Tex Rubinowitz © Wolfgang H. Wögerer, Wien, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Tex Rubinowitz © Wolfgang H. Wögerer, Wien, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Unterhaltsamer Wahnsinn

Zwischen Hollywood-Gossip, filmhistorischen Seitenwegen und hanebüchenen Verwandtschaftsverhältnissen entfesselt Tex Rubinowitz in »Little Woody Allen« (Ventil Verlag) ein literarisches Verwirrspiel, in dem die Wirklichkeit bald nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Skurril und urkomisch!

Kein Genre trägt seine Verheißung so offen zur Schau wie die Biografie: Aus einem Leben soll eine Geschichte werden, aus verstreuten Fakten ein Zusammenhang, am Ende ein runder, womöglich sogar erhellender Bogen. Tex Rubinowitz – in Hannover geboren, »Falter«-Cartoonist und Bachmann-Preisträger 2014 – hat in »Little Woody Allen« (erschienen im September im Ventil Verlag, wo es am Cover als »unzuverlässige Erzählung« firmiert) eine Biografie vorgelegt, die dieses Versprechen mit einem Grinsen erfüllt und dabei ad absurdum führt. Das Buch behauptet, genau jenes fehlende Werk zu sein, das zum 90. Geburtstag Woody Allens hätte erscheinen müssen: die aktualisierte Lebensbeschreibung, die das Gesamtwerk »angesichts der aktuellen, nie ganz geklärten Missbrauchsvorwürfe« neu kalibriert – »eine Art letzter Schlüssel zu seinem Gesamtwerk«, wie es sein Lektor Dr. Gärtner nennt, jene Figur, die man ja schon von Dirk Stermann und Stefanie Sargnagel kennt.

Man beachte: Der Erzähler, dem diese Biografie anvertraut wird, gesteht, dass er sich nicht einmal für Woody Allen interessiert. Allen langweile ihn »auf eine distinktive Art«, der Regisseur sähe inzwischen aus »wie eine alterslose KI-Version seiner selbst, als röche sein Atem nach Torf und hieße eigentlich Bernie Dinkel«. Was folgt, ist keine Annäherung an einen Menschen, sondern eine Aufkündigung des Vertrags, den Leserin und Biograf üblicherweise schließen: Vertrauensvorschuss gegen Lebensordnung. Rubinowitz kündigt. Und zwar rückwirkend. Und sabotiert dabei genüsslich alles, was eine herkömmliche Biografie tunlichst vermeiden würde: abschweifen, verdrehen, übertreiben, entgleisen, spekulieren. Wo Woody Allens Spätwerk nur noch müde Fellini-Gesten und ironische Disney-Versionen europäischer Meister liefert – gleichsam Herbstsonate mit Kater Karlo und Inspektor Issel für ein überaltertes Publikum subventionierter Kulturnationen –, kontert Rubinowitz mit kompromissloser Dekonstruktion: Im Buch plant der alternde Regisseur seinen letzten Film, die Verfilmung von Eckhard Henscheids »Die Vollidioten«, selbstredend in Itzehoe – und scheitert. Das Ergebnis: Ein literarischer Höllenritt durch eine völlig absurde Assoziationsmaschine. 

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Sofort beim Einstieg findet man sich in einem Strom wieder, in dem sich Wissensbruchstücke, Anekdote und pure Fabulation zu einer Art verbogener Filmgeschichte verketten. Da beauftragt Frank Sinatra seine »Geschäftsfreunde«, Roman Polański, dem Regisseur von »Rosemary’s Baby«, die Beine zu brechen, trifft ihn dann aber zufällig bei der Premiere von »Conan der Barbar« und stellt voller Sympathie fest, der kleine Pole sei »a real rascal«, ein richtiger Schlingel. Da erfährt man, dass Sinatra Mia Farrow nicht als seine Partnerin, sondern als »geschlechtsneutrales Spielzeug« betrachtete, Kosewort »Kamel«, und dass Vidal Sassoon den berühmten Haarschnitt zwischen zwei Szenen »wie ein schielender Landschaftsgärtner« vornahm, weil er nur 2 Dollar 50 dafür bekam. Das alles wird nicht als Gag serviert, sondern mit dem spröden Ernst jenes Erzähltons, mit dem seriöse Biografien ihre Fußnoten auslegen. Kitty Kelley wird zitiert, die »Cahiers du Cinéma« von 1987, die »New York Post« – ein ganzes Kulissentheater aus Quellenapparat, das Faktizität simuliert, während es sie produziert. Sogar die störenden Einsprengsel des Alltags – der gedankliche Abstecher zum Flughafenbus etwa oder ein Kantorenkonzert im Stadttempel – fügen sich wie unfreiwillige Werbeunterbrechungen in diesen Strudel ein. Was für eine Erzählung und vor allem was für ein Vergnügen, ihr auf den Leim zu gehen!

