© Markus Aubrecht/Wiener Konzerthaus
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Kentridge und das Chaos der Geschichte

Komponist Schostakowitsch und Gewaltherrscher Stalin: Wie verändert sich die Welt in Bezug auf Utopien? William Kentridge schaut sich in einem Trickfilm Dimitri Schostakowitsch und seinen Verfolger Josef Stalin an. »Gib’ mir das Leben wieder«, zitiert Kentridge den Dichter Majakowski.

Schneewehen in Wien, die Gehwege sind voll tückischer Eisplatten. Die Straßenbahnen am Karlsplatz, die bis zum Platzen mit Tourist*innen gefüllt sind, stehen still. Nichts geht mehr. Gebückt suchen sich Passant*innen den Weg am Musikverein vorbei, stemmen sich gegen den eisigen Wind voller Schneeflocken und rutschen über die Zebrastreifen. Im Wiener Konzerthaus herrscht hingegen eine goldene Atmosphäre vor. Die riesigen Luster leuchten hoch oben, elegante Menschen drängen sich erst zum Buffet, dann in freudiger Stimmung die Treppen hinauf in den riesigen, hohen, wunderschönen Großen Saal.

»Dimitri Schostakowitsch schlief für Jahre mit einem gepackten Koffer neben seinem Bett, weil er dachte, er wird abgeholt«, erzählt der Künstler William Kentridge aus Cape Town in Südafrika, hinter dem Orchester sitzend. »Schostakowitsch trug einen Widerspruch in sich. Er verteidigte die Revolution, fürchtete aber Stalin, gleichzeitig war er also dafür und dagegen. Ich wollte mit meinem Film seinen Kontext neu verorten. Seine Widersprüche interessierten mich.« 

Der bis heute enthusiastische Direktor des Luzerner Symphonieorchesters hatte sich in Stücke von William Kentridge verliebt und wollte unbedingt, dass dieser sich Schostakowitsch widmet. Kentridge suchte sich wirklich die »10. Symphonie in e-Moll« aus. Vier Jahre lang beschäftigte er sich damit und die Uraufführung von »Oh, To Believe In Another World« fand genau zu Beginn des schrecklichen Ukraine-Krieges in Luzern statt.

© Markus Aubrecht/Wiener Konzerthaus

Utopische Bewegungen

»Die Art, wie Schostakowitsch sich durch seine zeitliche Periode bewegte, erscheint heute völlig paradox. Die gesellschaftliche Utopie seiner Zeit zerbrach und wurde zerstört und wandelte sich in das Gegenteil.« William Kentridge denkt an Südafrikas Schicksal: »Ich habe mein halbes Leben in der Apartheid verbracht. In dieser Zeit wurde eine geistige Utopie erbaut. Die Frage war dann, wie sich diese Utopie transformiert und in eine verstörende Realität verwandelt. Zum Beispiel kam Nelson Mandela frei, aber es wurden erst vier Jahre später demokratische Wahlen abgehalten. Der utopische Moment fand in dem Moment statt, als die Apartheid vorbei war.«

Kentridge meint, dass sein Film keine Antwort darauf zu geben versuche, wie maskenhaft ein vom Staat kontrollierter Künstler seine Kunst leben kann, sondern wie sich die Welt in Bezug auf Utopien verändert. Sein Team begann mit verschiedenen Charakteren zu experimentieren, die es in ein selbstgebautes, imaginäres sowjetisches Museum stellte. Es baute »Karton-Charaktere« und ließ sie tanzen. »Wie verändert ein Image die Wahrnehmung der Musik?«, fragte sich William Kentridge. »Wenn mein Film zu viel Sinn macht, können wir das Chaos der Geschichte nicht abbilden«, lacht er.

