Cut Surface © Dino Spiluttini

Subkultur in der Corona-Krise #5

Nicht nur Konzert- und Clublocations leiden unter dem Stillstand des kulturellen Lebens, sondern auch alle anderen, die im künstlerischen »Betrieb« tätig sind. Wir haben beim Wiener Label Cut Surface – betrieben von Anna Pühringer (Pü) und Philipp Hanich (Bruch) – nach dem Stand der Dinge gefragt.

Die Wiener DIY-Szene ist relativ überschaubar, dafür aber umso lebendiger, vielfältiger und umtriebiger. Einer ihrer Fix- und Angelpunkte ist das 2016 gegründete Label Cut Surface, das von den Musiker*innen Bruch aka Philipp Hanich und Pü aka Anna Pühringer in Eigenregie mit viel Liebe und Einsatz geführt wird. Für 2020 hatte man große Pläne, die angesichts der Situation um COVID-19 selbstredend geschrumpft sind. Wie es trotz der widrigen Umstände weitergeht, haben die Betreiber*innen skug im (schriftlichen) Interview erzählt.

skug: Wie geht’s euch in der Quarantäne? Ihr habt ja auch Brotjobs, denen ihr vorläufig vermutlich nur eingeschränkt nachgehen könnt?
Anna Pühringer: Uns gehtʼs verhältnismäßig gut. Fest steht aber: momentan schmerzt es alle. Diese Unsicherheit, diese Ängste und die Einschnitte in unsere Demokratie zu erleben, die einen schon ob der gefühlten Ohnmacht auch ab und zu wütend machen können. Besonders jetzt gerade ist das Anerkennen und Zulassen von Trauer echt wichtig, auch wenn es uns verhältnismäßig gut geht. Wir führen auf alle Fälle grad viele gute Gespräche.
Philipp Hanich: Ich bin ja Maler. Und da ist Isolation nicht immer gleich das Schlechteste. Was Konzentration und Flow betrifft. Haben ja auch schon heimische Musikhoffnungen treffend formuliert: »Weißt du wie die Maler malen? Hast du je einen gesehen? Maler malen einsam.« Aber das ist natürlich im Endeffekt nur ein Gag, eine leere Hülle. Um Fantasie und Inspiration zu finden, um Themen zu erkennen und zu verstehen, muss ich unter Menschen sein. Die Kunst ist ja immer auf der Suche nach der Freiheit, sie jagt der Frage nach, was kann das »gute Leben« bedeuten. Das ist isoliert auf Dauer für mich unmöglich und irgendwann unglaubwürdig. Und dann muss das ja auch irgendwann gezeigt werden, besprochen, gefeiert, verrissen, diskutiert. Das geht auch nur in Echt. Wenn ich mal bei der Malerei bleibe, dann spürt man deren Atmosphären, deren Aura nur, wenn man davorsteht. Dazu braucht man natürlich auch mal Platz und Zeit alleine, aber dann muss es einen gemeinsamen Austausch geben.
AP: Ich arbeite im psychosozialen Bereich. Soziale Arbeit im Homeoffice ist an und für sich sowieso schon ein Widerspruch in sich, oft auch ein schwaches Surrogat und eine wirklich große Herausforderung für alle beteiligten Seiten. Persönliche Kontakte sind wie überall grad auf ein absolutes Minimum reduziert, Improvisation dafür grad maximal notwendig. Dazu kommt, dass ich gerade in diesem Bereich sonst ungern die Arbeit mit nachhause bring. Und auch nicht soll: #datenschutz. Ich geh davon aus, dass diese Arbeitssituation mich noch länger begleiten und einfach irgendwie auszuhalten sein wird.
PH: Mit dem Substance Recordstore haben wir ja jetzt wieder geöffnet und man merkt schon, dass die Maske die Ohren wenigstens noch nicht komplett verdeckt.

Welche Auswirkungen haben die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus auf euere Arbeit als Labelbetreiber*innen? Es waren für 2020 einige Releases geplant, werden diese wie angedacht erscheinen bzw. gibt es alternative Ideen für Promotion und Vertrieb?
AP/PH: Dass unsere Veröffentlichungen unter die Leute kommen, ist vor allem darauf angewiesen, dass Begegnungen stattfinden. So verkaufen sie sich insgesamt mitunter am besten auf Live-Konzerten. Wir arbeiten im seltensten Fall mit Vertrieben, auch nicht mit Promo-Agenturen. Dass wir keine Firma sind und dass unser Label auch schon davor nie profitorientiert, geschweige denn profitabel war, versetzt uns absurderweise irgendwie in eine einfacher auszuhaltende finanzielle Situation in »der« Situation. Weil es für Cut Surface Alltag ist, mit einem Null- bzw. Minusbudget zu arbeiten. Was an sich natürlich auch zu diskutieren wäre. Bis zum Sommer sind bei uns konkret mindestens vier Veröffentlichungen von Einschränkungen betroffen: Im März fielen Release-Shows zum Album von RIVER aus München ins COVID-Wasser. Das schmerzt uns besonders, da sich die Veröffentlichung schon zuvor aus unterschiedlichen Gründen verzögert hatte. Aber auch, weil es gerade bei Acts von »außerhalb« eigentlich unersetzlich ist, sie live vorstellen zu dürfen, damit auch den Leuten hier vor Ort die Augen und Ohren aufgehen. Das betrifft dann auch jetzt Mitte April das neue Album »Loveless Adventures« von Neon Lies aus Zagreb, bzw. den Künstler Neon Lies persönlich, der rund ums Release und über die ganzen nächsten Monate eine Mords-Europa-Tour selbst gebucht hatte … Dass wir gerade auch Mitte April unsere neue Label-Compilation veröffentlicht haben, war dagegen eigentlich wieder – trotz der Corona-Situation – ein sehr freudiges Unterfangen, das uns u. a. insgesamt 23 Tage durch die schritt- bzw. trackweise Enthüllung sehr aktiv begleitet hat. Und uns trotz räumlicher Distanz wieder ein bissl mehr mit allen beteiligten Acts verbunden hat. Für Juni stand bereits ein Release-Date zum neuen Album von Good Cop fest: »World Piss«. Da müssen wir jetzt aktiv nach Alternativen suchen, in der Form, also v. a. räumlich und zeitlich. Es wird also insgesamt trotz eingeschränktem physischem Aktionsradius nicht fad. Immerhin was.

