The Strokes

»The New Abnormal«

RCA Int./Sony Music

Pophelden dürfen heute altern. Und wer hätte gedacht, dass Rockstars eines Tages aussehen würden, als hätten E.T. (Mick Jagger) und Gollum (Keith Richards) zusammen eine Band? Die Strokes sind auch schon seit 20 Jahren im Geschäft. Aber sie haben wahrscheinlich auf ihrem Dachboden ein Bandporträt versteckt, das an ihrer Stelle altert. Denn sie selbst sehen immer noch so jung aus wie vor 20 Jahren. Auch die Musik der Strokes wirkt jugendfrisch, obwohl sie eigentlich uralt ist. Wenn das mal nicht das »New Abnormal« ist. Die Strokes sind eines der unzähligen Kinder der Retromania, also der Sehnsucht, dass alles so bleibt, wie es »früher« war. Dank ihnen ist die mythische Stadt der allgegenwärtigen Vergangenheit, Retrotopia, nicht untergegangen. Denn 2001 war das Retrophänomen Britpop am Ende. Techno war zu Eurodance degeneriert. Da kamen die Strokes mit ihrem Debüt »Is This It«. Und obwohl sie kleine kalifornische Pop-Aristokratie-Lords waren, klangen sie, als seien sie die Enkel der Garagen-Rock-Pioniere The Sonics. Am Beginn ihrer Karriere wurden sie vor allem in England gehypt und lösten dort eine Art neuen Neo-Britpop-Boom aus. Der Erfolg von Bands wie Franz Ferdinand, Arctic Monkeys oder Maximo Park wäre ohne den Strokes-Hype nicht möglich gewesen. Die ungestüme Phase war nach drei Alben durch. Dann standen die Strokes vor der Frage: Wie entwickelt man sich als Retrophänomen weiter? Man kann unmelodiösen Krach machen, so wie Blur. Man kann einfach immer weiter machen, bis es kracht, so wie Oasis. Oder man kann sich, dafür haben sich die Strokes entschieden, einfach durch die Jahrzehnte weiter vortasten. Beispielsweise von den 1960ern in die 1980er. Und dann kommt so etwas wie das solide Album »The New Abnormal« dabei heraus. Es ist alles da, was man als Strokes-Hörer*in so braucht. Der überschäumende Gesang von Julian Casablancas, der straighte Rhythmus und die sich ineinander verwebenden, pizzicatoartigen Gitarrenmelodien. Aber auch die Achtzigerjahre-Synthies sind wieder da. Rick Rubin hat produziert. Und da merkt man schon, dass die Strokes auf der Suche nach einer neuen Zeitlosigkeit sind. Der beste Song des Albums ist »Brooklyn Bridge To Chorus«. Der Song vereint die alten und die neuen Strokes: Abgehender Garagenrock und New-Wave-Synthesizer. Der Song »The Adults Are Talking« klingt, als hätte die hannoveranische Dilettantenband 39 Clocks endlich gelernt, ihre Instrumente zu spielen. Das interessanteste Stück auf der Platte ist »At The Door«. Eine Synthie-Suite, die klingt, als würden die Strokes den britischen Synthie-Pionieren Human League nacheifern. Allerdings ist das Songwriting erheblich komplexer als bei Human League. Das Lied entfaltet sich ohne Refrain und fast ohne wiederkehrende Strukturen, aber mit derselben Wucht wie einst »Being Boiled«. Ein weiterer Höhepunkt ist »Eternal Summer«. Julian Casablances verwandelt sich hier in den Falsett-Kiss-Prince. Der Rest plätschert solide dahin. »I want new friends«, singt Julian Casablancas in »Brooklyn Bridge Chorus«. Mit dieser Platte wird er sie finden.