Der Höhepunkt dieser Methode ist ein Kapitel, das den Buchtitel geradezu sinnbildlich begründet: »Ronan statt Conan«. Frank Sinatra, so die Story, habe verlangt, dass der gemeinsame Sohn – gezeugt bei einem letzten Tête-à-Tête, das der Rückgabe eines Steiff-Kamels vorausging – Conan heißen solle, zur Erinnerung an die harmonische Premiere. Mia Farrow, »auf dem linken Ohr taub wie eine Ameise«, trickst ihn aus und tauft den Sohn Ronan, als »seufzende Referenz an Onkel Roman«. Und tatsächlich: Beim realen Ronan Farrow, geboren 1987, ging jahrelang das Gerücht um, Frank Sinatra könnte der Vater sein – Rubinowitz baut seine Fabulationen nie ins Leere, sondern schweißt sie nahtlos an überprüfbare Wirklichkeit. Später tauft der Erzähler Ronan Farrow auf den Namen Thorsten Bredow um, Anne-Sophie Mutter wird eine »ohnmächtige Trotznähe« zu ihm nachgesagt, und die Familie verheddert sich in ein Inzest- und Verkuppelungsgespinst, das alle Grenzen sprengt: »Hört auf zu spekulieren«, meint Thorsten/Ronan, »möglicherweise sind wir doch alle Söhne von Frank Sinatra. Sogar Soon-Yi.« Nur dass der Kern auch dieses Zitats real ist: Der echte Ronan Farrow twitterte 2013 tatsächlich, möglicherweise seien wir alle Söhne Sinatras – das »Sogar Soon-Yi« (Anm.: Adoptivtochter und spätere Ehefrau Woody Allens) ist Rubinowitz’ Zugabe.

Die Hand des Riesenaffen

Das eigentlich Verwirrende ist nicht die Absurdität dieser Konstruktionen, sondern ihre Verbindlichkeit. Der Verstand springt reflexartig an und versucht, auch hier noch System zu erkennen: Ja, Polański war tatsächlich übergriffig, ja, die Ehe zerbrach tatsächlich am Set von »Rosemary’s Baby«, ja, der Sohn heißt tatsächlich beinahe so wie ein Barbarenfilm. Rubinowitz nutzt genau dieses Ordnungsverlangen der Leser*innen als Antriebsmotor seines Buches – und führt es an seinen kaputtesten Abschweifungen vor. Etwa in der Abhandlung über das »King Kong«-Remake von 1976, in der in jedem der fünf Affenfinger, die Jessica Lange durch die Gegend tragen, »ein Italiener« steckt, weil die Hand in der Cinecittà gedreht wurde – fünf Komparsen, die später alle »auf nicht natürliche und umso spektakulärere Art« ums Leben kamen, weshalb die Frage nach einem metaphysischen Zusammenhang im Raum steht. Oder in der »Untersuchung der Cahiers du Cinéma 1987«, wonach Luxemburg und Tonga die eifrigsten Allen-Connaisseurs der Welt beherbergen, eine Statistik, die so absurd klingt, dass man sie fast glaubt – und die genau daran erkannt wird, dass man sie fast geglaubt hat.

»Little Woody Allen« ist also weniger eine Biografie im klassischen Sinn als ein literarisches Kuriositätenkabinett, in dem die Exponate ihre Beschriftungen vertauschen und die Besucher*innen irgendwann selbst Teil der Ausstellung werden. Selbst der Titel ist so ein Exponat: »Little Woody Allen« ist ein Song der Television Personalities von 1995, in dem ein kleiner Woody allein am Spielplatz sitzt, seine Schreibmaschine als größten Stolz betrachtet und Mia Farrow zum Traumgirl erklärt. Rubinowitz lässt uns zusehen, wie aus einem Namen eine Assoziation, aus einer Assoziation eine Theorie und aus einer Theorie ein völlig unhaltbares, aber höchst unterhaltsames Gedankengebäude wird. Am Ende liest man hier ohnehin weniger über den alternden Regisseur als eine brillante Autobiografie des freien Assoziierens – ganz in der Tradition jener Geistesgrößen, die auch in Herbie, dem »tollen Käfer«, mühelos eine Verwandlungserzählung nach Kafka zu erkennen vermögen. Man muss nicht jeder Abzweigung folgen wollen, um sich an der Fahrt zu erfreuen. Manchmal genügt es, dem Kontrollverlust dabei zuzusehen, wie er Form annimmt.

Das Ergebnis ist kein verlässlicher Wegweiser durch Leben und Werk eines Filmemachers. Es ist ein hanebüchener Ritt durch die kulturellen Hinterzimmer, in denen sich Fakten, Halbwissen, Gerüchte und frei flottierende Einfälle zu immer neuen, immer unwahrscheinlicheren Verbindungen zusammenfinden. Und irgendwo zwischen Hollywood, Luxemburg, Tonga und einer italienischen Affenhand stellt sich die Frage, ob das alles noch zusammenpasst. Die Antwort lautet: natürlich nicht. Aber wer hat eigentlich behauptet, dass es das müsste? Danke, Tex Rubinowitz. So und nur so kann man im Jahr 2026 noch über Woody Allen schreiben: als Vexierbild, in dem jeder das findet, was er oder sie ohnehin schon geglaubt hat – Verwandtschaftsverhältnisse wie in »Game of Thrones« inklusive.

Tex Rubinowitz: »Little Woody Allen. Unzuverlässige Erzählung«, Ventil Verlag, Broschur, ca. 200 Seiten, € 20,00

Link: https://www.ventil-verlag.de/titel/little-woody-allen/

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