Medusa’s Bed @ Café Korb (c) Franz Schubert

Sprache als Virus

Psycho-ambientöse Katharsis wider die strukturelle Gewalt des patriarchalen Kapitalismus. Medusa’s Bed @ Cafe Korb am 5. Februar 2018.

Wie man sich bettet, so liegt man, pflegt man gemeinhin zu sagen, wenn die Vorbereitung belohnt und das Ergebnis darauf zurückgeführt wird. Ob das bereits in der griechischen Mythologie überliefert war, ist fraglich. Die Geschichte um Medusa und ihr entstelltes Antlitz, dessen Anblick alles und jeden buchstäblich in Stein verwandelte, lässt jedenfalls wenig darauf schließen. Sei’s drum. Bei Medusa’s Bed, dem so hochkarätig wie international besetzten Trio rund um No-Wave-Pionierin Lydia Lunch, Multi-Instrumentalistin Zahra Mani und die einzigartige, ihrer Zeit immer schon voraus gewesene Violinistin Mia Zabelka, dreht sich das ganze nämlich nicht um irgendwelche altgriechischen Bettgewohnheiten. Vielmehr wird das wilde Ankämpfen gegen jede Konvention, jede vereinheitlichende Norm und Unterdrückung zelebriert, die vom Patriarchat und den diversen anderen erfundenen Institutionen oder Gottheiten ausgehen mag. Dass sich dieses Vorhaben nicht so einfach mit lebensaffirmativem Happy Sound umsetzen lässt, versteht sich also von selbst.

Wuttiraden gegen das System
Das, was die drei Protagonistinnen im brechend vollen Keller des Café Korb aufführen, ist die selbstauferlegte Klaustrophobie, ein stetiger Rausch inmitten einer »Scheiß drauf, wir machen alles neu«-Attitüde. Lydia Lunch verkörpert dieses Ideal wie keine andere. Sie, die sich in Interviews nicht als Musikerin, sondern als Konzeptualistin oder experimentelle Journalistin beschreibt, setzt das dann auch auf ihre unverkennbare Weise um. Ganz in Schwarz gehüllt sitzt sie auf der Bühne. Ihre Texte: ein brutales Feuerwerk im nihilistischen Dunst der Sprache. Die Stimme: eine kratzende Wucht, die so klingt, als hätte man die Stimmbänder genüsslich durch überquellende Aschenbecher gezogen, nur um sie später in goldgelbem Whisky zu marinieren. »Limbo becomes a daily crucifixion, a swelling irritation contaminates and inflames / It’s a really brutal way to end your day.« Jedes einzelne Wort ihrer kathartisch anmutenden Wuttiraden sitzt, entfaltet eine Dynamik, die wie ein Sog im Grenzbereich des menschlichen Bewusstseins wirkt. Das Publikum geht jedenfalls im dystopischen Schwall unter – oder lässt sich untergehen. Es ist der persönliche Wahnsinn, den sie in ihren Texten auslebt, und in ihnen hat sie ein Ventil gefunden, um den Hass auf die Strukturen und das System zu lenken.

Medusa’s Bed @ CTM Festival Berlin; 31.1.2018 (c) Udo Siegfriedt

»I’m paid to hate. And my hate is enormous but it’s never against any individual«, hat Lunch, die in Rochester, New York aufwuchs und mit bürgerlichem Namen eigentlich Lydia Anne Koch heißt, einmal in einem Interview gesagt. Man will es ihr in diesem Moment einfach glauben. Dazu kommt, dass Mia Zabelka (Violine) und Zahra Mani (Bass und Elektronik) die todesverachtende Wortgewalt weiter zuzuspitzen wissen. Brachial dissonante Töne sorgen für akustischen Tumult. Sie unterstreichen das, was Lunch zu sagen hat und lassen doch genügend Raum, um die psycho-ambientösen Klänge zu verarbeiten. Ohne Pause und über eine knappe Stunde baut sich so immer wieder eine aufgeheizt-konfrontative Spannung auf, die nichts mit konventioneller Musik gemein hat und gerade deswegen unglaublich wirksam erscheint. Hier werden Grenzen verschoben, mit gigantomanischen Klangwänden eingerissen und neu aufgezogen. Nur diesmal eben anders!

»Komm Schatz, wir stellen die Medien um und fangen nochmals von vorne an!« nannte Pipilotti Rist einst eine große Ausstellung in Krems. Medusa’s Bed belassen es nicht bei den Medien, sie reißen gleich das ganze gottverdammte System ein. Großartig!

Videodoku von Artvan: https://www.facebook.com/artvanfilm/videos/10155412809825748/