Bruce Springsteen

»Wrecking Ball«

Sony Music

Bruce Springsteen ist der Beethoven des Rock’n’Roll. Während jener die Symphonie der Wiener Klassik zur höchsten Entwicklung führte, perfektionierte Springsteen den Rocksong und stellt – auch deshalb, weil er fortwährend die Rockgeschichte in seine Songs einarbeitet, wie diesmal z. B. Johnny Cash, aber es finden sich auch Fragmente von Roy Orbison, CCR, The Rolling Stones oder Dylan – den Klimax des Genres dar. Wie kein anderer vertritt Springsteen schon seit vierzig Jahren den rebellischen Spirit der Rockmusik in der eskapistischen Popindustrie und verkörpert dabei immer noch glaubhaft die Stimme des kleinen Mannes.

»Wrecking Ball« wirkt in seiner Eindringlichkeit wie eine gelungene Fortsetzung seiner frühen Meisterwerke. Seit »Darkness On The Edge Of Town« (1978) misst Springsteen den Unterschied zwischen dem amerikanischen Traum und der amerikanischen Realität aus – ähnlich dem Motto, was gaukeln die Amerikaner der Welt vor und wie leben sie wirklich. Irish-Folk und Ethno-Flair (Mariachi, Fiedeln, Gospel-Chor etc.) tragen dazu bei, dass auf Springsteens siebzehntem Album zumeist Festtagsstimmung herrscht und »The Seeger Sessions« (2006) nachhallen. Textmä&szligig ist es Springsteens schärfste Kritik an den raffgierigen Mächtigen, die die U.S.A. und den Rest der Welt in eine anhaltende Wirtschaftskrise stürzten und uns den amerikanischen Traum gehörig versalzten. Doch Springsteen verliert sich nicht in Bitterkeit, sondern demonstriert seinen Glauben an die Kraft des Rock’n’Roll. Praktisch vom Opener »We Take Care Of Our Own« bis zum Schlusssong »We Are Alive« stehen diese Songs als Rock’n’Roll -Motto für alle Unterdrückten des Planeten, für die Springsteen es mächtig rausschreit: »Wo immer wir nun auch sind, wir geben nicht auf, wir ziehen uns raus aus dem Sumpf, denn wir leben noch.« In diesem Sinne: »Get yourself a song to sing … sing it hard and sing it well / Send the robber barons straight to hell« (»Death To My Hometown«).Und wenn ich demnächst zufällig mal mein Autoradio einschalten sollte, könnte mir wohl kaum was besseres passieren, als einen dieser Songs zu hören. Vielleicht geht demnächst ja doch noch ein amerikanischer Multi-Millionär durch das Nadelöhr!

Anstelle der E-Street-Band (Saxophonist Clarence Clemons verstarb im Sommer des Vorjahres, ist aber auf zwei Songs vertreten) versorgen diesmal wechselnde Musiker und der exzellente Produzent Ron Aniello den Meister mit vortrefflichen Beats sowie Arrangements. ?brigens, auch Ry Cooder wartete auf seinem Album »Pull Up Some Dust and Sit Down« (2011) mit kritischen Lyrics auf.