Schmyt © Volume/Patrick Van Tulder

Nicht nur Depri-Shit

Es gibt Musiker*innen, die klingen nur auf Platte richtig gut. Und es gibt die, die einen live nochmal extra heftig aus den Socken hauen. Schmyt gehört zu letzteren, wie er beim Konzert in der SiMM City am 2. November 2022 beweist. Gleiches gilt für seinen Support-Act: Rapperin KeKe.

Was ist heftiger, der Sound von KeKe oder der Bass im SiMM City Festsaal? Let’s say it like this: Der Bass ist krass, aber KeKe ist krasser. Und als Opening-Act für Schmyt absolut die richtige Wahl. Denn wie Schmyt beherrscht auch sie das Spiel mit musikalischen Genres; KeKes Wurzeln liegen im Jazz, ihr jetziger Sound bewegt sich zwischen Elektronik und HipHop, ihre Stimme verspricht aber auch Soul. Mit ihrer Präsenz nimmt sie die ganze Bühne ein, dabei steht dort neben ihr noch DJ Molly Pocket, der für die Beats zuständig ist und den Bass beim zweiten Track »Malibu« ordentlich aufdreht.

Während »Malibu« Urlaubsfeeling versprüht (»Höre das Rauschen der Brandung / Laufe die Küste entlang / und verlier die Spannung«), wird es danach etwas ruhiger. In »Egal« singt KeKe über die Scheißsituation, sich trotz Beziehung in eine andere Person zu vergucken. In »Wolfau« – der Name ihres Heimatsdorfes – verarbeitet sie negative Erfahrungen aus ihrer Kindheit. In ihren letzten zwei Songs »DMs« und »Thick« zeigt sich KeKe dann wieder stark, teilt aus, ist selbstbewusst: »Dream, goddess, fat, queen / Finger licking good like whipped cream / Fit, thick, skintight jeans / Entern deinen Katalog like ›Bitch, please«. Flexen, das kann KeKe. Die Crowd liebt es.

Keke © Volume/Patrick Van Tulder

Auftritt: Schmyt

Und dann kommt Schmyt auf die Bühne. »Ich bin froh, dass es nicht aufgeflogen ist, dass ich gar nicht singen kann«, witzelt er nach den ersten paar Tracks – zuerst »Liebe verloren«, dann »Medusa« und »Niemand« – über seinenexzessiven Autotune-Einsatz. »Aber nach KeKe steht man eh schlecht da.« Dass Schmyt seine eigene Stimme in Frage stellt, grenzt an Blasphemie. Aber was soll man sagen: Hier geben sich eben zwei ganz große Musiker*innen die Hand.

Der Festsaal der SiMM City ist voll an diesem Abend. Dabei ist Schmyt schon das zweite Mal in kurzer Zeit in Wien. Erst im Mai 2022 spielte er im Rahmen seiner ersten Tour unter dem Titel »Niemand kommt« noch vergleichsweise heimelig im Flex Cáfe. Ironischerweise verkauften sich die Tickets damals wie warme Semmeln, der Gig in Wien sowie auch alle anderen Termine der Tour: restlos ausverkauft. Eine Herbst-Tour wurde angehängt, die geplante Show im WUK verlegten die Veranstalter*innen wegen der hohen Vorverkaufszahlen indie SiMM City. Kurz nach der Veröffentlichung von Schmyts erstem Album»Universum regelt« Mitte Mai waren auch hier alle Tickets weg.

Der Grund: Schmyt ist einer dieser Musiker*innen, auf die sich fast alle einigen können. Bei ihm trifft Singer-Songwriting auf HipHop, gebrochenes Herz auf Gesellschaftskritik, Humor auf Melancholie. Als Label hängt ihm derzeit noch letzteres an, schließlich vereinte seine erste EP 2021 auch eher Seelenschmerz-Drogensumpf-Songs wie »Poseidon«, »Gift« oder »Taximann«. Und als Schmyt einmal scherzhaft in die Runde fragt: »Wer ist nur für den Depri-Shit hier?«,recken auch alle ihre Hände in die Luft. Bei seinen clubbigen, mitreißendenTracks – darunter »Sterbenstaub« feat. RIN, »Tangobounce Freestyle« oder »100 Euro« – tanzt die Crowd aber trotzdem wild mit.

Schmyt © Volume/Patrick Van Tulder

Songs und Storytelling

Manche Lieder stechen lyrisch besonders hervor, darunter »Ich wünschte, du wärst verloren«, bei dem Schmyt selbst die Gitarre zur Hand nimmt, während seine Bandmitglieder sich in den Hintergrund begeben: »Ich zertrete ein paar Tulpen im Park / Weil ich seit dir schöne Dinge nicht mehr mag«. Oder »Bumms«, ein Song über die Jugend auf dem Dorf, spießige Vorgärten und erdrückendes Kleinbürgertum: »Jeder sieht sich hier mit 40 in nem Haus mit weißem Zaun / Du dich hier mit circa 140 an nem Baum«. Alltime Favourite bleibt auch »Taximann«, in dem Schmyt über eine Fahrt zur Hölle singt: »Ohrenbetäubende Stille, ich will da nicht hin / Lass es brennen, Kumpel, fahr«.

Bei anderen Stücken rückt das musikalische Können der Bandmitglieder in den Vordergrund, z. B. wenn Schlagzeuger Paul Albrecht ein Solo hinlegt (Schmyt so: »Er ist Endgegner!«), David Thornton ein fettes Riff auf dem Bass zaubert oder Schmyt selbst bei Stücken wie »Poseidon« seinen immensen Stimmumfang unter Beweis stellt. Da ist es auch nicht so schlimm, dass er nicht der Typ für viele Bühnenansagen ist. Denn so bleibt mehr Platz für das, worum es allen Anwesenden eigentlich geht: Seine Musik. Oder wie Schmyt sagt: »Ich hör jetzt mal auf mit meinen komischen lebensverbesserungsvorschlagenden Scheißansagen und wir spielen das letzte Lied.« Und so entlässt Schmyt mit der finalen Zugabe »Keiner von den Quarterbacks« sein Publikum in die Nacht.

Schmyt © Volume/Patrick Van Tulder

Link: https://www.instagram.com/derschmyt/

Fotostrecke: https://www.volume.at/fotos/schmyt-simm-city-2022-11-02/