Lou Reed

The Raven

Sire

»Why they want to bury me, when I’m still alive?« Beerdigt vor dem Ablaufdatum? Es ist ein widerlicher Kritikersport, die greisen Köter der Rockgeschichte, die mumifizierten Ûberbleibsel ehemaliger wilder Hunde öffentlich zu bepissen. Außer natürlich sie gehören zu denen, die mit dreifach ausgetauschtem Blut und reichlich Adrenalinspritzen noch Stadien füllen. Da darf man ja nicht knurren, drohen doch Ohrfeigen Hunderter Spätbegeisterter. Onkel Lou aber hat sich seit den Frühachtzigern in seiner Pensionsnische breit gemacht, ist von Heroin (in den Venen) auf Benzin (im Harley-Tank) umgestiegen und tut halt, was so ein Mann gone Schonkost tun muss. Das allerdings mit einer beachtlichen, spekulationsfreien Grazie. Lous Fast-Musical »The Raven«, von Robert Wilson inszeniertes szenisches Musiktheater auf Basis allerlei abgründiger, jenseitsverliebter Poeme des seligen E.A.Poe, das bietet sich zum öffentlichen Einstampfen an: Verrat am Rock-Purismus für frühsenile »Hoch«-Couture! Prätentiöser Schwachsinn! Und tatsächlich entpuppt es sich als qualitative Berg- und Talfahrt – wie schon oft bei Lou, der diese Kritiker immer offen mit selbst verletzender Banalität umarmte. Vorweg ist ausgerechnet das Openerstück »Edgar Allan Poe« ein grenzenloses Debakel, wie bei Paul Simons Capeman-Musicals der unselige Griff zu 50s-Bop-Zierade. Ebenso unglücklich der panschige Gastauftritt von Ornette Coleman, die eher mäßigen Neuinterpretationen aus der Erblast (»Perfect Day«, »The Bed«) und die überraschend lahme Lesung des »Raben« durch Willem Dafoe als kurzatmiger Post-Bourroughs-Speedjunkie. Doch der Rest gehört mitunter zum Besten, was man von diesem Mann jemals zu hören kriegte: Das traumwandlerisch brüchige Jammertal von »Vanishing Act«. Die grandiosen, auf den Punkt gebrachten Rawk-Kürzel wie »Change«, »Blind Rage« oder das von Laurie Anderson begleitete »Call On Me«. Der Neo-Blues-Gothic von »Burning Embers« oder »I Wanna Know« mit den Blind Boys Of Alabama. Das knallharte Contortions-Instrumental »A Thousand Departed Friends«. Die Gastauftritte von Bowie und Buscemi. Da klopfen und pochen noch etliche Juwelen unter dem Sargdeckel. Aber »Der Goldkäfer« war ja auch ’ne Poe-Story …