Björk

»Vulnicura«

One Little Indian

Es ist wie in die Villa eines Promis einzubrechen. Muss sich doch lohnen! Gemälde, Schmuck, sünd- teure Wäsche, irgendwas muss herumliegen! Aber: Fehlanzeige! Die Villa halbleer, nicht einmal mehr die verstaubten Goldenen Schallplatten hängen an den Wänden. So ähnlich ist es vielleicht den Typen ergangen, die Björks neue CD »Vulnicura« geleaked haben. Große Langeweile strömt uns von diesen neun Tracks entgegen, die sich alle um das Thema Liebe und Sex drehen. »A complete heartbreak album« hätte es werden sollen, die künstlerische Bewältigung ihrer Trennung von Langzeitlebens- gefährten Matthew Barney.

Aber wie üblich bei Björk, werden Ideen und Konzeptionen so lange geschmiedet, bis sie sich in der großen Egoschale, die diese Frau umschließt, die Waage halten, ergo gegenseitig ausbremsen. Was da vielleicht anfangs an kompositorisch Erstaunlichem, an konzeptionell Kühnem enthalten war, ist einem aufnahmetechnischen Perfektionismus zum Opfer gefallen – und natürlich einer unausweich- lichen Selbstreferentialität (gerade auch in harmonischer Hinsicht), die mittlerweile fast so schlimm ist wie beim, na, sagen wir, späten Peter Gabriel (der Mann kann keine Musik mehr machen, die nicht so klingt, als würde er in Midtempo im Harmoniemorast versinken). Tatsächlich ist »Vulnicura« nach so abgespaceten Ausflügen in den experimentellen Pop wie mit »Drawing Restraint 9«, »Medúlla« oder der gewitzten Teilrückkehr auf »Volta« wieder ganz zurück in der konservativen Beschaulich- keitswelt des Pop. Ähnlich wie eigentlich »Biophilia« vor vier Jahren, wo auch schon die eingängigen Melodien fehlten, nur war diese letzte Veröffentlichung als mediales Gesamtkunstwerk angelegt und daher insgesamt spannend. Dieser Bonus fehlt auf »Vulnicura«.

Wie genial die clevere Isländerin trotzdem sein kann, lässt sich auf dem Track »Atom Dance« nach- hören. Da nämlich darf Sänger Antony wieder ran. Und siehe da, sofort bröckelt die starre Egokruste ab und Björks versponnener Elektropop beginnt gleich viel stärker zu leuchten. Vielleicht sollte man ihr das generell ins Stammbuch schreiben. Mehr künstlerische Partnerschaften auf Augenhöhe ein- gehen, nicht immer nur Perfektionismuszuarbeiter engagieren.