Ein Album wie ein unaufgeräumtes Zimmer im Morgengrauen: Man stolpert über das ganze herumliegende Zeugs, aber die Luft ist erstaunlich klar. Wenn Musikkritik in den letzten Jahren ein Problem hatte, dann war es dieser (fast schon) Zwang zur Einordnung. Ständig musste oder wollte irgendetwas der »Soundtrack einer Generation« sein, eine »Kultursensation« oder zumindest eine »radikale Dekonstruktion des Genres«. Und dann kommen Zwanzga, die mit »Es is ma wuascht« ein Debüt in den Raum schmeißen, das schon beinahe wie eine Befreiung wirkt – gerade, weil es sich so konsequent weigert, sich um Erwartungen zu scheren. Erschienen ist das Album am 18. September 2026 bei Wia de Sunn Records und wird, völlig marktunkoform, nur über den eigenen Online-Store sowie bei den eigenen Konzerten verkauft.
Zwanzga, das sind der Singer-Songwriter Lucas Gerstgrasser (diese Stimme!), Edwin Steinitz am Bass und Didi Neidhart am aufs Existenzielle reduzierten, rumpelnden Schlagzeug und wunderbar das Tamburin schwingend. Damit erzeugen sie eine erstaunliche Wucht – Musik, die größer wirkt als so manches sorgfältig aufgeblasene Bandprojekt und trotzdem nie nach mehr klingen will, als sie ist. Kein »Wir sind die Stimme einer Generation«, nicht einmal ein verlässlicher Refrain, an dem man sich moralisch festhalten könnte. »Das Meisterstück ist, das Einfache und das Kunstvolle reizvoll zusammenzubringen – im Koordinatensystem aus Austropop und Velvet Underground wurde dabei ein Sweet Spot gefunden«, so Franz Wenzl aka Austrofred/Kreisky über Zwanzga. Das trifft es gut, greift aber fast noch zu kurz. Zwanzga besetzen keine Nischen. Sie reißen die Trennwände zwischen Punk, Garage, Post-Punk und Wiener Lied ein und schauen ganz entspannt, wer im Zugwind friert. Das Debütalbum besteht aus neun Tracks mit Titeln, die weniger wie ein durchkomponiertes Albumkonzept wirken, sondern eher wie Gesprächsfetzen, die man irgendwann zwischen drei Uhr früh und dem ersten Kaffee aufgeschnappt hat: »Es is ma wuascht«, »Intressiert mi ned«, »I bin a Trottl (für di)«, »Wia a Tropfn in am See«, »Süßilein«, »He du kumm her«, »Letzte Nocht«, »Wia de Sunn« und »Part-Time Lova«.
So ned
Was dieses Album so eigenartig gut macht, ist seine radikale Verweigerung der Übererklärung. Zwanzga brauchen ihre Texte nicht zu erklären, sie vertrauen wunderbar auf das ökonomische Prinzip der Auslassung. Und: Zwanzga spielen Musik, die nicht darum bettelt, interessant gefunden zu werden. Das ist heute fast schon radikal. Die Gegenwart ist schließlich voll mit Künstler*innen, bei denen alles auf Wirkung abgestimmt ist. Zwanzga wirken dagegen, als hätten sie Wichtigeres zu tun, beispielsweise gute Songs zu schreiben. Und dann diese Texte! »Wenn Zeit vageht / Donn liegt sie hinta dia / Und du schaust hintahea / So ned«. Vier Zeilen und der gesamte Zeitbegriff der westlichen Philosophie kann einpacken. Kein Heidegger hätte das schöner formuliert. Na gut, vielleicht Heidegger. Aber der hätte dafür vermutlich 600 Seiten gebraucht und wäre dabei deutlich unsympathischer gewesen. Zwanzga brauchen dafür ein paar Worte; genau das ist die Kunst und die Erkenntnis, dass Zeit eben vergeht und man dagegen genau gar nichts machen kann.
Überhaupt ist dieses »So ned« eine wunderbare Geste! Es ist Zurückweisung, Abbruch, Abgrenzung und manchmal auch eine Art Selbstschutz. Man könnte es als Gegenteil jener endlosen Gegenwartssprache verstehen, in der alles noch einmal und noch einmal besprochen, eingeordnet und emotional aufgearbeitet werden muss. Das ist Garage Rock in seiner besten Form, unverschämt direkt. Dazu ein wenig Punk – diese alte, immer noch ziemlich nützliche Erkenntnis, dass man nicht alles können muss, um alles zu sagen. Und Velvet Underground – diese noble Schule der musikalischen Untertreibung und der Weisheit, dass Schönheit nicht geschniegelt daherkommen muss. Nur dass Zwanzga nicht in New York sind. Sondern in Österreich. Und Österreich ist ja bekanntlich das Land, in dem man selbst beim Weltuntergang noch darüber diskutiert, ob das jetzt wirklich notwendig war.
