Kelis

Wanderland

Virgin

1999 gab es im gerne abschätzig behandelten und daher meist auch ignorierten Mainstream zwischen HipHop und R?n?B nicht nur einige rhythmische Revolutionen sondern gleich auch massivste Erdbeben und tektonische Verschiebungen groovetechnischer Natur. Wobei die Produktionen von Timbaland (Missy Elliott, Aaliyah), She’kspere (Destiny?s Child) sowie den Neptunes (Pharell Williams und Chad Hugo aka N.E.R.D.) nicht nur deshalb so aufwühlend, verwirrend und elektrifizierend waren, weil damit die Rede von Drum?n?Bass/Jungle und den damit verbundenen Problemen in den USA (kein Interesse, kein Publikum, marginalisiert wie sonst nur Detroit-Techno) ad absurdum geführt wurde. Viel spannender war eigentlich die Tatsache, dass sich das alles in den oberen Rängen der Hitparaden abgespielt hat und sogenannte Undergroundphänomene wie subsonische Booty-Bässe plötzlich auch bei »Top Of The Pops« erklangen. Wobei sich die Neptunes auf »Kaleidoscope«, dem 1999er Debüt von Kelis, gleich mal fette Bassdrum- und rumpelnde Snare-Sounds in die Sampler luden. Womit zwischen abstrakt-reduziertem Cyber-Funk (»Good Stuff«) und zerrissenem Cyber-R?n?B (»Caught Out There«, von dem es auf »Wanderland“ in Form von »Get Even« eine Art dialektischer Weiterführung gibt) ein überaus fruchtbares Terrain abgesteckt wurde. Kein Zufall also, dass sich Britney Spears für ihren aktuellen »Ich-bin-kein-kleines-Mädchen-mehr«-Track »I?m A Slave 4 U« die Neptunes ins Studio geholt hat (weshalb die Nummer dann auch wie ein Überbleibsel aus einer »Caught Out There«-Session klingt). Auf »Wanderland« gelingt es Kelis nun sogar die Errungenschaften von »Kaleidoscope« plötzlich als Art Fingerübungen erscheinen zu lassen. Was nicht nur fettere BÄSSE und noch löchrigere Abstract Beats To Funk You Up bedeutet. Viel eher wird hier auch ein psychedelischer Science-Fiction-Soul-Kosmos aufgerissen, der unweigerlich an die Arbeiten von Stevie Wonder zwischen »Music Of My Mind« (1972) und »Songs In The Key of Life« (1976) denken lässt. Was bei der aktuellen Single »Young, Fresh N? New« dann zwar im Video einen Monstertruck einführt, auf rein musikalischere Ebene aber dann doch eben ein Raumschiff meint. Wie überhaupt Kelis? digitaler R?n?B gerade in den abstraktesten Momenten zu schier unglaublichem Consciousness Gospel-Funk wird (»Mr. UFO Man«, »Little Suzie«). Da verzeiht man auch den Rockausrutscher mit No Doubt (»Perfect Day«) und spinnt lieber den diasporischen »Wanderland«-Grundgedanken afro-ufonautisch weiter: »If you feel our vibe ride/Come on aboard there?s enough room inside«. Meisterwerk!!!