© Adrian Malliga

TV Girl trifft auf TikTok-Crowd

Am 7. November 2022 lud die 808 Factory ins Wiener U4 zu einem Konzert der US-amerikanischen Indie-Pop-Band TV Girl. Was musikalisch vielversprechend klingt, wurde von einer phänomenologischen TikTok-Fan-Studie überschattet.

Als ich sah, dass die amerikanische Band TV Girl einen Gig in Wien plant, musste ich mich zunächst wirklich wundern. Die Band kenne ich schon seit Jahren, besonders das Album »French Exit« aus 2014 hat es mir angetan. Die Mischung aus Sample-lastigem HipHop mit Versatzstücken aus den 1960ern, gepaart mit Indietypischen Texten, wie man sie z. B. von Cigarettes After Sex kennt, ergibt bis heute eines der außergewöhnlichsten Alben, die ich kenne. Allerdings fanden die neueren Longplayer bei mir weniger Beachtung als das legendäre Album aus 2014. Auch gab es in letzter Zeit keinen neuen Releases.

Ich dachte nicht weiter darüber nach und kaufte Tickets für das Konzert, das ursprünglich im Chelsea hätte stattfinden sollen. Als ich am Tag des Events nochmal in der Ankündigung nachsah, muss ich feststellen, dass die Show in den Club U4 hochverlegt worden war, was mich doch wunderte, da ich das U4 nicht wie früher mit Konzerten verbinde, sondern mit mittelmäßigen Clubbings für Teenager. Allerdings stand auf der Veranstaltungsseite auch, dass TV Girl fast ausschließlich ihr Album »French Exit« spielen würden, was mich freute, aber auch verwunderte, da das Album ja kein Jubiläum oder ähnliches feiert.

232 Millionen Plays auf Spotify

Als ich vor dem U4 ankomme, sehe ich eine Schlange, die fast bis um die Ecke der Ruckergasse führt, viel Bewegung ist nicht zu erkennen. Was hingegen zu erkennen ist, ist das Alter der Konzertbesucher*innen. Ich würde schätzen, die meisten sind ca. 16 Jahre alt, einige noch jünger und in Begleitung ihrer Eltern da. Viele sprechen Englisch oder eine andere Fremdsprache. Der Modestil der Menge ist bemüht cool, eine gewisse TikTokÄsthetik lässt sich erkennen. Ich habe eher Menschen Mitte 20 erwartet, da diese Crowd zum Albumrelease 2014 ca. 10 Jahre alt oder noch jünger war. Ich fühlte mich schon etwas fehl am Platz,als eine kurze GoogleSuche das vielleicht schon Erwartbare bestätigt – TV Girl haben in den letzten Jahren einen Boom an Popularität erlebt, da einige Songs von ihnen auf TikTok viral gegangen sind. Plötzlich kann ich mir auch erklären,wieso etwa der Song »Lovers Rock« 232 Millionen Plays auf Spotify hat.

Nach der eher mittelmäßigen Vorband Danz CM, die eine Art Synth Pop mit Livegesang liefert, kommen unter viel Gekreische TV Girl auf die Bühne. Bereits während den ersten gesungenen Zeilen des Openers »Pantyhose« des Sängers Brad Petering habe ich den Eindruck, dass er wirklich keine Lust auf diesen Auftritt hat. Nachdem die Band drei Songs moderationslos und mit nahtlosen Übergängen spielt und Petering seine Fähigkeiten an einem Sampler beweist, findet die erste Ansprache statt: »It might be the very first concert for a lot of you guys, so here are some tips.« Er klärt über ein positives Miteinander auf und ruft dazu auf, einander zu helfen, wenn man den Eindruck habe, es gehe dem*der Nachbar*in nicht gut. »We’re gonna play the viral TikTok songs, some for the OG Heads, and some songs no one will enjoy, because I like them

