Bei der Ordensverleihung. Weber (rechts) in Ausgehuniform bewahrt Haltung auch in moralisch zweifelhaftem Umfeld. © media wien

Stefan Weber †

Stefan Weber, der Sänger und Impresario von Drahdiwaberl, ist nicht mehr. Er wird schmerzlich fehlen, denn kaum einer verband so überzeugend Anarchie mit einem Auge für den guten Geschmack.

Ein – man kann es nicht anders sagen – Verrückter hat die Bühne erklommen. Sein Gesicht ist zu einer merkwürdig versteinerten Maske erfroren. Irgendwie will er Zuversicht und Begeisterung ausstrahlen, wirkt allerdings wie ein überdrehter Arsch. Er spricht Englisch, ist aber unverkennbar aus Austria. Er bittet eine Stage-Hand um einen Besen und brüllt ins Publikum: »Giff mi a bruuuum. Ei must klien Haus!« Das kalifornische Publikum versteht: »Give me a broom. I must clean house!« und ist aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen begeistert. Der Mann, dessen widernatürlicher Ehrgeiz ihn bis ins Amt des Gouverneurs tragen wird, ist Arnold Schwarzenegger und er ist einer jener Dämonen, denen sich Stefan Weber mutig zu stellen wusste. Für Weber, den gelernten und höchst beliebten Kunsterzieher, war musikalische Praxis stets mit den Würzmitteln Humor und Haltung anzureichern. Hier war er übrigens einem gewissen Frank Zappa ähnlich.

Erhebt eure Klobürsten
Beide beantworteten die Frage »Does humor belong into music?« mit einem entschiedenen »Ja!« und beide versuchten, dem medienbedingten Wahnsinn der Politik zuvorzukommen oder zumindest mit ihm gleichzuziehen. Frank Zappa bemühte sich, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, und trat an mit dem bis heute besten Wahlspruch aller Zeiten: »What could I make worse?« Er konnte dieses Wahlmotto auch sehr gut mit den Leistungen seiner Amtsvorgänger begründen. Es hat dann leider nicht ganz geklappt. Stefan Weber versuchte es mit einer Kandidatur ums Amt des österreichischen Präsidenten. Auch hier ein »Leider nein«, aber das Plakat, mit dem er sich um das höchste Amt des Staates bewarb, darf als ein gelungenes Zeugnis der Weberschen Innovationskraft in Erinnerung bleiben. Wir sehen Weber auf einem stark verdreckten Häusel sitzen (auch hier Bruder im Geiste Zappas) und ein Klobürsterl wie ein Zepter, teils mahnend, teils frohlockend, in die Höhe halten. Seine Gewandung ist im nationalen Rot-Weiß-Rot und gibt zu erkennen, die Geschichte der Babenberger Schlachtmeister ist falsch, nicht das Blut der Feinde, sondern die eigene blutige Scheiße hat die Banderolen rot gefärbt. Sein Wahlspruch lautet klipp und klar: »I must clean house.« Danke, Herr Weber, jedes Detail sitzt.

Bedauerlicherweise haben dann die Menschen in Kalifornien tatsächlich diesen steirischen Eichen-Spinner gewählt, der nach einer kurzen Weile frustriert aufgab und nur mehr sinnlos in seinem Amt rumhing, nachdem ihm seine republikanischen Parteifreunde gesteckt hatten, dass sie die Verfassung für ihn nicht ändern würden und er niemals Präsident werden könnte. Er vertrieb sich dann seine Zeit damit, vor dem Spiegel zu üben, wie ein Roboter zu schauen, was ihm bald wieder ordentlich Geld einbrachte. Den Stefan Weber hat man nicht mal zur Wahl zugelassen, weil er nicht genügend Unterstützerstimmen zusammenbekam. Das Mahnen der Künstler, sei es Zappa in den USA oder Weber in Austria, hat nicht viel genützt. Die Sache ist immer mehr eingerissen. Die Vereinigten Staaten werden von Donald Trump regiert und in Österreich herrscht ein Schreckenskabinett, das nicht einmal mehr aufs Häusel gehen kann, ohne zu betonen, dass sie dies als »stolze Österreicher« (ohne Binnen-I) tun. Geht’s einfach scheißen.

Im Auge des Hurrikans
Nur, wer sagt ihnen das jetzt noch? Die populäre Populärmusik eher nicht. Das Happel-Stadion füllt ein gewisser Gabalier mit seinem Deutschland-erwache-Rock’n’Roll und die meisten anderen geben sich gefühlsbetont selbstbezogen. Es ist aber auch nicht ganz einfach, denn Weber hatte Format. Das Gesamtkunstwerk Drahdiwaberl belegte dies. Wer die alten Platten anhört, muss leider feststellen (und das ist jetzt die letzte Zappa-Parallele), dass Humor nicht gut altert. So richtig witzig ist das nach dreißig Jahren nicht mehr. Das Konzept mit der »härteste Band aller Zeiten« gerinnt ein wenig zur EAV mit E-Gitarre. Und das ist natürlich alles andere als schlecht. Denn das zornige Gitarrengeschrubbe war stets gut dosiert und alles wirkt liebevoll ausgearbeitet. Manch einer soll beim Herrn Weber ja manches gelernt haben, wie jener Bassist Hölzl, der sich eines Abends mit dem Namen eines DDR-Schispringers ankündigen lassen wollte. Weber zuckte mit den Schultern und tat’s: »Und am Bass unser Falco.« Die Livekonzerte sind für die, die sie erleben durften, kaum vergesslich und charakterisieren Drahdiwaberl wohl besser als die LPs. In der Mitte eines bombastisch-orgiastischen Durcheinanders stand Stefan Weber wie im Auge des Hurrikans und gab seinem wilden Geschöpf hier und da ein paar Anweisungen. Er hatte einfach ein Gespür fürs Chaos und Österreich und die Welt hätten von diesem bedeutenden Künstler mehr lernen können, als sie zu tun bereit waren. Ohne ihn, der am 7. Juni 2018 viel zu früh im Alter von nur 71 Jahren verstarb, wird nun alles noch schwerer.