Ein leeres Schwimmbad, eine Cardboard-Figur mit Hut und umgehängtem Plakat. »Sehr geehrte Genossen der Nachkriegszeit. Ich komme aus der Welt vor siebzig Jahren.« So viele Geiger*innen sind auf der Bühne, so viele Streicher*innen … die Bögen fahren schief und krumm über die Saiten. »Die Vergangenheit erdrückt mich. Wie soll ich erklären, wer ich war? Flickt meine Seele, hier und jetzt wird ein großer Dichter für euch tanzen.«

© Markus Aubrecht/Wiener Konzerthaus

1000 kleine Kummer

Die eigentümlichen Untertitel des bilderreichen Geschehens in »Oh, To Believe In Another World« sind von dem Dichter Wladimir Majakowski, der leider 1930 desillusioniert Selbstmord beging. Eine Zange mit grünem Rock tanzt auf Spitzen in einem Schaufenster. »Das Volk« sitzt davor und schaut – alles Kinder, aus schwarzweißen Fotos ausgeschnitten. »Über der Stadt lag ein gigantischer Kummer und 1000 kleine Kummer.« Es geht um »geliebte und ungeliebte Menschen« und manchmal ist die Musik ganz schrill. Bestimmte Themen werden nur angedeutet: »Ich bin inzwischen robust wie ein Traktor. Man muss den revolutionären Stil pflegen.« Dazu eine Kartonfigur mit Brille und einem Pflaster quer über den Kopf.

»Plötzlich drehen wieder die Lampen durch«, ist der Untertitel zum Tanz einer Figur mit Brett vor dem Kopf. »Almost himself« steht auf dem Brett. Poetische Sprache und Anregungen wie »Wie würd’ ich wimmern und weinen« bzw. »Bemüh’ dich um einen normalen Arbeitstag« wechseln mit Bildern wie Lenin mit einem riesigen Papier-Zeigefinger in der Luft. »Anleitung zur Verbesserung und Vervollkommnung des Menschen« steht darunter. Und: »Das Herz der ausgebrannten Epoche schütteln.«

Beim Allegro gibt es viel Getrommel, aber nur auf einer Snare. Der Dirigent zappelt herum. »Genossen, denkt das mal durch.« Schlagzeugbecken zusammengeklescht. Allegretto. »Das emotionale Komplott der Seele … Die Straßenbahnen schreien. Wir wollen das Gewirr der Welt entflechten, die lieblosen Zeiten wettmachen.« Die Kartonfigur von Stalin trägt ihren Megaphonarm wie einen Schild vor sich her. Die poetische Verrätselung gibt Raum und Platz zum Selberdenken, zum Assoziieren. William Kentridge ist niemand mit Zeigefinger in der Luft. »Das Paradies, wir finden es. Im schlimmsten Fall pflügen wir das ganze Universum durch. Bewegt euch. Der Tod nimmt keine Entschuldigungen an.« Durch den oft humorvollen Unterton steigt nur wenig Pathos auf: »Ich fühl’ mich wie eine sowjetische Fabrik. Aufgabe: Die Produktion von Glück.«

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Wortscheinwerfer

Andante Allegro: »Lenin, ein Idol, nun Altmetall.« Hinter den Cardboard-Masken sind afrikanische Schauspieler*innen zu erkennen. »Hinter seinem Rücken schreibe ich seinen Satz um!« Sätze hallen nach, Wortscheinwerfer. »Man nimmt seinen Schmerz und lässt ihn wachsen.« Die Revolution und ihre Folgen. Schrille Musik. »Die Menschheit hat sich in ein Blutbad aufgelöst.« Nachhallender Trommelwirbel. »Zuerst dachte ich, es war die Geheimpolizei. Es war nicht die Tscheka, es war der Wind.« Schattenspiel. Ein Arbeiter mit Flagge: »Die Reue hat lange auf sich warten lassen. Hör auf, die Seiten umzublättern. Gib’ mir das Leben wieder.« Am Schluss der aufregenden »10. Symphonie in e-Moll« von Schostakowitsch sitzen alle Geiger*innen mit erhobenem Bogen da. Kentridge rennt auf die Bühne. Großer Applaus. 

»Es ist ein seltsames Paradoxon, dass wir Utopie brauchen«, sagte Kentridge einmal. »Wir brauchen ein Gefühl von Utopie. Wenn wir glauben, dass die Welt nur das ist, was wir haben – ich meine TikTok und Netflix und Golf –, dann ist das sehr deprimierend. Das große Problem mit der Utopie ist es, zu wissen, wie die Dinge sein sollten, diese aber mit autoritärer Gewalt durchsetzen zu müssen, die wiederum die ursprüngliche Idee zerstört. Deswegen müssen wir auf viel mehr, partielle, kleinere Ideen hoffen.« 

Das Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters unter Michael Sanderling zum Film »Oh, To Believe in Another World« von William Kentridge fand am 2. Dezember 2023 im Wiener Konzerthaus statt.

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