Flucht in den Sarkasmus

Ich frage mich, wie es sich als Künstler anfühlen muss, wenn dein wirklich sehr gut bewertetes und unter Liebhaber*innen hochgelobtes Album auf einmal auf TikTok komplett durch die Decke geht und viel Aufmerksamkeit kriegt, aber das Publikum nur halb so alt ist wie du selbst. Wie Petering damit klarkommt, veranschaulicht seine zweite Ansprache nach dem Song »Daughter of a Cop«:»A very littleknown fact about me is that I used to live in Vienna in the 80s and I used to be a lot in this very club. As a matter of fact, I did coke with Falco at this toilette. Once he said to me Peter, my dear friend, I am not sure if I should release »Rock me Amadeus« in German or English. And I told him to do it in fucking German and so he did. RIP, Falco, my dear friend.« Was zuerst nach einer plausiblen Geschichte klingt, entpuppt sich nach ein wenig Recherche als glatte Lüge. Petering war zum Release von »Rock me Amadeus« nämlich noch gar nicht geboren. Spätestens jetzt bin ich mir sicher, dass der Sänger sich nur noch mit Sarkasmus über die Situation mit den jungen Fans retten kann.

Es folgt ein sehr seltsames Musikstück, in dem die zweite Hälfte des Duos TV Girl, Jason Wyman, eine Minute lang Triangel spielt. Im nächsten Song nimmtPetering in ShowmanManier seine Trompete heraus, spielt zum Ende des Songs drei leise und sehr falsche Töne und stellt die Trompete wieder zur Seite. Es folgt eine weitere unglaubwürdige Geschichte des Sängers, in der er erzählt, dass sein Freund Post Malone zu ihm gesagt habe, seine Musik hätte mehr Leben gerettet als alle Wissenschaftler und Ärzte zusammen. Den Song »Hate Yourself« beschreibt der Sänger mit den Worten »It’s okay to hate yourself or others. In fact, I hate everyone of you Ebenfalls erntet die Band viel Applaus für den Spruch »You’re the best crowd in Vienna we ever had!«. Petering hat zuvor mehrmals darauf hingewiesen, dass dies ihre erste Show in Wien ist.

Zum Schluss werden dann die TikTok Smash-Hits »Lovers Rock« und »Not Allowed« gespielt, zu denen das überdreht wirkende Publikum sehr laut mitsingtund vor allem mitfilmt. Ich habe noch nie so viele filmende Handys auf einmal gesehen, ebenfalls ist auffällig, dass viele Konzertbesucher*innen auch währendder Show sehr viele Selfies machen, ohne dass man die Band im Hintergrund unbedingt sieht. Zum letzten Song zieht sich Brad Petering noch in einer absolut überzogenen Art und Weise seine Jacke und sein Shirt aus und kippt den letzten Rest der Rotweinflasche in sich hinein, die er während des Konzerts geleert hat.

Ausflug in eine andere Welt

Resümierend muss man sagen, dass TV Girl ihre Stücke live gut umsetzten und sehr kurzweilig spielten. Allerdings konnte man sich nicht wirklich auf die Musik konzentrieren, da man sich wie in eine andere Welt geworfen fühlte. Kaum vorzustellen, wie sich das für die Band anfühlen muss. Auf der einen Seite sicher toll, dass man mit einem acht Jahre alten Album nochmal auf Europatour gehen kann und daran gut verdient. Andererseits scheint die einzige Antwort auf diesen Hype und die neue Fanbase für die Band im Lächerlich-Machen zu liegen und darin, sich selbst und die Tour nicht ernst zu nehmen.

Ich hatte den Eindruck, das Publikum verstand die überzeichneten Storys und Gesten auch wirklich nicht. Was für mich ein musikalisch schöner Abend hätte werden sollen, wurde doch deutlich von dem ungewohnt jungen, schrillen und betrunkenen Umfeld überschattet und somit fast ungenießbar. Nichtsdestotrotz war es ein spannender Einblick in eine Generation, die sehr enthusiastisch ihre Musik abfeiert, auch wenn sie noch um viel Erfahrungen reicher werden wird. Aber wenn jemand wirklich einmal von sich behaupten kann, sein oder ihr erstes Konzert sei TV Girl gewesen – Hut ab.

Link: https://tvgirl.bandcamp.com/