In diesem Zusammenhang seid ihr selbst auch als Veranstalter*innen tätig. Mussten Events verschoben werden und wie sieht die Ersatzplanung aus?
AP/PH: »Veranstalten« ist bei uns eigentlich mehr eine Nebenerscheinung. Literally. Wir organisieren in erster Linie Release-Abende, mit denen wir die Veröffentlichungen gemeinsam feiern wollen. Veranstalten an und für sich können Andere sicher besser. Aber ja, es konnten und können Veranstaltungen derzeit nicht stattfinden. Die unklaren Timelines, wann wieder welche möglich sein können aus den unterschiedlichsten Corona-bedingten Gründen, macht es allen Veranstaltungskollektiven schwer, voraus- und umzuplanen. Bisher konnten wir uns einen Termin gegen Ende Oktober sichern (wenn da überhaupt grad wo was sicher ist). Dass die meisten Venues, mit denen wir interagieren, auch große Probleme haben und haben werden, wird an uns fix auch nicht spurlos vorbei gehen. Als Label, sowie auch persönlich. Aber vielleicht veranstalten wir interimistisch als nächstes einen … Briefmarken-Scherenschnitt-Wettbewerb, bei dem postalisch eingereicht werden kann. Das sollte ja unter den aktuell gegebenen Voraussetzungen dann schon gehen bzw. auch erlaubt sein.

Wie ist die Situation für euch als Künstler*innen, also für Pü bzw. Bruch? Auch hier waren ja 2020 neue Releases und weitere Konzerte geplant. (Der letzte Salon skug vor der Zwangspause fand mit Pü im Wiener rhiz statt).
AP: Der Salon-skug-Abend war für mich, soweit ich mich erinnere, auch so eine der letzten Nights-out. War ein sehr schöner Abend, hat sich da aber auch schon ein bissl »waghalsig« angefühlt, keine Umarmungen zur Begrüßung mehr etc. Aktuell ändert sich für Pü nicht viel – die rumort größtenteils eh für sich im (nicht so) stillen Kammerl und eine Veröffentlichung ist zwar geplant aber nicht drängend spruchreif.
PH: Ich werde trotz der Krise endlich 40 und mein viertes Bruch-Album veröffentlichen. Den Schnitt von 40 verkauften Platten hoffe ich halten zu können. Der Ansatz von Bruch, komplett zu öffnen, also ganz nah ran zu lassen, und das mit einer Distanziertheit auszudrücken, bleibt, und ist in dieser Situation eh nicht ganz unpassend. Konzerte dann nachher.

Künstler*innen trifft der Stillstand des kulturellen Lebens besonders hart. Habt ihr Projekte, in denen ihr trotzdem künstlerisch tätig sein könnt?
AP: Siehe »Maler malen einsam« und »stilles Kammerl«. Vielleicht auch genügend Zeit bzw. ein guter Zeitpunkt, unsere bisher unerkannte DJ-Karriere auszubauen, mit dem ein oder anderen Mix für die Badewanne oder zum kollektiven Brotbacken.
PH: Ja, ich bleibe Künstler.

Erhaltet ihr finanzielle Unterstützung von staatlicher/institutioneller Seite? Welche Möglichkeiten gibt es, euch und das Label Cut Surface zu fördern?
AP/PH: Nein. Keine Förderungen. Im Moment, und überhaupt meistens. Uns hilft, Interesse zu zeigen, und im besten Fall unsere Veröffentlichungen auch zu kaufen. Orte und Räume zu unterstützen, in denen dann alles weitergehen soll. Und »unsere« Acts auch einzuladen, wenn’s dann wieder geht. Unangefragten und anonymen finanziellen Zuwendungen an unseren anonymen PayPal-Account verwehren wir uns natürlich auch nicht. Oder überraschenden Erbschaften (steuerfrei).

Prognosen sind derzeit noch schwierig, aber wie sieht eure Planung für den Herbst aus bzw. worauf freut ihr euch am meisten in der Zeit nach Corona?
AP/PH: Direkt, face-to-face zu kommunizieren und unmittelbar zu interagieren, ohne deshalb Strafzettel oder die Seuche zu bekommen. Streicheleinheiten und Raufen. Irrelevanz der Relevanz. Und: Covidl-Golatschen.

Vielen Dank für das Interview und hoffentlich bis bald!

Links:
http://www.cutsurface.com/
https://cutsurface.bandcamp.com/