Wuascht
Diese eigentümliche Mischung aus Fatalismus, Trotz, Selbstironie und gepflegtem Grant steckt tief in »Es is ma wuascht«. Aber nicht als Folklore, sondern so wunderbar nach Gleichgültigkeit, Schulterzucken, nach dem österreichischen Klassiker »Is ma egal, gemma auf a Bier« klingend. »Wuascht« (übersetzt für die deutschen Leser*innen) kann heißen: Interessiert mich nicht. Oder: Daran kann ich jetzt gerade nichts ändern. Man kann es sagen, weil einem etwas wirklich egal ist – oder gerade, weil es einem überhaupt nicht egal ist. Man kann damit eine Trennung abschließen. Einen Streit. Eine Enttäuschung. Einen Abend. Einen ganzen Lebensabschnitt. Und darin liegt etwas sehr Österreichisches: diese eigentümliche Fähigkeit, einen ziemlich ernsten Zustand mit einem Wort zu kommentieren, das klingt, als wäre eigentlich nichts passiert, »wuascht«. Das macht den Albumtitel auch so präzise, er ist keine Pose der Unberührbarkeit, sondern eine wunderbare kleine österreichische Tarnkappe.
Überhaupt haben Zwanzga ein Gespür für die kleinen Sätze, hinter denen plötzlich das ganze Leben lauert: »Wo du ah stehst / I kann di nimma sehn / Wü di ah nimma sehn / Bei mir«. Das ist eine bemerkenswerte Form der Klarheit. Kein »Wir müssen reden«, kein »Vielleicht ist es besser so«, sie machen keine Musik über das Leben, das viele führen, während sie meist behaupten, sie hätten alles im Griff. Sondern ein ganzes Album über das echte Leben samt falschen Entscheidungen, zu langen Nächten, Menschen, die man einmal geliebt hat, und Situationen, bei denen man im Nachhinein nur mehr den Kopf schütteln kann.
A Trottl (für di)
»Wia hom doch olles ghobt / Des homma gnumman / Und hom’s vabronnt« ist keine fein austarierte Beziehungserzählung, sondern eine nüchterne Inventur des Schadens. Man hatte alles, aber jetzt: verbrannte Erde. Mehr Erklärung braucht es nicht. Das ist überhaupt die Hohe Schule dieses Albums: Zwanzga lassen Dinge stehen, wo andere noch zwei Strophen Ursachenforschung anhängen würden. Auch »Interessiert mi ned« ist bereits im Titel eine kleine Verweigerungserklärung und fast schon ein wenig brutal. Doch es bleibt offen, ob es tatsächlich Gleichgültigkeit ist oder der Versuch, sie herzustellen. Bei »He du kumm her« wiederum ist schon im Titel jeder Anflug von Romantik verschwunden und das Ganze klingt weniger nach Einladung als nach einem gepflegten Imperativ. Aber das ist erlaubt, denn »du host ka Kind / du baust ka Haus / du pflonzt kann Bam … / wohin soi des nua olles führn«.
»Letzte Nocht« suggeriert schon im Titel das klassische Zwanzga-Territorium: Nächte, Erinnerungsfetzen, vielleicht eine Begegnung, vielleicht eine schlechte Idee, wahrscheinlich beides. Und am Ende dann »Part-Time Lova« – und damit wird sofort klar, dass auch die Liebe kein besonders verlässlicher Fulltime-Job ist. Keine romantischen Versprechungen, etwas Zeitweises, vielleicht Selbstironisches. Einer, der liebt, aber eben nicht unbedingt nach den Geschäftsbedingungen klassischer Pop-Romantik. Das passt zu einem Album, auf dem Beziehungen ständig zwischen Trotz, Bedürftigkeit oder Hoffnung pendeln: »Kumm zu mir / Do geht die Wöd / A Viertelstund späda unta«.
»Es is ma wuascht« ist ein fantastischer Haufen feinsinniger Beobachtungen, vorsichtiger Annäherungen, gemeiner Abfuhren, sentimentaler Erinnerungen und kleiner Katastrophen, die sich erstaunlich gut nebeneinander ausnehmen. Wie ein unaufgeräumtes Zimmer also. Nicht, weil hier alles chaotisch ist. Sondern weil für den Besuch nicht extra aufgeräumt wurde. Sauguat also, »mit absoluta hochvasprochna garantierta nie geborchna Sichaheit ko ma des sogn.«
Zwanzga spielen am Samstag, dem 17. Oktober 2026 um 15:00 Uhr ein Special Acoustic Set im Sissysound Recordstore.
Link: https://zwanzga.com/











