Various Artists

»Trevor Jackson Presents Metal Dance«

Strut

Als es zwar schon Giorgio Moroder/Donna Summer, New Order, Kraftwerk, Throbbing Gristle, Depeche Mode, DAF, Soft Cell, Liaisons Dangereuses, etc. gab, aber Acid House und Techno noch nicht erfunden waren, gab es mit »Electronic Body Music« quasi eine Durchgangsphase, die sowohl Black Flag- wie Yello-Fans gefallen konnte. Geschuldet war das u. a auch technischen Neuerungen. Neben dem Sampler gehören dazu obligatorisch überdrehte Digital Delays (der Sigue Sigue Sputnik-Effekt), bis zum Anschlag gegateter Hall (damit es weniger elektronisch als vielmehr metallisch klingt) sowie komische »Dubs« ohne eigentliche Dub-Techniken (was auch auf die omnipräsente Ungroovyness eines Gro&szligteils von EBM zurückzuführen ist). Paradoxerweise haben wir es hierbei aber auch mit einer Musik zu tun, die sich gleichsam selber als Anti-These zu Kraftwerk (wie auch zu Detroit-Techno) versteht. Soll hei&szligen: Hier müssen die Maschinen hart Schwitzen und Muskeln zeigen, damit es so richtig knallt. Wir hören also Italo-Disco-Missverständnisse mit abgebrochenem New Wave-Studium (Hard Corps, Naked Lunch, Secession, Severed Heads, Neon, Pete Shelley, Analysis, DAF, Portion Control), mutierte Disco, die jedoch etwas zu viel Herumsoliert (The Cage feat. Nona Hendryx), Nettigkeiten (Yellos »You Gotta Say Yes To Another Excess«), etwas ratloses Herumgruseln (John Carpenter & Alan Howarth), deutsche Gummistiefelhärte (Ledernacken »Amok«) für kommende Wutbürger sowie akustische Ausdruckstänze (ergo auf möglichst viel alten Eisenwaren herumhauen und klopfen) zwischen Executive Slacks, Fini Tribe und den Einstürzenden Neubauten in einem eher wenig überzeugenden Adrian Sherwood-Remix.
Soviel anti-frivole Tanzmusik zwischen ernsthafter Strenge, Springerstiefeln und Militärklamotten, Fetish-Kostümen und »Tanzen Verboten«-Grooves auf einmal durchzuhören ist schon kurios. Und generiert ebenso komische Gedanken. Ist EBM vielleicht nichts anderes als ein Progrock-Kuckucksei? Verhält sich das »Dance« in »Metal Dance« zu »Dance« (also Disco, Tanzen, Arschwackeln) nicht ähnlich wie das »Pop« in »Austro-Pop« zu »Pop« an sich? Ist Skrillex vielleicht nur die Weiterführung des Disco Demolition Derby mit anderen Mitteln?
Vielleicht liegt es ja auch an der Auswahl. Au&szliger Nitzer Ebb, Cabaret Voltaire (natürlich »Second To Late«), Alien Sex Fiend, Mark Stewart (der Vincent Price’s »Thriller«-Gelächter mit »I Feel Love« zerhackstückelt) oder Jah Wobble (der sich beim »Exotic Decadent Disco Mix« von »Invaders Of The Heart« zwar auch nicht so recht zwischen Dub-Zaubereien und Live-Jam entscheiden kann, aber wenigsten Tanzmusik macht) verweist wenig auf das, was später in Detroit (oder bei Underworld, The Prodigy) aus dieser Musik wurde.
Dementsprechend finden sich die wirklichen (Wieder-)Entdeckungen entweder im ESG-Territorium (Honey Bane), im Dominatrix-Terrain (Diseno Corbusier) oder »in Dub«. Einmal mit viel Blubber (The Bubblemen), einmal als Mutation (Stanton Miranda).
Der für diese Compilation namens gebende Track (»Metal Dance« von SPK) zeigt dann auch, wie selbst ein Klassiker (Dominatrix meets den »Sex Dwarf« von Soft Cell) mit der Zeit fast zur Parodie seiner selbst werden kann. Vielleicht sollte das nächste Mal jemand wie Juan Atkins um seine »Metal Dance«-Faves gefragt werden.