafteter, vorsichtiger. Die Gruppe, die Masse nimmt ihm diese Skrupel und legitimiert Aggression. Robert Misiks Buch ist eine ebenso brillante wie beunruhigende Diagnose der Gegenwart. Es führt eindringlich vor Augen: Die Verrohung beginnt nicht am Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin. Die Dämme der Zivilisation bröckeln nicht plötzlich – sie werden abgetragen. Wort für Wort. Stück für Stück. Tabubruch um Tabubruch.

Link: https://www.suhrkamp.de/buch/robert-misik-erziehung-zur-grausamkeit-t-9783518128428











